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Gläserner Aquifer gewährt tiefe Einblicke in den Untergrund der Landeshauptstadt

21.02.2014 Umwelt
Der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Matthias Hahn, hat am Freitag, 21. Februar, im Foyer des Rathauses ein Schichtenmodell des Stuttgarter Untergrunds als Teil des "Gläsernen Aquifers" vorgestellt.

Dieser gewährt einen multimedialen und einzigartigen Einblick in die Gesteinsfolge und Grundwasserströmung unter der Innenstadt. Das Modell ist im Rahmen des von der Europäischen Union aus dem Life-Programm geförderten Projekts Magplan entstanden.

Gläsernes Aquifer im Foyer des RathausesFoto: Horst Rudel

Magplan steht für Managementplan oder Bewirtschaftungsplan zur Sicherstellung eines guten chemischen Grundwasserzustandes durch Vermeidung von Schadstoffeinträgen aus Altlasten in Stuttgart.

Bürgermeister Hahn betonte, wie wichtig es sei, den Aufbau der Gesteine und deren Eigenschaften zu kennen. Dies trage zum Verständnis der Ursachen einer weiträumigen Verunreinigung des Grundwassers mit leichtflüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen bei, die bis hin zu einigen Mineralquellen reicht.

"Wir wollen die Stuttgarter Bevölkerung informieren und um Unterstützung für unsere Aktivitäten zu einer nachhaltigen Verbesserung der Grundwasserqualität und einem dauerhaften qualitativen Schutz des Mineralwassers in Stuttgart werben", so Bürgermeister Hahn.

Sanierung seit den 80er-Jahren

Hahn wies darauf hin, dass man schon in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre Spuren von leichtflüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen (LCKW) im Stuttgarter Grund- und auch Mineralwasser entdeckt habe.

Diese wurden als Lösungsmittel unter anderem im Maschinenbau, in der Elektrotechnik oder in chemischen Reinigungen verwendet. "Das war damals ein Schock", sagte Hahn. "Seither haben wir viele Herde ausgeräumt und auch saniert - 25 Tonnen CKW-Stoffe haben wir aus dem Untergrund geholt."

Bei mehreren hundert Verdachtsflächen wäre es kaum zu leisten, jeden einzelnen aufwendig zu untersuchen. Deshalb ist es sinnvoller zu erforschen, wie sich das Wasser und die Stoffe insgesamt im Stuttgarter Untergrund bewegen. Hier setzt der Magplan ein, der einen integralen Untersuchungsansatz verfolgt.

Denn mit dem Projekt Magplan arbeitet das Amt für Umweltschutz seit 2010 intensiv an der Frage, wie und wo leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe im Stuttgarter Talkessel in tiefe Grundwasserstockwerke gelangen, wodurch letztlich auch einige Mineral- und Heilquellen in Spuren mit diesen Schadstoffen beeinträchtigt werden.

Geologischer Aufbau und Grundwasser

Unter dem Motto "Vielfalt der Gesteine - Hydrogeologie des Stuttgarter Talkessels" visualisiert das Schichtenmodell den geologischen Aufbau und die Grundwasserführung unter dem Stadtgebiet mit Gesteinsbohrkernen.

Sie stammen überwiegend aus Bohrungen, die im Auftrag des Amts in der Stuttgarter Innenstadt ausgeführt wurden. Dargestellt sind die sehr unterschiedlichen Gesteine des Gipskeupers, des Unterkeupers und Oberen Muschelkalks und deren Teilstockwerke, die im Stuttgarter Talkessel an den Talflanken und bis etwa 100 Meter unter der Talsohle zu finden sind.

Sie wurden vor etwa 220 Millionen Jahren unter ganz unterschiedlichen Bedingungen abgelagert.

Muschelkalk und Keuper

Im Muschelkalk-Meer entstanden die grauen Kalksteine, in denen heute das Mineralwasser fließt.

In der Keuper-Zeit bildeten sich dagegen am Grund von Seen, in Flussdeltas, aber auch im Meer beziehungsweise im Brackwasser Tonsteine, Dolomitsteine, Steinmergelbänke und schließlich auch Gips. Etwa 20 Millionen Jahre Erdgeschichte spiegeln sich in dieser Abfolge der Gesteine wider.

Jeder Bohrkern ist beschriftet und kurz charakterisiert, so wie ihn der Geologe bei der geologischen Aufnahme von Bohrungen vor Ort beschreibt. In Schubladen an der Seite des Schichtenmodells können Interessierte die fachlichen Details zur Hydrogeologie nachlesen sowie Grafiken und Fotos zum Projekt und von Gesteinsaufschlüssen sehen.

Film zu den Arbeiten

Auf einem kleinen Bildschirm, der in das Schichtenmodell integriert ist, zeigt ein zehnminütiger Film, wie gebohrt wird, wie die Kerne gewonnen werden und welche Schlüsse aus den erbohrten Schichten gezogen werden.

Er informiert über das Magplan-Konzept und zeigt Werkzeuge und Methoden, wie die Hydrogeologen den Transport von Schadstoffen im Untergrund Schritt für Schritt entschlüsseln. Der Film kann auch im Internet abgerufen werden: www.sauberes-grundwasser-stuttgart.de

Dreidimensionale Grafik

Das Schichtenmodell wird ergänzt durch eine dreidimensionale Graphik des Stuttgarter Talkessels, welche die Topographie des Magplan-Projektgebiets sowie den Verlauf der geologischen Schichten am Rand und unter dem Stuttgarter Talkessel zeigt.

Das Schichtenmodell wurde von den Fachleuten des Amts für Umweltschutz in Zusammenarbeit mit Drees & Sommer entwickelt.

Für den Modellbau, die graphische Visualisierung und die Präparation der Bohrkerne waren Fachleute aus der Region beteiligt: Architekt Rainer Sonn, Raumsonnde, Peter Neumann, id works Eventdesign & Sonderbauten, Geoconsulting IBL-Hagelauer Consult und Präparator Kunze & Partner.

Der Gläserne Aquifer ist im Rathaus bis Ende Mai zu sehen. Danach wird er bis Herbst im Foyer des Mineralbads Leuze ausgestellt. Ab Herbst wird er dauerhaft im Eingangsbereich des Amtes für Umweltschutz in der Gaisburgstraße 4 aufgestellt.

EU hat gefördert

Die Europäische Union fördert mit ihrem Life-Programm aktuell 19 Projekte in Deutschland, darunter auch das Projekt Magplan. Partner sind die Landeshauptstadt und die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) in Karlsruhe. Die Federführung liegt beim städtischen Amt für Umweltschutz.

An dem Projekt mit einem Kostenrahmen von 3,4 Millionen Euro beteiligt sich die Europäische Union mit einer Förderung von 1,7 Millionen Euro, das Land trägt 100 000 Euro und die Stadt 1,6 Millionen Euro bei.

Es werden im Rahmen des Projektes 16 Bohrungen in Stuttgart erstellt, umfangreiche Messungen durchgeführt und ein numerisches Grundwassermodell aufgebaut, auf dessen Grundlage ein Sanierungskonzept für das Stuttgarter Mineralwasser entsteht.

Anlass für die Vorstellung des Schichtenmodells ist ein internationales Expertengespräch im Rathaus über Fragen der Grundwassersanierung im städtischen Raum.
Weitere Informationen über Magplan bietet die Website www.sauberes-grundwasser-stuttgart.de.

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