Hegel-Preis 2006 - Prof. Dr. Richard Sennett

Am Dienstag, 28. März 2007, wurde der mit 12.000 Euro dotierte Hegel-Preis der Stadt Stuttgart an den Soziologen Professor Dr. Richard Sennett verliehen. Der 64-jährige gilt als einer der "berühmtesten Theoretiker, Stadtforscher und Soziologen der Welt" (3sat). Seine Themen sind hochaktuell. Einige seiner Gesellschaftsanalysen wurden - nicht zuletzt dank seines literarischen Stils - zu Bestellern. Dazu gehören zum Beispiel "Der Verfall des öffentlichen Lebens", "Der flexible Mensch" oder "Die Kultur des Neuen Kapitalismus".

Leben in der Stadt

In seinen früheren Arbeiten hat sich der Soziologe viel mit dem Leben in der Stadt befasst. Für Sennett ist die eigentliche Verheißung städtischen Lebens, "dass die Vielfalt des urbanen Daseins zu einer Quelle der gemeinsamen Stärke wird, anstatt einer Quelle der gegenseitigen Entfremdung und Verbitterung der Bürger."

"Die kritischen Analysen und Lösungswege die Professor Richard Sennett aufzeigt, sind gerade für eine Stadt wie Stuttgart von großer Bedeutung", sagte der Stuttgarter Oberbürgermeister in seiner Begrüßungsrede. In Stuttgart lebten 170 Nationen zusammen. Deshalb sei die Frage, wie man dem Ausschluss von Fremden, Migranten und Andersdenkenden und dem Rückzug in die eigene private Interessensphäre begegnet, eine zentrale Herausforderung. "Unsere Integrationspolitik beginnt bei einem klaren Ausgangspunkt. Jeder, der hier lebt, ist ein Stuttgarter. Wir betrachten Internationalität nicht nur in Wirtschaft und Wissenschaft, sondern auch in unserer Bürgerschaft als Stärke", so der Oberbürgermeister weiter.

Kapitalismus, Individuum und Gesellschaft

Bekannt wurde Sennett insbesondere durch seine Untersuchungen zu den Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus auf Individuum und Gesellschaft. Dabei geht es um Themen wie die Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht moderner Individuen, die Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen und die Ausübung von Herrschaft. "Nicht nur die Einsicht, dass es eine Intimgesellschaft nicht geben kann, sondern die Freude darüber, dass es sie nicht gibt, und dass das unendliche Gespräch zwischen Fremden nie aufhören wird, solange es Menschen überhaupt gibt, kennzeichnet die Größe des soziologischen Schriftstellers und Menschen Richard Sennett," sagte Professor Dr. Ulrich Beck von der Ludwig Maximilian Universität in seiner Laudatio.

"Echter Hegelianer"

Der Soziologe Sennett bedankte sich für den Preis und sagte über seine Arbeit: "Ich versuche zu verstehen, wie aus Menschen bessere und kompetentere Materialisten werden können." Zum Abschluss meinte er, dass er neulich einen Satz von Hegel gelesen hätte, der in etwa lautet, dass ein schönes Gebäude kein Gebäude sei, an dem alles schön ist, sondern ein Gebäude, in dem man wohnen könne. "Wenn dem so ist, dann bin ich ein echter Hegelianer."


Richard Sennett wurde am 1. Januar 1943 in Chicago geboren. 1964 promovierte er an der Harvard University. Heute lehrt er Soziologie und Geschichte an der London School of Economics und am College of Art and Sciences an der New York University.

Eine Jury unter dem Vorsitz der Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport, Dr. Susanne Eisenmann, hatte den Preisträger auf Grundlage von Vorschlägen der Internationalen Hegelvereinigung ausgewählt.