Martinskirche in Plieningen

Plieningens historisches Zentrum

Die Kirche liegt zwar am Rande des Ortes, ist aber dennoch sein historisches Zentrum. Sie bietet mit ihrem markanten geneigtem Turm und seinen grünglasierten Ziegeln auf dem lindenbeschatteten Mönchhof ein stimmungsvolles Bild. Nicht wenige Fremde besuchen sie, hauptsächlich wegen ihrer seltenen romanischen Reliefplatten unter dem Dachgesims, die aus dem 12. Jahrhundert stammen. Diese Plastiken haben der Forschung manche Rätsel aufgegeben und zu vielen phantasievollen Erklärungen Anlass gegeben. Wir können wohl sehen, was auf den Platten dargestellt ist, doch nur wenige Darstellungen lassen sich einwandfrei deuten. Dazu gehört insbesondere das Bild mit der Darstellung der Mantelspendung des heiligen Martin auf der Nordseite, neben dem Turm. Es ist ein Bild, das auf die Stiftung der Kirche Bezug nimmt. Das Gegenstück auf der Südseite zeigt den Beginn der Bauarbeiten. Viele der anderen Bilder dürften die Funktion haben, böse Geister vom Bereich des Heiligtums abzuschrecken, um so einen geweihten, der Alltagswelt entzogenen heiligen Raum im Inneren umzufrieden.

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Martinskirche. Foto: Stadt Stuttgart

Wechselhafte Baugeschichte

Schon die Außenwände des Baus lassen auf eine wechselhafte Baugeschichte schließen. Aus romanischer Zeit stammen noch die kleinen Rundbogenfenster und der sorgfältig gearbeitete Bogenfries, der abwechselnd von Widder- und Menschenköpfen getragen wird. Gotisch ist der Chor mit seinen Spitzbogenfenstern. Aus den Epochen nach der Reformation stammen die nur scheinbar gotischen großen Fenster des Langhauses und die heutige Gestalt des Turmes. Sein oberstes Geschoss, das den Glockenstuhl beherbergt, besteht aus verputztem Fachwerk. Die vielfältigen Veränderungen einer Kirche aus dem Mittelalter dokumentieren, wie sehr das Leben der Kirche teilhatte an den Entwicklungen der Zeit. Aus der Frühzeit erhalten blieb die Orientierung des Baus, deren Chor bis heute ostwärts schaut, der aufgehenden Sonne des Morgens entgegen, zu den Gräbern auf dem Friedhof.

Innenraum

Lebendige "Jahresringe" zeigt die Kirche erst recht, wenn man ihr Inneres betritt. Viele Besucher sind beeindruckt, nach dem Eindruck des Äußeren nun keinen romantischen oder gotischen Bau vorzufinden. Stattdessen wird der Charakter des Inneren bestimmt durch die doppelte Empore aus dunklem Holz, die aus dem Jahr 1901 stammt. Sie ersetzt eine vergleichbare Empore aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, auf der einstmals Gemeindemitglieder aus Birkach und Riedenberg ihren Platz hatten, als diese Gemeinden noch Filialen der Plieninger Muttergemeinde waren. Vermutlich war die Empore dekoriert mit Bildern biblischer Geschichten. Zwei davon haben sich erhalten. Aus dem Jahr 1751 stammt auch die heute wieder restaurierte Stuckdecke mit drei aufgemalten Wappen: dem Ortswappen von Plieningen, in der Mitte dem Wappen des Herzogtums Württemberg, umschrieben mit dem lateinischen Spruch: "Provide et constanter" - Mit Vorsicht und Beharrlichkeit, wahrscheinlich dem Wahlspruch von Herzog Carl Eugen; schließlich dem Wappen vom Kloster Bebenhausen, umgeben von einem Psalmwort.

Künstlerische Gestaltung

Die Gemeinde, die sich heute zum Gebet versammelt, hat in ihrem Blick den ausdrucksvollen spätgotischen Kruzifix, dahinter den Chor mit seinem schönen spätgotischen Netzgewölbe. Bis in die 60er Jahre war auch den Chor mit einer Empore versehen, darauf die barocke Orgel. Unter dieser Empore war einst der Platz für die Kinder der Wilhelmspflege, einer der traditionsreichsten Einrichtungen der Jugendpflege in Württemberg, die schon seit 1841 in Plieningen ansässig ist. Heute sind wieder die schönen Schlusssteine des Gewölbes sichtbar. Sie zeigen die Symbole der vier Evangelisten sowie wiederum den heiligen Martin. Das Gewölbe ruht auf Konsolen, die plastisch ausgestattet sind. Sie zeigen Engel mit Wappenschilder, darauf die Marterwerkzeuge Jesu, aber auch wieder die Wappen Württembergs und des Klosters Bebenhausen. Besonders sehenswert ist die Darstellung des Schellennarren mit dem Dudelsack in der Ecke über der Sakristeitüre. Er ist umgeben von einem Band mit der Inschrift: "Wer die Wappen recht erkennt, wird nicht geschändt" - ein Hinweis darauf, dass die Weisheit Gottes in der Torheit des Leidens verborgen ist und sich erst im jüngsten Gericht erweisen wird. Das zeigt der Erzengel mit der Seelenwaage. Auf einer der Konsolen ist dem Abt von Bebenhausen ein Denkmal gesetzt, der den Chor an die Kirche hat anfügen lassen: Ein freundliches rosiges Gesicht, das sich sicher oftmals freute über die ergiebigen Einnahmen des Kloster, wie sie sich in der Zehntscheuer am Mönchhof sammelten.

Glasfenster und Taufstein aus heutiger Zeit

Auch die Gegenwart hat beigetragen zur Verschönerung des Gotteshauses, so durch die Glasfenster, die W.D. Kohler im Chor, mit dem Bild zur Erhöhung Jesu einen sinnvollen Bezug zum Altarkruzifix darstellen. Die Bronzeschale des Taufsteins stammt von Ulrich Henn. Sie deutet die Taufe nach dem Zeugnis des Apostels Paulus aus dem Römerbrief.

 
 

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