Stadtentwicklung durchlief in den letzten Jahrzehnten aufeinander folgend verschiedene Phasen:
Zunächst der Wiederaufbau (bis 1955) und die flächenhafte Stadterweiterung mit dem Massenwohnungsbau (bis 1975), dann die Attraktivierung der Zentren und die Bestandserneuerung. Zuletzt waren es der durchgreifende Strukturwandel der Wirtschaft sowie freigegebene Militär- und Infrastrukturflächen (Bahn, Kliniken), die der Stadtentwicklungsplanung neue Möglichkeiten geboten haben, die Investitionen wieder in die Stadt zu lenken (Innenentwicklung) und die Folgen ungehemmter Funktionstrennung zu mildern ("Neue Urbanität").
Dieses sind auch Möglichkeiten, der Stadtentwicklung wieder eine Balance zu geben und die zunehmenden Flächen- und Mobilitätsansprüche, die aus dem Bevölkerungszuwachs, steigendem Reichtum und einer dynamischen Wirtschaft resultieren, mit dem Ziel zu verbinden, die städtische Umwelt und das Sozialgefüge nicht zu überfordern.
Klimaschutz und Energieverteuerung erfordern zudem immer dringender einen Umbau der Stadt. Dafür stehen nicht nur begrenzte öffentliche Mittel zur Verfügung, es muss auch um Akzeptanz geworben werben.
Paradoxerweise erhält die Stadtentwicklungsplanung dadurch zusätzlichen Schub, dass angesichts stark geminderter Zuwanderungsquoten und des beginnenden demografischen Wandels das jahrzehntelang wirkende Wachstumsmodell und damit viele Methoden und Instrumente der Planungs- und Bodenpolitik und der Städtebauförderung in Frage stehen.
Mehr und mehr rücken die Konsolidierung des Siedlungsgefüges sowie die Weiterentwicklung und Anpassung der Bestände und Infrastrukturen ins Blickfeld ("Modernisierung der Moderne").
Denn nicht nur die Rahmenbedingungen wandeln sich grundlegend, auch das Planungsverständnis:
Es geht mehr denn je um Planungskultur, sprich um kommunikative Form der Planung (Dialogische Planung), um eine Teilhabe gesellschaftlicher Gruppen an Planungsprozessen (Partizipation), um eine Strategie der kleinen Schritte und Prioritätensetzungen (Planungsmanagement), um neue Trägerformen der Planung (Public-Private-Partnership) und um modellhafte Initiativen und Experimente sowie deren Koordination (Projektsteuerung).
Planungsbezogene Beschlüsse, städtebauliche Rahmenpläne und Bauleitpläne tragen wesentlich dazu bei, jedes Jahr Investitionen in Millionenhöhe zu ermöglichen und zu sichern.
Der Beitrag der Stadtplanung und Stadtentwicklung ist umso zielgenauer, je klarer die wichtigen Trends erkannt, zukünftige Entwicklungen vorhergesehen und Leitziele formuliert werden.
Um diese Chance zu nutzen, hat der Gemeinderat der Landeshauptstadt Stuttgart beschlossen, als "Navigationshilfe" für zukünftige Planungen ein Stadtentwicklungskonzept (
STEK ) erarbeiten zu lassen.
In einem dreistufigen, seit 2004 andauernden Planungs- und Diskussionsprozess wurde ein konzeptionelles Planwerk erstellt, das die funktionalen und räumlichen Qualitäten und Entwicklungspotenziale Stuttgarts für die Gesamtstadt für den Zeitraum der nächsten 15 bis 20 Jahre erstmalig und ressortübergreifend aufzeigt. Mit dem Entwurf 2004 des Stadtentwicklungskonzeptes wurde eine Grundlage für den Dialog aller Beteiligten geschaffen.
Beraten und begleitet wurde der erste Teil des STEK von einer Lenkungsgruppe mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, externen Planern und Akteuren sowie Experten aus anderen Städten. Im Rahmen von öffentlichen Fachkonferenzen wurden Szenarien für die Entwicklung Stuttgarts zur Diskussion gestellt.
Die im Entwurf vorgestellten Themenfelder und Leitprojekte wurden anschließend intensiv mit der Öffentlichkeit diskutiert. Mit dem Dialog 2005 fand eine Reihe von Diskussionsabenden statt, zu der interessierte Bürgerinnen und Bürger, Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie Fachleute unterschiedlicher Disziplinen eingeladen waren.
Mit der Strategie 2006 liegt der dritte integrale Bestandteil des STEK vor. Er fasst die erarbeiteten und diskutierten Inhalte zusammen und zieht strategische, auf den Aspekt der Umsetzbarkeit ausgerichtete Schlüsse aus den vorgebrachten konzeptionellen Überlegungen.
Mit dem Gesamtkonzept für das STEK wurde schließlich eine Handlungsstrategie vereinbart, die neben einem Katalog aus zehn übergreifend geltenden und sektoralen Leitzielen für die künftige Stadtentwicklungspolitik eine Reihe von Leitprojekten und Impulsprojekten zur Entwicklung des Gesamtraums definiert.
Die Leitziele umfassen die Nachhaltigkeit als Leitprinzip, die Stärkung urbaner Qualitäten und den Ausbau der Kooperation in der Region, aber beispielsweise auch die Förderung der Integration und des sozialen Miteinanders, die Sicherung des Wohnraums und urbaner Wohnformen, den Ausbau wirtschaftlichen Standortfaktoren oder etwa die Gestaltung einer stadtverträglichen Mobilität.
Besonderes Profil erhält das Stadtentwicklungskonzept durch vier thematische Leitprojekte, denen jeweils räumliche Schwerpunkte zugeordnet sind, um die Entwicklungspotenziale der Stadt als Wohn-, Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort beispielhaft zu verorten und den unterschiedlich strukturierten Teilräumen der Stadt gerecht zu werden.
Räumlich verortet auf einer "Entwicklungsdrehscheibe" rund um das Zentrum erleichtern die Impulsprojekte den Einstieg in die Realisierung der Leitprojekte; diese Projekte liegen praktisch dort, wo heute in der Stadtentwicklung am meisten passiert.
Die Stadtentwicklungsplanung vernetzt diese und weitere Impulsprojekte und entwickelt so die Gesamtstadt konzeptionell weiter.
Als Impulsgeber und Multiplikatoren und mit Anschubwirkung für die Stadtentwicklung sind sie mit hoher Priorität zu verfolgen. Einige Impulsprojekte widmen sich der Innenstadt, urbanen Quartieren und der Wiedergewinnung der öffentlichen Räume - so z.B. das Impulsprojekt "Gestaltungsoffensive historischer Stadtkern Stuttgart" (u.a. Innenstadtkonzept StadtKernZiele, Lichtmasterplan), das Impulsprojekt "Von der Verkehrsstraße zum Boulevard - Umgestaltung des Cityrings" oder das Impulsprojekt "Stuttgart 21 / RosensteinViertel - Ausbildung eines urbanen Stadtteils".
Weitere Projekte fokussieren die gewerbliche Standortentwicklung insbesondere vor dem Hintergrund der Entwicklung kreativer Stadtquartiere und "neuer Mischgebiete" - beispielhaft zu nennen sind hier die Impulsprojekte "City Prag" und "Killesberg - Forum K".
Schließlich qualifizieren einige urbane Projekte die spezifischen Lagen des Neckartals und entwickeln hier im industriell-gewerblichen Kontext neue Wohn- und Arbeitsstandorte und Freiräume - die Impulsprojekte "NeckarPark / Güterbahnhof Bad Cannstatt" und "Landschaftspark Neckar" verdeutlichen diese Entwicklungsansätze.
Mit den Impulsprojekten und mit der Konzentration auf den zentralen Entwicklungsraum der Stadt soll eine deutliche Priorität für den Stadtumbau in den nächsten zwei Jahrzehnten gesetzt werden.
Das Stadtentwicklungskonzept wird kontinuierlich fortgeschrieben und anhand von räumlichen und sektoralen Arbeitsprogrammen und Entwicklungskonzepten (z.B. für Wohnen, Gewerbe) thematisch ausgearbeitet und konkretisiert. Über die laufende Umsetzung und Weiterentwicklung des STEK soll alle 5 Jahre berichtet werden; der 2005 eingeleitete "Dialog Stadtentwicklung" wird als Veranstaltungsreihe zu verschiedenen Themen fortgesetzt.