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Professor Dr. Michael Theunissen posthum mit Hegel-Preis gewürdigt

20.07.2015 Kultur
Die Landeshauptstadt Stuttgart hat den Hegel-Preis 2015 posthum an Professor Dr. Michael Theunissen verliehen. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat die Urkunde bei einer Feierstunde im Rathaus am Montag, 20. Juli, an Oliver Theunissen, den Sohn des nach langer Krankheit am 18. April verstorbenen Philosophen, überreicht.

Hauptbereiche von Theunissens Forschungen und Publikationen waren die Philosophie Hegels und Kierkegaards, die moderne Sozialphilosophie und Phänomenologie, die "Philosophie der Zeit", der altgriechische Dichter Pindar sowie die archaische griechische Lyrik.

OB Kuhn sagte: "Michael Theunissens Philosophie ist trotz ihrer akademischen Gestalt stark dem Leben zugewandt. Das zeichnet sie besonders aus. Er erinnert daran, dass die Philosophie durchaus auch Trost spenden und Sinn stiften sollte. Dies ist ein originelles und selten gewordenes philosophisches Programm. Tragisch ist, dass Theunissen die besondere Anerkennung für sein philosophisches Wirken, das immer auch im Geiste Hegels stand, nicht mehr persönlich empfangen kann."

OB Fritz Kuhn überreicht Hegel-Preis 2015OB Fritz Kuhn hat die Urkunde am Montag, 20. Juli, an Oliver Theunissen, den Sohn des verstorbenen Philosophen Professor Dr. Michael Theunissen, überreicht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski


"Prof. Dr. Michael Theunissen, darf als einer der radikalsten und scharfsinnigsten Philosophen im Deutschland der Nachkriegszeit gelten"

Die Laudatio hielt Professor Dr. Axel Honneth, Präsident der Internationalen Hegelvereinigung, Lehrstuhlinhaber für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt und seit 2001 geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialforschung Frankfurt. Er würdigte Theunissen als einen Philosophen, der die Hegelsche Lehre in die Gegenwart transformiert hat.

Der Schweizer Philosoph Emil Angehrn blickte als Schüler von Theunissen und Freund der Familie aus einem persönlichen Blickwinkel auf dessen Lebenswerk zurück. Angehrn erhielt 1989 einen Ruf auf eine Professur für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1991 bis 2013 war er ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Basel, von 2004 bis 2007 war er Dekan beziehungsweise Prodekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel.

Die Jury hat ihre Entscheidung am 23. März mit der folgenden Begründung getroffen: "Prof. Dr. Michael Theunissen, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin innehatte, darf als einer der radikalsten und scharfsinnigsten Philosophen im Deutschland der Nachkriegszeit gelten. In seinen zahlreichen Arbeiten zur Philosophie der Neuzeit und der Antike hat er den Versuch unternommen, wesentliche Inhalte der christlichen Heilsbotschaft unter Bedingungen des zeitgenössischen Denkens zu reformulieren und für die Absichten einer kritischen Zeitdiagnose fruchtbar zu machen. Im Mittelpunkt dieses über einen Zeitraum von vierzig Jahren hinweg entwickelten Unternehmens stand von Beginn an die Vorstellung, dass der Mensch sein Selbstsein einem Dialog mit Anderen verdankt. In der beharrlichen Leugnung der Abhängigkeit von einem Absoluten, das doch gleichzeitig in jeder zwischenmenschlichen Begegnung schon vorausgesetzt ist, erblickt Theunissen den Grund für die Bodenlosigkeit und Zerrissenheit der Moderne. Ihr sich dadurch entgegenzusetzen, dass in der Dekonstruktion aller Metaphysik Raum für den Gedanken einer bevorstehenden Erlösung geschaffen wird, darf als das Hauptanliegen seines umfangreichen Werkes angesehen werden."

In diesem "eigenwilligen und tiefgreifenden Unternehmen, das wie kaum ein zweites Hegels Gedanken eines Absoluten kritisch weiterzuentwickeln versucht", erblickte die Jury eine Leistung, die es aufgrund ihrer beeindruckenden Originalität, ihrer zeitdiagnostischen Hellsichtigkeit und ihrer philosophiehistorischen Umsichtigkeit in besonderem Maße verdient, mit dem Hegel-Preis der Stadt ausgezeichnet zu werden.

Der Jury gehörten als Mitglieder des Gemeinderates Hans-Peter Ehrlich, Jürgen Sauer, Petra Rühle und Hannes Rockenbauch an, weiterhin als Mitglieder der Fachjury Dr. Franziska Augstein (Wissenschaftsjournalistin), Prof. Dr. Axel Honneth (Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung), Prof. Dr. Heinz Schlaffer (Literaturwissenschaftler), Prof. Dr. Michael Stolleis (Jurist), Bürgermeisterin
Dr. Susanne Eisenmann sowie Kulturamtsleiterin Dr. Birgit Schneider-Bönninger.

Der Gemeinderat hat den Beschluss, den Hegel-Preis Professor Dr. Michael Theunissen zu verleihen, in seiner Sitzung am 7. Mai gefasst. Der Preis ist mit 12 000 Euro dotiert.

Vita

Michael Theunissen wurde am 11. Oktober 1932 in Berlin geboren. Er starb am 18. April 2015 in Berlin. Theunissen studierte Philosophie und Germanistik in Bonn und Freiburg. 1955 wurde er in Freiburg bei Max Müller mit der Arbeit "Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard" promoviert. Er habilitierte sich 1964 in Berlin mit "Der Andere: Studien zur Sozialontologie der Gegenwart". Der Wissenschaftler übernahm 1967 eine Philosophie-Professur an der Universität Bern (1967 bis 1971) und wurde 1971 an die Universität Heidelberg (1971 bis 1980) berufen. Von 1980 an hatte er bis zu seiner Emeritierung 1998 den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin inne.

Michael Theunissen erhielt 2001 den Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen, 2004 den Karl-Jaspers-Preis der Stadt Heidelberg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg sowie 2005 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen.

Werke (Auswahl)

  • Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard. Freiburg i. Br./München: Verlag Karl Alber 1958 (Symposion 1)
  • Der Andere: Studien zur Sozialontologie der Gegenwart. Berlin: de Gruyter 1965, (2. Aufl.)
  • Gesellschaft und Geschichte: Zur Kritik der kritischen Theorie. Berlin: de Gruyter 1969 (2. Aufl.)
  • Sein und Schein: die kritische Funktion der Hegelschen Logik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978
  • Selbstverwirklichung und Allgemeinheit: zur Kritik des gegenwärtigen  Bewusstseins. Berlin; New York: de Gruyter 1982
  • Negative Theologie der Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 938)
  • Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung. Frankfurt am Main: Hain 1991 (Anton Hain; Nr. 14)
  • Der Begriff Verzweiflung: Korrekturen an Kierkegaard. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1062)
  • Pindar: Menschenlos und Wende der Zeit. München: Beck 2000. (3. Aufl. 2008)
  • Reichweite und Grenzen der Erinnerung. Tübingen: Mohr Siebeck 2001
  • Schicksal in Antike und Moderne (Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am 17. Mai 2004). München: Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung 2004

Informationen unter www.stuttgart.de/hegelpreis. Die Reden von Professor Axel Honneth und Professor Emil Angehrn sind dort nachzulesen. Die Tonaufzeichnungen sind ab Mitte der Woche abrufbar.

Link

www.stuttgart.de/hegelpreis