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OB Kuhn: "Ich wünsche mir, dass mehr Bürger umsteigen" - Erster Feinstaub-Alarm nach fünf Tagen zu Ende

22.01.2016 Verkehr/Mobilität
Nach einer Woche ist der erste Feinstaub-Alarm in Stuttgart am Freitag zu Ende gegangen. Seit Montag waren die Pendler aus der Region wie die Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart aufgerufen, auf Autos möglichst zu verzichten und ihre sogenannten Komfort-Kamine auszulassen. Für das Wochenende und den Montag wird vom Deutschen Wetterdienst (DWD) eine Verbesserung des Austauschvermögens der Atmosphäre vorhergesagt. Alle Informationen zum Thema Feinstaub-Alarm gibt´s auf www.feinstaubalarm.stuttgart.de
Oberbürgermeister Fritz Kuhn erklärte am Freitag: "Stuttgart ist die erste Stadt in Deutschland, die einen Feinstaub-Alarm eingeführt hat. Nie zuvor ist so intensiv und kontrovers über die Belastung der Luft mit Schadstoffen in unserer Stadt diskutiert worden. Keiner kann nach einer Woche Feinstaub-Alarm sagen, das Thema gehe ihn nichts an. Jeder weiß spätestens jetzt, welche Gesundheitsrisiken mit Feinstaub und Stickstoffdioxid verbunden sind. Und jeder Autofahrer weiß, dass er Teil des Problems ist, aber auch welchen Beitrag er zur Senkung der Schadstoffbelastungen leisten kann." Wie erfolgreich der freiwillige Feinstaub-Alarm letztlich gewesen ist, könne man frühestens nach Ende des Winters bilanzieren.

Kuhn sagte, er wünsche sich, dass noch viel mehr Bürger bei Feinstaub-Alarm ihr Auto stehen lassen: "Verzichten Sie bei Feinstaub-Alarm freiwillig auf Autofahrten. Denn falls wir die Schadstoffbelastungen der Stuttgarter Luft auf diese Weise nicht nachhaltig unter die Grenzwerte senken, dann folgen unweigerlich ordnungspolitische Maßnahmen wie etwa Fahrverbote." Für ihn sei Freiwilligkeit aber der viel bessere Weg als Zwang. Kuhn bekräftigte: "Nur gegen den Feinstaub-Alarm zu wettern, senkt die Werte nicht."

Die Vorgehensweise zur Auslösung des Feinstaub-Alarms habe in der vergangenen Woche ihre Bewährungsprobe bestanden: "Die Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes über das Austauschvermögen der Luft im Stuttgarter Kessel ist die richtige Basis und war verlässlich." Dass die Feinstaubwerte an der Kreuzung Am Neckartor in den vergangenen Tagen so hoch waren, zeigte nur zu deutlich: "Der Feinstaub-Alarm ist richtig und notwendig." Es sei offenkundig, wie notwendig der Verzicht auf das Auto bei erwartbar schadstoffträchtiger Wetterlage sei. Die Stadt werde die Erfahrungen der ersten Alarm-Tage nun sorgfältig auswerten. Wann es zu einem neuen Alarm komme, hänge von der Wetterlage ab: "Es bleibt aber dabei, wir werden zwei Tage im Voraus den Alarm ausrufen, so dass alle Autofahrer Zeit haben, nach umweltfreundlicheren Mobilitätsalternativen zu suchen."

Feinstaub-Alarm BannerInformationsbanner zum Feinstaub-Alarm am Stuttgarter Rathaus. Foto: Lichtgut/Kovalenko
IVLZ: Leichter Rückgang des Verkehrsaufkommens
Die Beobachtung des Verkehrsaufkommens in Stuttgart lässt nach einer Woche Feinstaub-Alarm noch keine abschließende Beurteilung zu. Der Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale Stuttgart (IVLZ), Ralf Thomas, erklärte: "Im Vergleich zum Januar 2015 kann man durchgehend von einem leichten Rückgang des Verkehrsaufkommens um durchschnittlich drei Prozent ausgehen, wie es sich bereits am Montag angekündigt hatte. Auf manchen Strecken ging der Kraftfahrzeugverkehr sogar um bis zu sieben Prozent zurück." Thomas betonte aber, seriös könne man eine Auswertung erst später vornehmen. "Wir müssen eine Periode von mehreren Wochen anschauen, um die Verkehrsentwicklung zu analysieren."

Für Umsteiger: Kostenloses Parken auf dem Wasen und mit der U11 in die City

Beim nächsten Feinstaub-Alarm wird es für Umsteiger nun ein zusätzliches Park-Angebot in Stuttgart geben: Pendler können auf dem Cannstatter Wasen bis zum Frühlingsfest umsonst parken und mit der Sonderlinie U11 in die Innenstadt fahren, um Fahrten in die City zu vermeiden. Der Fahrgast muss im Besitz einer gültigen Fahrkarte sein. Der Parkplatz befindet sich zwischen Verwaltungsgebäude von in.stuttgart und der Talstraße, die Zufahrt erfolgt über die Talstraße.

Um mehr Kapazitäten im öffentlichen Nahverkehr zu schaffen, fährt die Sonderlinie U11 bei Feinstaub-Alarm montags bis freitags von 8.30 bis 18.30 Uhr ab der Endhaltestelle NeckarPark (Stadion); sie hält nicht an der Haltstelle Cannstatter Wasen. Die U11 ist vor allem ein zusätzliches Angebot an alle, die sich sonst tagsüber mit dem Auto in der Stadt bewegen. Dies bringt eine Entlastung auf der Tallängsachse und in der ganzen Innenstadt.

Überschreitungen an der Messstelle Neckartor
Die Feinstaub-Werte an der Messstelle Am Neckartor haben in den vergangenen Tagen Spitzenwerte erreicht. N ach Mitteilung der Landesanstalt für Umwelt und Messungen (LUBW) lag der Tagesmittelwert für Feinstaub an dieser hoch belasteten Kreuzung am ersten Tag des Feinstaub-Alarms bei rund 90 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Am Dienstag wurden etwa 140 Mikrogramm, am Mittwoch 120 Mikrogramm und am Donnerstag knapp 90 Mikrogramm je Kubikmeter Luft gemessen. Der EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft wurde damit überschritten. Erlaubt sind 35 Überschreitungstage im Jahr; 2015 waren es 72 Tage am Neckartor, der einzigen Station, an der noch die Feinstaubwerte zu hoch sind. Die aktuellen Werte werden auf der Seite der LUBW veröffentlicht.

Die von der LUBW veröffentlichten Feinstaub-Daten werden nach dem kontinuierlichen Messverfahren erhoben und dienen nur der schnellen Information der Öffentlichkeit. Entscheidend für die Beurteilung der Luftqualität sind jedoch die Ergebnisse, die auf dem von der EU vorgeschrieben gravimetrischen Messverfahren beruhen. Dabei wird über 24 Stunden der Feinstaub auf einen Filter abgeschieden. Durch Wägung des Filters im Labor werden die Messwerte bestimmt. Diese Daten liegen erst nach Wochen vor. Die vorläufigen Werte des kontinuierlichen Messverfahrens können nach den Auswertungen des gravimetrischen Verfahrens noch in geringem Umfang abweichen.

Die Landeshauptstadt Stuttgart appelliert bei Feinstaub-Alarm gemeinsam mit dem Ministerium für Verkehr und Infrastruktur und dem Regierungspräsidium Stuttgart an die Bevölkerung in Stuttgart und in der Metropolregion, das Auto in der Umweltzone Stuttgart möglichst nicht zu nutzen und auf den Betrieb von sogenannten Komfort-Kaminen, die nur als zusätzliche Wärmequelle dienen, zu verzichten. Grundsätzlich ausgenommen sind Wohnungen, die ausschließlich mit solchen Einzelraumfeuerungen beheizt werden.
 
Stadtklimatologe Reuter: "Keine Aussagen zum nächsten Alarm möglich"
Die hohen Feinstaub-Werte am Neckartor haben selbst Experten überrascht. Dr. Ulrich Reuter, Stadtklimatologe beim Amt für Umweltschutz der Landeshauptstadt Stuttgart, sagte zu den hohen Messwerten: "Das sind in der Tat Spitzenwerte, die in den letzten Tagen am Neckartor gemessen wurden." Der Stadtklimatologe erklärte die Belastung mit einer anhaltenden starken Inversionswetterlage: "Seit Anfang der Woche ist es im Stuttgarter Kessel praktisch windstill und die inversionsbedingte Einschränkung des Austauschvermögens der Atmosphäre hat sich verschärft. Die ausgestoßenen Schadstoffe verharren im Stadtraum und führen letztlich zu diesen Spitzenkonzentrationen." Zudem sei ein gewisser "Aufsummierungseffekt" bei dieser anhaltenden stabilen Wetterlage festzustellen. "Vermutlich wurde aufgrund der Kälte in den vergangenen Tagen auch mehr geheizt, wodurch die Schadstoffbelastungen weiter gestiegen sein könnten", so Reuter.

Die leichte Abnahme der Werte zum Ende der Woche habe mit einer Wetterveränderung zu tun. "Es kann sein, dass sich die Sperrschicht zwischen der kalten Luft am Boden und den darüber liegenden Schichten etwas nach oben geschoben hat. Dadurch wird die Schadstoff-Wolke über dem Kessel etwas größer und luftiger", sagte Reuter.

Für das Wochenende und den Montag wird vom DWD eine Verbesserung des Austauschvermögens der Atmosphäre vorhergesagt. "Das führt zu einer Verdünnung und Verteilung der Luftschadstoffe. Die Belastung geht voraussichtlich wieder zurück", so Reuter. Eine Prognose, wann der nächste Feinstaub-Alarm in Stuttgart ausgelöst wird, kann der Stadtklimatologe nicht geben: "Wir müssen die nächsten Wettermeldungen des Deutschen Wetterdiensts abwarten. Momentan können wir keine verlässlichen Aussagen dazu machen."
 
Großes Interesse der Bürger an städtischen Informationen
Die Informationen der Landeshauptstadt Stuttgart zum Feinstaub-Alarm haben im Internet und in den sozialen Medien eine sehr große Reichweite erzielt. Allein auf der städtischen Facebookseite wurden im Zeitraum von Samstag, 16. Januar bis Freitag, 22. Januar, über 253.000 Nutzer mit den Meldungen erreicht. Mehr als 450 Kommentare wurden abgegeben. Das zeigt, wie sehr das Thema die Menschen bewegt und zu Diskussionen anregt. Auf Twitter hielt sich der Hashtag #feinstaubalarm zeitweise auf Platz 2 der deutschen Top 100. Mehr als 28.000 Nutzer haben die Nachrichten zum Feinstaub-Alarm auf Twitter gesehen. Die extra eingerichtete städtische Webseite feinstaubalarm.stuttgart.de wurde im oben genannten Zeitraum von mehr als 33.000 Nutzern besucht.

Über die Informations-Website zum Feinstaub-Alarm haben die Stadt in der vergangenen Woche rund 240 Fragen erreicht, die fast alle tagesaktuell von der Abteilung Mobilität beantwortet werden konnten. Bei komplexen oder sehr spezifischen Fragen wurden die Fachämter hinzugezogen, dann kann es auch mal einen Tag länger mit der Antwort gedauert haben. Hinzu kamen über 30 Gelbe Karten. Die Themen reichten von Fragen nach den aktuellen Feinstaubwerten über den Geltungsbereich des Feinstaub-Alarms bis zu den Konsequenzen von möglichen Fahrverboten in Zukunft oder zur Tarifstruktur im VVS. Hinzu kamen Anregungen, etwa zur Gestaltung von Haltestellen, um deren Nutzung zu vereinfachen, zu Mitfahrgelegenheiten oder zur Benachrichtigung der Bürger. Die Hinweise wurden alle aufgenommen und werden ausgewertet.

Stadt investiert 14 Millionen in verbesserte Mobilität und das Stadtklima
Die Stadt Stuttgart hat schon vor Einführung des Feinstaub-Alarms eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Belastung mit Schadstoffen zu senken: Von der Einführung der Umweltzone über das LKW-Durchfahrtverbot bis zum verstärkten Ausbau des Radwegenetzes, der Verstetigung des Verkehrs durch Tempo 40 an Steigungsstrecken, der Einführung eines Job-Tickets für städtische Mitarbeiter, das bei vielen Unternehmen und jetzt auch bei der Landesregierung Nachahmung findet, der vermehrten Begrünung von Hauptverkehrsachsen bis zur Förderung der Elektromobilität. Zudem wird es unter wissenschaftlicher Begleitung einen großangelegten Versuch mit einer Mooswand im Bereich der sehr belasteten Verkehrskreuzung Am Neckartor und entlang der Cannstatter Straße geben. Wissenschaftler werden untersuchen, inwieweit das Moos die Luftschadstoffe binden und reduzieren kann. Im Doppelhaushalt 2016/17 sind insgesamt rund 14 Millionen Euro für Maßnahmen zugunsten einer nachhaltigen Mobilität und der Verbesserung des Stadtklimas bereitgestellt.