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Häusliche Gewalt darf keine "Privatsache" bleiben: Erste Erkenntnisse des Präventionsprojekts der Stadt Stuttgart vorgestellt

11.06.2015 Soziales
Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema: Im privaten Umfeld schaut man weg, hört nicht hin oder nimmt das Thema nicht ernst. Um Betroffene sowie deren Umfeld stärker für das Thema zu sensibilisieren, hat die Stadt im März 2013 das Präventionsprojekt "Hinschauen - Erkennen - Handeln!" ins Leben gerufen.

Am 20. Juni wird es dazu einen Aktionstag "Zivilcourage - NEIN zu Beziehungsgewalt" geben, der von OB Fritz Kuhn eröffnet wird.

Waltraud Ulshöfer: Friedliches Zusammenleben ist großer Wert

Am Donnerstag, 11. Juni, wurden bereits erste Erkenntnisse des auf drei Jahre angelegten Präventionsprojekts vorgestellt. "Ein friedliches Zusammenleben ist ein großer Wert, für den wir uns engagieren wollen. Gewalt zu Hause und zwischen Partnern ist nie einfach nur Privatsache. Sie geht uns alle an! Da ist Wegschauen keine Lösung. Wir müssen sie so beenden, dass alle ihre Würde dabei behalten", sagte Waltraud Ulshöfer, die Botschafterin des Projekts und Moderatorin des Aktionstages am 20. Juni.

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Im Projekt arbeiten vor allem junge Menschen in Workshops, die ihnen gewaltfreie Wege zeigen zu streiten und einen Konflikt zu bewältigen. Das ist Gold wert für eine friedliche Gesellschaft", so Ulshöfer weiter.

Enttabuisierung und "Entprivatisierung" häuslicher Gewalt

Das Präventionsprojekt wird von der Robert Bosch Stiftung finanziert und läuft noch bis Ende Februar 2016. Ziel ist die Enttabuisierung und "Entprivatisierung" von häuslicher Gewalt durch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie die Schulung und Sensibilisierung ihres sozialen Umfeldes (z.B. Schule, Kita, Vereine).

Fachkräften und Multiplikatoren sollen dabei Handlungsmöglichkeiten zur Präventionsarbeit vermittelt werden. Gleichzeitig möchte man Träger, Einrichtungen und Organisationen stärker miteinander vernetzen.

Im Projekt schon wertvolle Erkenntnisse gesammelt

"Wir haben in den letzten beiden Jahren schon wertvolle Erkenntnisse gesammelt", so Ursula Matschke von der Abteilung für individuelle Chancengleichheit, die das Projekt betreut.

"Das Thema ist in vielen Fällen immer noch in der Tabuzone und eine Privatangelegenheit. Viele denken bei häuslicher Gewalt an Gewalt gegen Kinder, dabei geht es um die Gewalt zwischen Partnern. Das Thema ist heikel, da Zeugen und Angehörige oft stark verunsichert sind. Es braucht daher weiter sehr viel Informations- und Aufklärungsarbeit."

Workshops und Trainings mit Kindern und Jugendlichen

In den letzten beiden Jahren konnten im Rahmen des Präventionsprojekts bereits mehrere Workshops und Trainings mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden.

"Darin klären wir Kinder und Jugendliche über häusliche Gewalt auf und informieren, wo und wie sie für sich oder andere Hilfe holen können. Außerdem helfen wir den Mädchen und Jungen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Damit wollen wir die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie in ihren eigenen, späteren Partnerbeziehungen keine Gewalt ausüben oder erdulden", so Matschke.

Unsicherheit, Unwissenheit und Ängste

Bislang konnten diese Ein-Tages-Workshop an verschiedenen Schulen und in verschiedenen Schulformen durchgeführt werden. Im kommenden Schuljahr geht das Projekt erstmals an eine Berufsschule.

"Bei den bisherigen Workshops wurde deutlich, dass sich viele Jugendliche schwer tun, mit Konflikten umzugehen, sich klar abzugrenzen und sich Hilfe zu holen. In einer Beziehung werden zum Teil starke Grenzverletzungen und Einschränkungen erduldet", sagte Matschke. Gründe seien Unsicherheit, Unwissenheit und Ängste. Oftmals fehle es an Handlungsmöglichkeiten und an innerer Sicherheit.

Information und Sensibilisierung

Um das soziale Umfeld für das Thema häusliche Gewalt zu sensibilisieren, wurden auch Fachkräfte und Multiplikatoren, die einen direkten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben, geschult. "Hier geht es um Information und Sensibilisierung. Wir vermitteln Strategien und Methoden zur Prävention sowie Handlungsmöglichkeiten", erklärte Matschke.

Stadt Vorreiter bei Beratung männlicher Opfer häuslicher Gewalt

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projekts ist das Thema männliche Opfer in Beziehungen. Hier hat Stuttgart sogar eine Vorreiterrolle übernommen: "Ausgehend von der sehr hohen Dunkelziffer hat Stuttgart eine Beratungsstelle aufgebaut. Nachdem wir als eine der ersten Kommunen in Deutschland unsere Erfahrungen öffentlich gemacht haben, schnellten die Beratungszahlen in die Höhe", sagte Matschke.

Die Beratungen finden telefonisch, schriftlich und in Form intensiver Beratungsgespräche statt. "Zu Zivilcourage gehört auch, sich einzumischen, wenn Männer von Frauen geschlagen werden", so die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Stuttgart.

Institutionen und Beratungsstellen arbeiten Hand in Hand

Eine wichtige Rolle bei der Gewaltprävention und -intervention spielt dabei auch die "Stuttgarter Ordnungspartnerschaft gegen häusliche Gewalt (STOP)", die von der Abteilung für individuelle Chancengleichheit koordiniert wird. Verschiedene Institutionen und Beratungsstellen aus dem polizeilich-juristischen und dem psychosozialen Bereich arbeiten hier Hand in Hand.

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Das Polizeipräsidium Stuttgart ist überzeugt davon, dass die kooperative Herangehensweise im Rahmen der Stuttgarter Ordnungspartnerschaft gegen häusliche Gewalt der richtige Weg ist, um in solchen Fällen möglichst effektiv zu intervenieren und den Opfern häuslicher Gewalt beizustehen", sagte Ludwig Haupt, Leiter der Präventionsabteilung der Polizei.

"Wir beteiligen uns daher sehr gerne und direkt mit unseren polizeilichen Maßnahmen, um so die fortgesetzte Begehung von Straftaten, auch hinter der Wohnungstür, einzudämmen."

Polizei auf Mitteilungen aus der Bevölkerung angewiesen

Haupt wies auch darauf hin, dass die Polizei besonders auf Mitteilungen von Bürgerinnen und Bürgern angewiesen ist, die Zeugen von häuslicher Gewalt werden. "Veranstaltungen wie der Aktionstag sind wichtig. Hier haben Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich - auch direkt bei der Polizei - über Zivilcourage zu informieren. Dadurch hoffen wir, bestehende Verunsicherungen abzubauen", so Haupt.

Uraufführung von Gauthier Dance zum Thema

Der Aktionstag Zivilcourage findet am 20. Juni 2015 von 11 bis 14:30 Uhr im dritten und vierten Stock des Stuttgarter Rathauses statt. Nach der Begrüßung durch OB Kuhn können interessierte Bürgerinnen und Bürger bei Vorträgen, in Workshops und an Infoständen mehr über die eigenen Handlungsmöglichkeiten erfahren.

In einer Uraufführung wird sich Gauthier Dance tänzerisch mit dem Thema "Beziehungsgewalt" auseinandersetzen. Außerdem wird Ralf Bongartz, ein bekannter Trainer für Konfliktmanagement und Körpersprache, einen Vortrag zum Thema Zivilcourage halten.