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Ratschlag Inklusion: Selbstbestimmte Teilhabe als Ziel

Behindertenbeauftragte hat Betroffene ins Rathaus eingeladen. OB Kuhn: Inklusion mit dem Herzen leben.

Rund 140 Menschen mit Behinderungen sind am Montag, 10. Februar, zum "Ratschlag Inklusion" im Rathaus zusammengekommen. Bei der ganztägigen Veranstaltung, die von Oberbürgermeister Fritz Kuhn eröffnet wurde, hatten sie die Gelegenheit, ihre Vorschläge, wie eine selbstbestimmte Teilhabe in allen Lebensbereichen verbessert werden kann, an die Stadt zu richten.

Hintergrund, des "Ratschlags Inklusion", zu dem die Behindertenbeauftragte Ursula Marx eingeladen hatte und die von der Breuninger Stiftung moderiert wurde, ist die 2008 von Deutschland unterzeichnete UN-Behindertenkonvention.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagte in seiner Begrüßung: "In Stuttgart leben 45 000 Menschen mit Behinderungen. Die Stadt muss und will sich mit der Frage befassen, wie man das Leben der Betroffenen verbessern kann." Inklusion sei mehr als Barrierefreiheit, so der OB. Sie bedeute, die vollständige Teilhabe an allen Lebensbereichen.

Ein Kernsatz der UN-Behindertenkonvention laute: "Man ist nicht behindert, sondern wird durch die vorgefundenen Umstände behindert", zitierte Kuhn.

Die Betroffenen fragen

Zurzeit erheben die Ämter, welche Maßnahmen es bereits gibt, die die Lebensumstände von Menschen mit Behinderungen berücksichtigen. Die Stadt wird dann einen Stuttgarter Aktionsplan Inklusion erstellen. Darin soll systematisch erfasst werden, wo Defizite bei der Umsetzung der Inklusion liegen und wo Handlungsbedarf besteht.

Der Oberbürgermeister betonte: "Wir müssen uns auf den Weg machen, Inklusion mit dem Herzen zu leben. Inklusion ist ein Programm, das von allen Bürgern umgesetzt werden muss."

Alles auf einmal könne die Stadt allerdings nicht anpacken. Deshalb werde man eine Liste mit den dringendsten Aufgaben erarbeiten. Und dazu brauchen wir den Rat der Betroffenen, so Kuhn.

Was muss besser werden?

Ursula Marx begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Worten: "Wir benötigen Ihr Wissen als Fachleute in eigener Sache. Denn nur Sie können wirklich beurteilen, wo die Probleme liegen und welche Verbesserungen notwendig sind. Daher danke ich Ihnen, dass Sie gekommen sind, um uns Ihre Erfahrungen mitzuteilen."

Marx unterstrich, es sei wichtig, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen zu Wort kommen.
Anders als beim bereits bestehenden "Beirat Inklusion", der sich an Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernschwierigkeiten richtet, wurden zum "Ratschlag Inklusion" Betroffene mit allen Behinderungsformen eingeladen.

Die Mitwirkenden am Ratschlag Inklusion haben den ganzen Tag über in Gruppenarbeit zu folgenden Fragen Antworten erarbeitet: "Warum kann ich in Stuttgart nicht überall mitmachen?" und "Was muss besser werden?".

Vorschläge an die Verwaltung

Bei der Ergebnispräsentation haben die Arbeitsgruppen unter anderem folgende Vorschläge an die Stadtverwaltung übergeben:

  • Verbesserungen beim ÖPNV: Wichtig sei eine konsequente Barrierefreiheit an allen Stationen. In allen Gruppen wurde die Unzuverlässigkeit von Rolltreppen und Aufzügen kritisiert. Großer Wert wird auf korrekte Lautsprecheransagen an oberirdischen Haltestellen gelegt. Nur so könnten Sehbehinderte mitbekommen, welche Bahn gerade einfährt.
  • Schulungen an Krankenhäusern: Viele Teilnehmer beklagten, dass Ärzte und Pflegekräfte oft nicht ausreichend auf den Umgang mit behinderten Menschen vorbereitet seien. Außerdem seien nicht alle Patientenzimmer und Nasszellen barrierefrei.
  • Behindertengerechte Infrastruktur: Bei öffentlichen Gebäuden wären automatische Türöffner sinnvoll. Beschriftungen auf Schildern müssten größer und kontrastreicher werden. Bürgersteige müssten konsequent abgesenkt werden. Außerdem sollten mehr barrierefreie Wohnungen geschaffen werden. Die bisherigen Angebote könnten sich viele nicht leisten. Bei Neu- und Umbauten sollte konsequent auf Barrierefreiheit geachtet werden. Auch Onlinedienste sollten barrierefrei verfügbar sein.
  • Mehr Arbeitsplätze für Behinderte: Damit Menschen mit Behinderungen eigenständig leben können, müsste es mehr Arbeitsplätze für sie geben, insbesondere auf dem ersten Arbeitsmarkt.
  • Einrichtung einer Navigationsstelle: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ratschlag Inklusion wünschen sich eine Anlaufstelle, an der sie alle für sie wichtigen Leistungen und Informationen aus einer Hand bekommen können.
  • Ausbau der Assistenzen: Viele Betroffene benötigen mehr Unterstützung. Hier könnten auch Ehrenamtliche einbezogen werden, die beispielsweise Menschen mit Behinderungen in Kultureinrichtungen begleiten.
  • Bessere Möglichkeiten in der Freizeit: Sportvereine sollten sich für behinderte Menschen öffnen. Notwendig wären auch finanzielle Hilfen für die Freizeitgestaltung.
  • Stadtführer herausgeben: Die Teilnehmer regen einen Stadtführer an, der auf die Belange behinderter Menschen ausgerichtet ist.
  • Anschlussveranstaltungen: Die Teilnehmer am Ratschlag Inklusion waren einhellig der Meinung, dass die Zusammenkunft sehr viel gebracht habe und wünschen sich Wiederholungen.

Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer bedankte sich zum Abschluss bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: "Wir haben jetzt jede Menge Hausaufgaben bekommen und werden uns im Rahmen des Aktionsplans Inklusion damit beschäftigen, wie wir Ihre Vorschläge umsetzen können. Wir möchten auch in Zukunft mit Ihnen zusammenarbeiten. Der heutige Tag ist der Anfang eines langen Prozesses."

Ursula Marx unterstrich: "Ihre vielen konkreten Vorschläge werden wir sehr ernst nehmen. Wir werden jetzt weiter erarbeiten, welche Projekte in absehbarer Zeit umgesetzt werden können."