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Otto-Hirsch-Auszeichnung für die Initiative Gedenkstätte Killesberg

25.02.2014 Ehrungen
Gemeinsam mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) und der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) würdigt die Landeshauptstadt Stuttgart mit der Otto-Hirsch-Auszeichnung 2014 erstmals keine Einzelperson, sondern eine Gruppe von ehrenamtlich engagierten Menschen. Oberbürgermeister Fritz Kuhn überreichte am Dienstag, 25. Februar, im Großen Sitzungssaal des Rathauses die Skulptur an den Sprecher der "Initiative Gedenkstätte Killesberg", Fritz Röhm, der die Auszeichnung stellvertretend für die weiteren 18 Preisträger entgegennahm.

Otto-Hirsch-Auszeichnung 2014 - Vertreter der Initiative Gedenkstätte Killesberg mit OB Fritz KuhnMitglieder der Initiative Gedenkstätte Killesberg mit ihrem Vorsitzenden Fritz Röhm (3.v.l.) und OB Fritz Kuhn (4.v.l.). Foto: Leif Piechowski

Grußworte hielten Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, und Bürgermeister Dr. Martin Schairer, Evangelischer Vorsitzender und Vorstandssprecher der GCJZ. Die Initiative präsentierte sich mit einem eigenen Programm: Pfarrerin Monika Renninger informierte über die "Geschichte des Gedenksteins und die neue Phase der Gedenkstättenkultur". Nach Texten beteiligter Schüler erklärte Fritz Röhm die Entwicklung "Vom Gedenkstein zum Erinnerungskörper". Ein Kurzfilm der Einrichtung "lernort gedenkstätte" zeigte "Mehr als alte Steine - Wie Geschichte erlebbar gemacht wird".

In seiner Ansprache würdigte Oberbürgermeister Kuhn das "außergewöhnliche bürgerschaftliche Engagement und den eindrucksvollen Beitrag zur Pflege der Stuttgarter Gedenkstättenkultur" der Initiative. Die Otto-Hirsch-Auszeichnung, die von der Künstlerin Christine Braun geschaffene Skulptur, sowie die Urkunden überreichte der OB an Fritz Röhm, der sich im Namen aller Preisträger für die Ehrung bedankte. Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom "Duo Emanuel", Markus Kern (Klarinette) und Martin Wiedmann (Gitarre).

Initiative Gedenkstätte Killesberg

Zur Initiative gehören Ulrich Bracher, David Elsässer, Uli Hangleiter, Dr. Michael Kienzle, Joseph Klegraf, Walter Kümmerle, Beate Müller, Dr. Roland Müller, Gabriele Müller-Trimbusch Bürgermeisterin a.D., Diakon Alfred Nicklaus, Professor Roland Ostertag, Pfarrerin Monika Renninger, Dr. Eberhard Röhm, Fritz Röhm, Christian Schwinge, Pfarrer Johannes Steinbach, Hermann Söhner, Jörg Titze und Sigrid Warscher.

Die Bürgerinitiative engagiert sich für die Erinnerung an die über 2000 jüdischen Bürger, die 1941 und 1942 von den damaligen "Sammellagern Killesberg" in Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Seit 1962 macht ein Gedenkstein im Höhenpark auf den Ort der Deportationen aufmerksam. 1989 fand die erste Gedenkfeier statt. Seitdem wird hier jedes Jahr am 1. Dezember der Opfer des Nazi-Regimes gedacht.
Für Fritz Röhm, den Gründer der Initiative Gedenkstätte Killesberg, war der Text auf dem Gedenkstein ein zeithistorisches Dokument, das mehr verhüllt, als offenbart. Darin ist die Rede von der "Zeit des Unheils", die Täter werden jedoch nicht genannt. 2008 gab Röhm den Impuls, der Gedenkstätte mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und eingehender über das Geschehen zu informieren. Er fand große Unterstützung und so bildete sich die Initiative, die einen Wettbewerb unter Studierenden der Bildhauerklasse der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart ausgelobte. Am Ende fiel die Wahl auf den Beitrag "Erinnerungskörper" der türkischstämmigen Künstlerin Ülkü Süngün. Ausgehend vom eigenen Schultermaß konstruierte sie einen fiktiven Kreis und markierte ihn mit einem in den Boden eingelassenen Stahlring. Der Kreis umschließt eine Fläche, auf der 2000 deportierte Menschen stehen könnten.

Die Initiative schlug der Stadt vor, den künstlerischen Entwurf umzusetzen. Nachdem die Stadt einen Anteil von 30 000 Euro zugesagt hatte, ging Fritz Röhm auf die Suche nach Sponsoren. Mit insgesamt 42 000 Euro unterstützt wurde das Projekt vom Bürgerverein Killesberg, Fürst Developments, Paul Lechler Stiftung, Bertold Leibinger Stiftung, Dr. Nicola Leibinger-Kammüller und der Stuttgarter Lehrhaus Stiftung für Interreligiösen Dialog.

Am 26. April 2013 wurde die neu gestaltete Gedenkstätte, zu der auch die beiden Informationsstelen gehören, feierlich eingeweiht.

Otto Hirsch

Otto Hirsch wurde am 9. Januar 1885 in Stuttgart geboren. Der studierte Jurist war von 1914 bis 1919 Rechtsrat der Stadt Stuttgart. Als Ministerialrat im württembergischen Innenministerium war er 1921 Mitbegründer der Neckar-Aktiengesellschaft. Er gründete 1926 das Jüdische Lehrhaus Stuttgart und wurde 1930 Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. 1933 wurde er als "Glaubensjude" von den Nationalsozialisten entlassen. Als Geschäftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung der Deutschen Juden (1933 bis 1941) setzte er sich unter schwierigen Bedingungen für seine verfolgten Schicksalsgenossen ein. Mit seiner Hilfe konnten Zehntausende von "Glaubensjuden" nach 1933 durch Auswanderung gerettet werden. Am 19. Juni 1941 wurde er im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.

Die Otto-Hirsch-Auszeichung

Die Otto-Hirsch-Medaille, seit 2013 "Otto Hirsch Auszeichnung", wurde 1985 zum 100. Geburtstag von Dr. Otto Hirsch gestiftet und wird alljährlich von der Stadt Stuttgart gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart und der Israelitischen Religionsgemeinschaft an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die christlich-jüdische Zusammenarbeit verdient gemacht haben. Seit 2012 können auch Gruppen und engagierten Persönlichkeiten geehrt werden, die sich in einem weiteren Sinn für das Gedenken an vergangenes Unrecht und das Eintreten gegen neues Unrecht, für interreligiösen Dialog sowie für Toleranz und friedliches Zusammenleben engagieren.

Otto-Hirsch-Preisträger

Otto Küster (1985), Edgar Winkler (1986), Pfarrer a. D. Fritz Majer-Leonhard (1987), Josef Warscher (1988), Bürgermeister a. D. Otfried Sander (1989), Jenny Heymann (1990), Albrecht Goes (1991), Rudolf Pfisterer (1992), Elisabet Plünnecke (1993), Heinz Bleicher (1994), Oberbürgermeister a. D. Manfred Rommel (1995), Rachel Dror (1996), Walter Ott (1997), Erster Bürgermeister a. D. Rolf Thieringer (1998), Meinhard Tenné (1999), Paul Sauer (2000), Noemi Berger (2001), Heinz Lauber (2002), Arno Fern (2003), Helmuth Rilling (2004), Michael Wieck (2005), Reinhold Mayer (2006), Karl-Hermann Blickle (2007), Helene Schneiderman (2008), Joachim Hahn (2009), Joseph Rothschild (2010), Gunter Demnig (2011), Traute Peters (2012), Leopold Paul Rosenkranz (2013), Initiative Gedenkstätte Killesberg (2014).