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Das Stuttgarter Planetarium wird 35 Jahre alt

20.04.2012 Aktuelles
Das Carl-Zeiss-Planetarium feiert sein 35-jähriges Bestehen. Am 22. April 1977 wurde es im Mittleren Schlossgarten eröffnet. Zum zweiten Mal ging damals ein Planetarium in der Landeshauptstadt in Betrieb. Der erste Himmelssimulator im damaligen Hindenburgbau existierte nur von 1928 bis 1943.
Bis zum zweiten Anlauf war es ein langer Weg. Die Carl-Zeiss-Stiftung spendete der Stadt den kostbaren Sternenprojektor und gab noch eine Million Mark hinzu, um den Bau des Planetariums zu fördern. Weitere Spenden von Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern, dem Land Baden-Württemberg, der Landesgirokasse, der Firmen Robert Bosch, Daimler-Benz, Kaufhof und Horten führten dann zur Realisierung.

Viele Jahre lang war es das bestbesuchte Planetarium in Deutschland. Die Zahl der Veranstaltungen musste deutlich erweitert werden, um die Flut der interessierten Besucher zu bewältigen.

Aus Anlass des hundertsten Todestages von Carl Zeiss am 3. Dezember 1988 wurde das Stuttgarter Planetarium mit dem Namen des Universitätsmechanikers und Gründers der berühmten optischen Werke in Jena versehen. Im Jahr 2001 wurde der ursprüngliche Zeiss-Projektor gegen das neueste Modell ausgetauscht: den Zeiss Universarium Modell IX. Mit diesem Gerät wurden die Darstellungsmöglichkeiten gegenüber dem Vorgänger deutlich erweitert. Die Sternenprojektion wurde brillanter, und die Stellungen der Planeten lassen sich nicht nur für die Erde, sondern für jeden Beobachtungsort im Sonnensystem einstellen. Der Himmel vom Mond oder der Anblick unserer Erde am Himmel des Mars gehören seither zum Umfang der neuen Simulatorentechnologie.

Doch nicht nur mit der technischen Ausstattung, sondern auch mit der Architektur des Planetariums wurde vor 35 Jahren ein Meilenstein gesetzt. Die im Inneren dominante Rundung der 20 Meter durchmessenden Projektionskuppel wird nach außen vom kantigen Relief einer Stufenpyramide kontrastiert. Außerdem wurde das Gebäude wegen des Untergrundes im Mittleren Schlossgarten nicht durchgehend auf einem Fundament gegründet, sondern es hängt an einem sechsgliedrigen Edelstahlskelett, das dem Gebäude sein futuristisches Erscheinungsbild verleiht. Das gitterartige Tragesystem - "Spinne" genannt - fußt auf sechs Pylonen, die 18 Meter tief in den Untergrund reichen und das Bauwerk im Boden verankern.

Der Architekt Wilfried Beck-Erlang hatte die Glasverkleidung der Stufenpyramide entworfen, um den Verkehrslärm von außen zu dämpfen und die Reflexion des Glases zu nutzen, damit sich der umliegende Baumbestand am Bauwerk widerspiegelt und die Einbindung des an sich voluminösen Baukörpers in die Parklandschaft gelingt. Mit der teilweisen Rodung des Parks im Februar dieses Jahres wurde dieser "Tarneffekt" überflüssig, denn das Planetarium ist jetzt von Weitem erkennbar.

Die Architektur des Stuttgarter Planetariums wurde vom Bund Deutscher Architekten ausgezeichnet und war für seine Zeit so richtungsweisend, dass Beck-Erlang sieben Jahre später in Mannheim ein weiteres Planetarium mit Pyramidenform errichten konnte. Dort wurde jedoch auf die avantgardistische Stahlspinne verzichtet und die Pyramide mit Glasplatten stufenlos verkleidet.

Der an das Gebäude angeschlossene Keplersaal beheimatete bis 1997 das Kommunale Kino und ist mittlerweile ein regelmäßig genutzter Vortragsraum des Planetariums für Vorlesungen, Kurse und eine wachsende Zahl von Sonderveranstaltungen aller Art. Seine Leinwand ist stereotauglich und wurde bereits für dreidimensionale Projektionen verwendet, lange bevor die moderne 3-D-Welle bei den gewerblichen Kinos losbrach. Für regelmäßige Weltraumreisen mit Stereoblick fehlt es momentan noch an der finanziellen Ausstattung, aber das soll noch kommen.

Wenn das Stuttgarter Sternentheater demnächst seinen sechsmillionsten Besucher begrüßt, blickt man auf eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte zurück. Ende der 70er-Jahre galt das Planetarium als europäisches Referenzobjekt für Technik und Funktionalität solcher Einrichtungen. Zwar haben die jährlichen Besucherzahlen ein Stück weit abgenommen, aber trotz reduzierter Finanzen und der Unsicherheit mancher potenzieller Besucher, ob das Planetarium wegen der Baustelle zum Tiefbahnhof noch in Betrieb sei, behauptet es nach Hamburg, Bochum und Jena einen ehrenvollen vierten Platz in der Hitliste der meistbesuchten Planetarien Deutschlands.

Das Tätigkeitsfeld des Stuttgarter Planetariums reicht weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Seit 20 Jahren betreiben die Stuttgarter Astronomen in Welzheim eine Sternwarte mit dem größten Teleskop in Baden-Württemberg. Ehrenamtliche Fachleute kümmern sich um den Betrieb des Observatoriums im Welzheimer Wald und führen öffentliche Beobachtungsabende sowie astronomische Praktika durch.

Entgegen andersartigen Gerüchten muss das Planetarium nicht dem neuen Bahnhof weichen. Sein Standort liegt allerdings sehr nahe an der Baustelle. Stadt und Bahn haben vereinbart, dass es jederzeit zugänglich bleiben wird und Rücksicht auf die Belange des Sternentheaters zu nehmen ist. Die unmittelbare Nähe zur Baustelle dürfte jedoch zu Kompromissen beim Spielplan führen, sobald sich die Arbeiten ringsherum voll entfalten. "Es könnte etwas unbequem werden, aber wir werden weitermachen", meint Planetariumsdirektor Dr. Uwe Lemmer zur bevorstehenden Situation seines Hauses. Alles Weitere liegt in der Hand des Gemeinderates, der im Zusammenhang mit den Plänen für die Errichtung eines Science Centers in Bad Cannstatt über das Schicksal des Planetariums zu entscheiden hat.


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