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Herausforderungen an die kommunale Stadtplanung seit 1914

16.05.2014 Aktuelles
Im 19. Jahrhundert wuchs die Einwohnerschaft von Stuttgart von 20 000 auf 180 000 Personen an. Es entstanden Probleme, die nach neuen Strategien verlangten. Das im Jahr 1914 gegründete Stadterweiterungsbüro sollte sich der neuen Aufgaben annehmen und Lösungen schnell umsetzen können.

Verändertes Stadtbild

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Stadterweiterungsamt vergrößert. Viele Umbauarbeiten in der Stadt mussten realisiert werden. Dringlich war beispielsweise die Überplanung des bisherigen Bahnhofgeländes zwischen der Bolzstraße und dem heutigen Hauptbahnhof. Beim Bau neuer Viertel wurde auf topografische Gegebenheiten Rücksicht genommen und eine aufgelockerte Bauweise verwirklicht (zum Beispiel an der oberen Reinsburg- und der Rotenwaldstraße).

Auch das Drei-Zonen-Prinzip, die Einteilung in Wohn-, Industrie- und aufgelockerte Bereiche, wurde eingeführt und in die neue Ortsbausatzung von 1919 aufgenommen. Die verstärkten Einflussmöglichkeiten der städtischen Baubehörde ermöglichten ein stärkeres Engagement der Stadt im sozialen Wohnungsbau.

Große Aufgaben mussten in den 1920er-Jahren bewältigt werden: Die Stadt wuchs von 6500 Hektar Gemarkungsfläche auf 10 240 Hektar, die Einwohnerzahl von 300 000 auf 380 000. Im Wohnungsbau hatte sich ein starker Nachholbedarf gebildet. Neue Arbeitsplätze waren zu schaffen. Versorgungseinrichtungen wurden verbessert. Das Straßen- und Straßenbahnnetz musste ausgebaut werden. Das Neckarbett wurde teilweise verlegt und kanalisiert. In diesem Zusammenhang entstanden neun Neckarbrücken im Stuttgarter Gemarkungsbereich.

Siedlungsbau und bedeutende Einzelgebäude

Insbesondere der städtische Siedlungsbau wurde verstärkt betrieben. Schon vor 1921 stand die Stadt Stuttgart mit 900 städtischen Wohnungen an erster Stelle der deutschen Großstädte. Der Osten bildete zwischen Gablenberg und dem Gaskessel einen Schwerpunkt des Wohnungsbaus. Bemerkenswerte Siedlungen dieser Zeit sind beispielsweise die Raitelsbergsiedlung, deren dicht hintereinander gelegene Häuserzeilen den Höhenlinien folgend den Hang entlanglaufen. Oder die Siedlung Wallmer in Untertürkheim von Richard Döcker, bei der auf das immer noch übliche Satteldach verzichtet wurde. Auch die Siedlung Eiernest im Süden wurde mit 179 kleinen Reihenhäuschen bis 1928 erstellt.

Der wichtigste, aber auch umstrittenste Beitrag zum Wohnungsbau der Zwanzigerjahre war die Weißenhofsiedlung. Sie entstand 1927 als Ausstellung des Deutschen Werkbundes unter dem Thema "Die Wohnung". Berühmte Architekten suchten hier nach neuen Wegen des Wohnungsbaus, entwickelten neue Grundrisse, erprobten die Flachdach-Architektur oder rationalisierten die Bauweise. Die Architekten dieser Richtung der Moderne waren unter anderem Le Corbusier, Gropius, Mies van der Rohe, Scharoun und Behrens.

Ausdruck dieser städtebaulichen Epoche waren auch bedeutende Einzelgebäude in der Innenstadt: das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn, bekannt durch seinen vorgezogenen verglasten Treppenturm, der Tagblatt-Turm von Ernst Otto Oswald als erstes Hochhaus der Stadt, das Kaufhaus Breuninger und der Mittnachtbau von Eisenlohr und Pfennig.

Nationalsozialismus und verheerende Folgen

Das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg und seine Folgen zerschlugen manche der beachtenswerten und zukunftsorientierten Ansätze der Stadtplanung.

1935 gliederte eine neue Ortsbausatzung die Stadt in zehn Baustaffeln mit festgelegten Abstands-, Dichte- und Nutzungsvorschriften. Im Wohnungsbau wurde der traditionelle Siedlergedanke staatlicherseits stark unterstützt. Die vor 1933 begonnenen Siedlungen Steinhaldenfeld, Wolfbusch und Neuwirtshaus wurden erweitert. Die Architektur kehrte zur traditionellen Formensprache zurück: Bodenständige Bauweise mit steilen Dächern und Rundbögen kennzeichnete die Neubauten dieser Zeit.

In der Innenstadt und auf den umliegenden Höhen wurden monumentale Prachtbauten geplant, die entsprechend den nationalsozialistischen Vorstellungen "Stadtkronen" bilden sollten. Diese Planungen wurden aber alle nicht realisiert.

Stuttgart wurde durch die zahlreichen Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zu etwa 70 Prozent zerstört. Im Innenstadtkern betrugen die Zerstörungen sogar bis zu 90 Prozent. Die städtebauliche Hauptaufgabe der Nachkriegszeit konzentrierte sich auf die neu zu schaffende Wohnbebauung. Auch die Innenstadt, vor allem die wieder zu erstellenden Infrastruktur-Bauten unterlagen der dringenden Neuplanung.

Ideenwettbewerb für Wiederaufbau

Bereits im September 1945 wurde ein Ideenwettbewerb für den Wiederaufbau der Altstadt ausgeschrieben. Die Vorschläge der zahlreichen Teilnehmer empfahlen den sparsamen Wiederaufbau unter prinzipieller Beibehaltung des bisherigen Stadtgrundrisses. Licht und Luft in den Altstadtkern zu bringen, erschien oberstes Planungsziel. Bereits 1947 entstand ein Verkehrsgerippeplan, der für die weitere Aufbauplanung zur Grundlage wurde.

Die Fünfzigerjahre waren neben dem Wiederaufbau der zerstörten Stadtbereiche vor allem durch enorme Wohnungsprobleme geprägt. Wegen der hohen Baukosten entstanden neue Wohngebiete nicht in den innerstädtischen zerstörten Bereichen, sondern auf bisher unerschlossenen Randflächen, zum Beispiel auf der Haigstkuppe bei Degerloch, im Hallschlag, am Rotweg in Zuffenhausen und am Rand von Weilimdorf.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wurden große Industriezonen gebildet. Zur Erschließung war die Verbesserung der Verkehrssituation unabdingbar. Bis 1958 wurde der Neckarhafen mit drei Becken und anschließender Industriezone angelegt. In der Innenstadt begann man mit dem Bau der nördlichen Cityring-Tangente und verbreiterte die Rote Straße (heute: Theodor-Heuss-Straße) auf 48 Meter. Die Paulinenstraße wurde teilweise als Hochstraße mit darunterliegender Parkfläche ausgebaut. Als erster Knoten des Cityrings entstand der Österreichische Platz.

Attraktive Stadt und Erholungsräume

In einer zweiten Phase des sozialen Wohnungsbaus entstanden isolierte Trabantensiedlungen an der Peripherie, beispielsweise der für 10 000 Einwohner konzipierte Fasanenhof oder die Siedlungen Freiberg und Neugereut.

Anfang der Siebzigerjahre gewann neben der Stadterweiterung der Stadtumbau und die Sanierung bestehender Stadtviertel immer mehr an Bedeutung. Im Innenstadtbereich wurden, vom Cityring-System begünstigt, große Fußgängerbereiche geschaffen. Das Ziel, in der Altstadt verstärkt Verwaltungsbauten anzusiedeln, wurde aufgegeben. Stattdessen suchte man nach Lösungen, die Innenstadt als Wohnbereich wieder attraktiv zu machen. Erhaltene historische Bereiche wurden behutsam saniert und durch quartiertypische Neubebauung ergänzt.

In den vom Durchgangsverkehr stark belasteten älteren Wohnquartieren wurden mit Erfolg flächendeckende Verkehrsberuhigungsmaßnahmen durchgeführt. Viele Baublöcke der Gründerzeit, in deren Innenräumen sich oft Gewerbebetriebe befanden, wurden entkernt und innen begrünt. Um große Bereiche wurde der Durchgangsverkehr umgeleitet. Der Ausbau der Stadtbahn- und S-Bahnstrecken sorgt zunehmend dafür, dass dem öffentlichen Nahverkehr eine Vorrangstellung gegenüber dem Individualverkehr eingeräumt wird.

Eine attraktive Stadt benötigt auch Erholungsräume. Die Internationale Gartenbauausstellung fand 1993 in Stuttgart statt. Durch die Verknüpfung und teilweise Neugestaltung der Grünbereiche vom Neuen Schloss bis zum Killesberg um die nördlichen Innenstadtbezirke wurden zusätzliche attraktive Erholungsbereiche hergestellt. In diesem Zusammenhang wurde der Killesberg durch die Stadtbahn erschlossen.

Neben der Liederhalle entstand in wirkungsvoller Architektur ein neues Kongresszentrum und die ehemaligen Firmengebäude der Robert Bosch GmbH wurden zu einem innovativen Zentrum für neue Medien, Kunst, Kultur, Einkauf und Entertainment.

Bürgerbeteiligung gewinnt an Bedeutung

Ein großes Städtebauprojekt ist mit dem Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes und der Entwicklung der etwa 100 Hektar Gleisflächen zu neuen Grünflächen und Bereichen für Wohnen und Arbeiten verbunden. Im Vorfeld des Städtebaulichen Rahmenplans erarbeiteten über 400 Bürgerinnen und Bürger in 12 800 Arbeitsstunden mehr als 900 Ideen, die in die Planung einflossen. 1998 wurde im 56 Meter hohen Turm des Hauptbahnhofs in mehreren Stockwerken eine Dauerausstellung eingerichtet, die sowohl über das Bahnprojekt als auch über die städtebauliche Bedeutung von Stuttgart 21 berichtet.

Die beiden ersten Strategien des neuen Jahrtausends waren das Stadtentwicklungskonzept und das Innenstadtkonzept "Stadtkernziele". Im Stadtentwicklungskonzept wurden Leitziele und Leitprojekte formuliert, die eine stadträumliche Perspektive für die nächsten 15 bis 20 Jahre bieten. Damit können die Herausforderungen des demografischen Wandels, die Konkurrenz um zukunftssichere Arbeitsplätze und Unternehmen, die Bewältigung der wachsenden Mobilität und die Anforderungen der sozialen Integration in einer immer internationaleren Bevölkerung angegangen werden. Dadurch wurden auch Prioritäten gesetzt für den Stadtumbau im zentralen Entwicklungsraum der Stadt, beispielsweise mit dem Rosensteinviertel, dem Europaviertel, der City Prag und dem NeckarPark.

Wohnungsbau und öffentlicher Raum

Dem Thema Wohnen kommt immer stärkere Bedeutung zu. Dabei spielt der geförderte Wohnungsbau eine große Rolle. So wurde 2011 das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM) als Grundlage für alle neuen Planungen beschlossen. SIM trägt zur nachhaltigen und qualifizierten städtebaulichen Entwicklung sowie zur Verfahrenstransparenz und Gleichbehandlung der Investoren bei. Zudem sichert SIM in der Innenentwicklung dauerhaft Kontingente insbesondere für den geförderten Wohnungsbau und schafft familiengerechten und zugleich preiswerten Wohnraum. Das Bauen durch Baugemeinschaften wird seit 2012 durch eine eigene Kontaktstelle beim Amt gefördert.

Zur Attraktivität der Stadt gehört auch die Renovierung oder Neugestaltung des öffentlichen Raums. Aus diesem Grund wurden in den letzten Jahren die gesamte Fußgängerzone Königstraße sowie zahlreiche Straßen und Plätze erneuert. Auch hinsichtlich der Grünflächen ist die Stadtplanung aktiv. Beispielsweise beim Thema Stadtgarten. Es bestehen Ideen für einen grünen Campus in der Innenstadt. Auch das Neckarufer soll verändert werden. Hierfür hat das Amt an dem EU-Projekt Reuris (Revitalisierung urbaner Flusslandschaften) teilgenommen.

Planung für eine grüne und urbane Stadt

Das Innenstadtkonzept "Stadtkernziele" befasst sich mit der zukünftigen Entwicklung des Stadtzentrums unter dem Leitprojekt "Urbanes Wohnen und Renaissance des öffentlichen Raums". Besonderes Anliegen war bei allen neuen Projekten eine vielfältige Nutzung und die Schaffung von neuem Wohnraum in der Stadt. In diesem Zusammenhang stehen beispielsweise die Nachnutzung der Flächen des Olgahospitals und des Bürgerhospitals. Ein weiteres Beispiel ist das große Städtebauprojekt "Rosenstein" - die Entwicklung eines neuen Stadtteils zwischen den Schlossgartenanlagen und dem Rosensteinpark.

Um die durchgrünten Wohngebiete in den Hanglagen in ihren Klima- und Landschaftsfunktionen zu erhalten, wurde der Rahmenplan Halbhöhenlagen geschaffen. Sein Hauptziel ist die Erhaltung von Frischluftschneisen für die Innenstadt.

In den Stadtbezirken wurden und werden große Bereiche neu entwickelt. In Zazenhausen entstand das Wohngebiet "Hohlgrabenäcker", in Stammheim "Langenäcker-Wiesert". Der NeckarPark wird als Landschaftspark und Ort zum Wohnen und Arbeiten geplant. Insgesamt 28 Sanierungsgebiete sind in der Stadt ausgewiesen worden. Außerdem wurden mehrere Wohnbaugebiete über zahlreiche Projekte der Sozialen Stadt weiter stabilisiert. Stadtteilzentren wurden saniert und erneuert.

Heute versucht die Stadtplanung, manches, was in der Nachkriegszeit entstanden ist und den Ansprüchen an eine lebenswerte, grüne, urbane Stadt mit hohem Kultur- und Freizeitwert nicht mehr standhält, zu ändern oder vielmehr zu heilen. Für die Planungen der Zukunft setzen neue Konzepte den Rahmen, in dem gesellschaftliche oder wirtschaftliche Veränderungen städtebaulich aufgefangen und umgesetzt werden können.