Hannes Hintermeier: Laudatio auf Petra Morsbach

Hannes Hintermeier
Gewohnheit ist stärker als Sexualität


Hochwürdens Suche nach den zehn Gerechten von Bodering: Eine Lobrede auf die Schriftstellerin Petra Morsbach


Geht das? Kann man einen Roman über einen katholischen Pfarrer schreiben, als Frau? Über einen Pfarrer, der tief im Bayerischen Wald lebt, der rothaarig ist und stottert? Der Isidor Rattenhuber heißt? Liegt da nicht das Scheitern so klar und schwer bezwingbar vor einem wie die Granitfindlinge auf dem Anstieg zum Lusen? Und überhaupt: Wen interessiert denn das heutzutage noch, ein Roman über einen "Gottesdiener", obendrein in einem Land, das nach der Papstwahl erst einmal damit beschäftigt war, sich hauptsächlich nicht zu freuen?

Petra Morsbach, 1956 in Zürich geboren und gutbürgerlich in Starnberg aufgewachsen, kommt vom Theater. In Leningrad hat sie als Teilnehmerin einer Meisterklasse Regie ihr Herz an Rußland verloren, an seine Musik und seine Literatur. Nach Abschluß des Slawistik-Studiums und der Promotion über Isaak Babel lag von daher ein Wechsel ins Regiefach nah; Frau Morsbach arbeitete zehn Jahre als Dramaturgin und Regisseurin in Freiburg, Bonn und anderen deutschen Stadttheatern. Dann wurde der Wunsch zu schreiben, die russischen Erfahrungen zu verarbeiten, immer drängender. Geschult hinter den Kulissen des Musiktheaterbetriebes, hätte sie wissen können, was im Literaturbetrieb auf sie zukommt.

Mit jedem Roman in eine andere Lebenswelt vorstoßen.


Prompt kam es knüppeldick: Als sie vor zehn Jahren in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Rituallesen debütierte, deutete zunächst nichts auf die erstaunliche Laufbahn hin, welche die Autorin seither genommen hat. Denn um den Text, den Petra Morsbach in diesem sehr heißen Fernsehstudio vorgetragen hat und der später in einen Roman mündete mit dem schönen Titel "Plötzlich ist es Abend", entzündete sich alsbald eine Debatte, die sich gewaschen hatte - gemeinhin das Beste, was einem Debütanten im Literaturbetrieb passieren kann. Das hatte zum einen damit zu tun, daß kein Geringerer als Hans Magnus Enzensberger als Geburtshelfer des Buches Partei für die Autorin ergriffen hatte, ja sie im "Spiegel" in die Nähe Alfred Döblins rückte. Zum anderen hatte es damit zu tun, daß Frau Morsbach in Klagenfurt mit Karacho durchfiel. Und es hatte wohl auch damit zu tun, daß die großen Verlagshäuser das Buch abgelehnt haben und dann zusehen mußten, wie es seinen Weg machte. Ein leichter Weg war dies freilich nicht.

Seite 1 von 6