Der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Matthias Hahn, hat am Freitag, 11. April, das neue Heft der Schriftenreihe des Amts für Umweltschutz "Gaswerke in Stuttgart - Auswirkungen auf Boden und Grundwasser" vorgestellt. In diesem Heft ist der Stand der Untersuchung und Sanierung der Boden- und Grundwasserverunreinigungen bei den zwölf Stuttgarter Gaswerksstandorten dargestellt.
Gaswerke waren in den beiden vergangenen Jahrhunderten Zeichen des technischen Fortschritts und des Wohlstands. Heute wird in Stuttgart kein Gas mehr produziert. Es bleibt die Aufgabe, die lange Zeit unerkannten negativen Auswirkungen der Gaserzeugung auf den Boden und das Grundwasser zu untersuchen und, wo notwendig, zu lindern. Denn vollständig beheben lassen sich die Schäden nicht, wie sich dies bei der Sanierung des Gaswerks Stuttgart-West gezeigt hat.
Die Liste der Schadstoffe, die bei der Gasproduktion entstanden sind, ist lang: Berliner Blau (Cyanid), Benzol, Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (Teeröle) und Phenole sind die prominentesten Vertreter. Die davon für die Gesundheit der Menschen und das Grundwasser ausgehenden Gefahren sorgen dafür, dass Gaswerksstandorte auch heute noch, mehr als 35 Jahre nach ihrer Stilllegung, von großer Bedeutung für die Umwelt sind. Die durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass die Schadstoffe, deren Eintrag in den Untergrund einerseits schon vor über 150 Jahren begonnen hat, andererseits aber auch auf massive Kriegseinwirkungen während der Bombardierung Stuttgarts im Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist, immer noch nahezu unverändert vorhanden sind.
Im Mittelpunkt des Pressegesprächs standen die Altlastensituation und das Sanierungskonzept für das Gaswerk Stuttgart-Ost. Fachleute der Stadt und Vertreter von Ingenieurbüros referierten zum Stand der Erkenntnisse und über das weitere Vorgehen. Der Leiter des Gaswerks Ost informierte über die nach wie vor große Bedeutung des Gaswerks für die Versorgung der Stuttgarter Bevölkerung und zur Bedeutung des Umweltschutzes im Unternehmen. Seit 1875 wurde im Gaswerk Ost Stadtgas aus Steinkohle hergestellt. In Spitzenzeiten Ende der 1960er-Jahre hat das Gaswerk jährlich 547 Millionen Kubikmeter Stadtgas erzeugt. Damit war es die größte Anlage Südwestdeutschlands zur Stadtgaserzeugung. 1974 wurde die Stadtgasproduktion nach nahezu 100 Jahren eingestellt. Seither dient der Standort der Verteilung und Zwischenspeicherung von Erdgas, auch in verflüssigter Form.
Seit 1971 wurden bei Baumaßnahmen immer wieder Verunreinigungen des Bodens und des Grundwassers mit Rückständen aus der Gasproduktion festgestellt und bereichsweise saniert. 1994 hat die systematische Altlastenuntersuchung an dem Standort begonnen, über 100 Grundwassermessstellen wurden gebohrt, zahllose Boden- und Grundwasserproben gewonnen und untersucht.
Der Standort liegt in der Kernzone des Heilquellen-Schutzgebiets und hat damit besondere Brisanz. Bürgermeister Hahn: "Ich wundere mich, dass in der nahe gelegenen Leuze-Quelle bisher keine Schadstoffe angekommen sind." Dieser Umstand ist nur auf die besondere hydrogeologische Situation im Grundwasser-Abstrom des Gaswerksstandortes zurückzuführen. Das von oben nach unten zunehmende Druckpotenzial hat bisher verhindert, dass Schadstoffe diese "Drucksperre" überwinden und zur Tiefe hin absinken.
Seit Juni 2004 ist die Sanierungsuntersuchung für das Gaswerk Ost im Gang, die jetzt abgeschlossen wird. Sie zeigt, wie der komplexe und großräumige Umweltschaden bekämpft und mögliche Folgeschäden einer Sanierung für das Mineralwasser vermieden wird.
Das angedachte Sanierungskonzept sieht ein Leitwandsystem vor, das verhindert, dass schadstoffhaltiges Wasser in die Tiefe absinkt. In einem Sicherungsbauwerk werden die im Neckarkies horizontal abströmenden Schadstoffe aufgefangen und gereinigt. Im Schutz dieses Sicherungsbauwerks können anschließend Schadstoffherde, wie alte Teergruben, ausgehoben und Schadstoff-Phasenkörper im Grundwasser entfernt werden, ohne dass durch diese Arbeiten Schadstoffe mobilisiert werden und in Richtung auf die Heilquellen abströmen. Mit der Sanierungsplanung beginnt nun die erste Stufe der Sanierung des Standortes. Die Kosten werden derzeit auf mindestens 6,5 Millionen Euro veranschlagt. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat diesen Betrag als förderfähig anerkannt und für die Sanierungsplanung einen Zuschuss von 300.000 Euro bewilligt. Damit kann mit der Detailplanung für die Sanierungsanlagen begonnen und die Ausschreibung und Vergabe der Baumaßnahmen vorbereitet werden. Mit ersten Baumaßnahmen zur Herstellung der Leitwand soll nach Abschluss der Sanierungsplanung im Jahr 2010 begonnen werden. Alle Untersuchungen am Gaswerksstandort Stuttgart-Ost erfolgten in enger Kooperation mit der EnBW Gas GmbH. Der Gaswerksstandort war auch Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchungen und Studien, welche die EnBW Gas konstruktiv begleitet hat. Insgesamt sind in die Untersuchung der zwölf Stuttgarter Gaswerksstandorte bisher rund 1,5 Millionen Euro öffentlicher Mittel geflossen, in die Sanierung rund drei Millionen Euro. Von diesen 4,5 Millionen Euro stammen rund 3,4 Millionen aus dem kommunalen Altlastenfonds Baden-Württemberg. Weit über eine Millionen Euro haben die EnBW und ihre Rechtsvorgängerinnen für das Gaswerk Stuttgart-Ost, die Deutsche Bahn für das Reichsbahn-Ausbesserungswerk Bad Cannstatt und die Landeshauptstadt für das Gaswerk Stuttgart-West getragen.
"Ohne die Altlastenförderung des Landes Baden-Württemberg wäre der Einstieg in die Sanierungsplanung für das Gaswerk Ost noch in weiter Ferne", so Bürgermeister Hahn. "Ich bin der Meinung, dass der Altlastenfonds des Landes auch weiterhin dringend benötigt wird, um die Umweltschäden aus der frühen industriellen Produktion, von denen viele noch immer nicht beseitigt sind, zu sanieren. Nicht zuletzt ist diese Unterstützung ein wichtiger Baustein bei der Erreichung des Zieles, alte Industriestandorte und Bauflächen zu revitalisieren, damit diese Flächen, die meist im städtischen Innenbereich liegen und gut erschlossen sind, einer neuen Nutzung zugeführt werden können, also der Flächenverbrauch auf der Grünen Wiese zurückgefahren werden kann."
Die Broschüre "Gaswerke in Stuttgart. Auswirkungen auf Boden und Grundwasser" ist gegen eine Schutzgebühr von 12 Euro (plus 3 Euro für Versand) erhältlich bei: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Gaisburgstraße 4, 70182 Stuttgart, Telefon 07 11/216-56 53, Fax 216-24 25 oder per E-Mail unter u360012@stuttgart.de.
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(0711) 216-56 53