2005 - Michael Wieck

Michael Wieck hat sich als Zeitzeuge und Interpret jüdischer Musik und von Werken jüdischer Komponisten für die christlich-jüdische Verständigung durch Veranstaltungen, Vorträge, Lesungen, Konzerte und Besuche in Schulen und Jugendgruppen eingesetzt. In seiner Lebensgeschichte spiegelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider - der Schrecken und das Leid wie auch die Zuversicht des Neuanfangs. Michael Wiecks Erfahrungen als Zeuge des Jahrhunderts, als Deutscher und Jude, vermittelt er unermüdlich an junge und ältere Zuhörer in der Hoffnung, aus der Geschichte zu lernen und ein Leben in Frieden und Toleranz zu gestalten.

Michael Wieck wurde 1928 in Königsberg, Ostpreußen, geboren. Die Nazis verfolgten ihn als so genannter "Geltungsjude", da seine Mutter jüdisch war und er selber jüdisch erzogen wurde. Seine Eltern Kurt Wieck und Hedwig Wieck-Hulisch gründeten das "Königsberger Streichquartett", in dem sie Violine und Viola spielten. Mit sechs Jahren begann Michael Wieck Geige zu spielen. 1936 wechselte er an die jüdische Schule, weil die antisemitischen Angriffe der Klassenlehrerin an der deutschen Schule unerträglich wurden. In dieser Zeit entdeckte er die jüdische Religion, studierte hebräische Texte, las Bibelabschnitte und lernte die Gebete und Gebräuche. Sein Zimmer spiegelte die gegensätzlichen Einflüsse wider: eine kleine Thorarolle und die Hitlerportraits in der Briefmarkensammlung, der Chanukkaleuchter und die Zündplättchenkanone, seine Geige und ein Karton mit Christbaumschmuck.

Im Juli 1941 feierte der 13-Jährige seine Bar-Mitzwa in der orthodoxen Synagoge von Königsberg. Als "Geltungsjude" wurde Michael Wieck von den Nazis verfolgt und gedemütigt. Er erlebte die Deportation von Familienangehörigen und Freunden aus nächster Nähe. Als die Rote Armee die Stadt eroberte, war zwar die Nazizeit vorbei, das Leiden jedoch nicht. Nun wurde Wieck als Deutscher im KZ Rothenstein interniert. Er wurde verhört, gefoltert, schikaniert, litt Hunger und Angst. Erst nach drei Jahren erhielt er mit seinen Eltern eine Ausreisegenehmigung.

Sie zogen nach Berlin, wo Michael Wieck die Musikhochschule besuchte und von 1952 bis 1961 erste Violine im RIAS-Sinfonie-Orchester Berlin unter Ferenc Fricsay spielte. Außerdem war er Zweiter Konzertmeister im "Kammerorchester Berlin". 1961 wanderte er mit seiner Frau Hildegard und den vier Kindern nach Neuseeland aus, wo er sieben Jahre lang Senior Lecturer für Violine an der University of Auckland war. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik war er Erster Konzertmeister des Stuttgarter Kammerorchesters unter Karl Münchinger und von 1974 bis zu seiner Pensionierung 1993 Erster Geiger im Radiosinfonie-Orchester Stuttgart, wo er auch Orchestervorstand war. 1989 erschien sein Buch "Zeugnis vom Untergang Königsberg. Ein 'Geltungsjude' berichtet" mit einem Vorwort von Siegfried Lenz.

Die Laudatio hielt Dr. Christian Schwarz-Schilling, Bundesminister a.D. und Internationaler Streitschlichter. Grußworte sprachen Peter Hönig, Sprecher des Vorstands der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, sowie Barbara Traub, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs.