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100 Jahre Hauptklärwerk Mühlhausen - Tag der Offenen Tür am 25. Juni

15.06.2016 Aktuelles
Das Hauptklärwerk in Mühlhausen feiert 2016 sein 100-jähriges Bestehen. Gefeiert wird mit einem Tag der Offenen Tür am Samstag, 25. Juni, von 10.30 Uhr bis 17 Uhr. Hinter den Kulissen können die Besucher moderne Abwasserreinigung bei einer Fahrt mit dem Bähnle über das Klärwerksgelände erleben. Es besteht unter anderem Gelegenheit, die Klärschlammverbrennung zu besichtigen und sich im Zentrallabor der Stadtentwässerung Stuttgart (SES) über die chemischen Analysen zu informieren.

Außerdem sind ein Kamerawagen und ein Spülfahrzeug im Einsatz zu erleben. Für Kinder bieten Spiel- und Erlebnisstationen Vergnügen. Natürlich ist auch für ein gastronomisches Angebot durch die Mühlhausener Vereine und musikalische Unterhaltung mit dem Musikverein Mühlhausen gesorgt. Weitere Informationen unter www.stuttgart-stadtentwaesserung.de. Zum Tag der Offenen Tür wird die Anfahrt mit dem ÖPNV empfohlen, da nur wenige Parkplätze zur Verfügung stehen. Der Fußweg zum Hauptklärwerk ist ab den U14-Haltestellen Mühlhausen und Hornbach ausgeschildert. Ab Haltestelle Hornbach fährt ein Shuttlebus.

Viele Innovationen

Das Hauptklärwerk Stuttgart-Mühlhausen kann auf viele Innovationen zurückblicken: etwa die feinblasige Belüftung der Belebungsbecken, die Sandfiltration bei Großkläranlagen und die europaweit erste kommunale Mono-Klärschlammverbrennung. Das Einzugsgebiet umfasst ein Kanalnetz von rund 1.750 Kilometer und eine Fläche von 163 Quadratkilometer, wobei neben dem Stuttgarter Abwasser auch die Abwässer von Esslingen, Fellbach, Korntal, Kornwestheim und Remseck behandelt werden. Heute ist es eines der modernsten Klärwerke in Deutschland. Täglich durchlaufen rund 200.000 Kubikmeter Abwasser die Reinigungsstufen, bevor die Einleitung in den Neckar erfolgt. Jährlich fallen als Endprodukt 16.000 Tonnen Klärschlamm in der Trockenmasse an. Dieser wird in der Klärschlammverbrennung vor Ort thermisch behandelt. 120 Mitarbeiter werden von einem modernen Prozessleitsystem unterstützt, das alle Anlagenteile überwacht und steuert. Das ebenfalls auf dem Gelände untergebrachte Zentrallabor der Stadtentwässerung Stuttgart (SES) untersucht täglich eine Vielzahl von Abwasserproben auf die wichtigsten Inhaltsstoffe. Anhand eines Indirekteinleiterkatasters, in welchem die relevanten gewerblichen Einleitungen erfasst sind, kann bei auffallend hohen Schadstoffkonzentrationen der Verursacher der Verschmutzung meist relativ schnell ermittelt und weiterer Schaden für den Klärwerksbetrieb abgewandt werden.

Abwasserreinigung nach modernsten Gesichtspunkten

Dank fortlaufender Investitionen in die Anlagentechnik und einer kontinuierlichen Verbesserung der Reinigungsleistung können die Grenzwerte für sauerstoffzehrende Stoffe und für die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor seit Jahren gesichert eingehalten werden. Dies kommt natürlich dem Neckar zu Gute, dessen Sauerstoffgehalt vor und nach dem Ablauf des Hauptklärwerks in etwa gleich hoch ist. Auch weist der Neckar hier eine gute Gewässerqualität auf. Bildete Anfang des 20. Jahrhunderts die mechanische Stufe, das heißt die Entfernung von Feststoffen aus dem Abwasser, das Kernstück der Abwasserreinigung, gilt dies heute für die biologische Stufe. In deren Belebungsbecken befinden sich unzählige Mikroorganismen, welche die Fähigkeit besitzen, die im Abwasser vorhandenen organischen Verbindungen sowie Stickstoff und Phosphor aufzunehmen und zu verwerten. Um den Sauerstoffeintrag optimal gestalten zu können, wurde im Hauptklärwerk Mühlhausen bereits 1958 die feinblasige Belüftung eingeführt. Im Zuge der biologischen Reinigung fällt Belebtschlamm an, der in den Nachklärbecken vom Wasser getrennt und später der Klärschlammverbrennung zugeführt wird. Bevor das so gereinigte Abwasser dann endgültig in den Necker eingeleitet wird, durchläuft es die 1984 in Betrieb genommene Sandfiltration. Hier werden die noch verbleibenden Feststoffteilchen ausgefiltert.

Kostenfaktor Energie

Eine auf hohem Niveau arbeitende Abwasserreinigung benötigt viel Energie. Um die Energiekosten gering zu halten, sind im Hauptklärwerk Mühlhausen derzeit leistungsfähige Blockheizkraftwerke sowie eine Dampfturbine im Einsatz. In den Blockheizkraftwerken wird das bei der Ausfaulung des Schlamms in den Faultürmen entstehende Methangas in elektrische Energie und Wärme umgewandelt. Die Dampfturbine nutzt die freigesetzte Energie aus der Klärschlammverbrennung zur Stromerzeugung. Mit beiden Systemen ist es möglich, den Wärmebedarf des Hauptklärwerks vollständig und den Strombedarf zu fast 30 Prozent selbst zu decken und so die CO2-Emissionen effektiv zu minimieren.

Lag der Fokus im 20. Jahrhundert auf dem Neu- und Ausbau des Hauptklärwerks, so sind heute neben einzelnen Neubauten der Bauwerkserhalt und die Instandhaltung von Betriebsmitteln und Maschinen ein wichtiges Element. Außerdem gilt es, nachhaltig zu agieren, das heißt ökologisch durch die Einführung neuer Technologien die Reinigungsleistung des Hauptklärwerks langfristig zu halten und noch zu verbessern. Und gleichzeitig sinnvoll und verantwortungsbewusst mit dem Geld der Bürgerinnen und Bürger zu wirtschaften.

Die Anfänge des Hauptklärwerks

Die hygienischen Bedingungen waren vor mehr als 100 Jahren fürchterlich und die Geruchsbelästigungen fast unerträglich. Der Nesenbach, der damals noch teilweise oberirdisch verlief, diente als natürlicher Abwasserkanal und war mehr Kloake denn Bach. Die Stadtoberen waren sich einig, dass es so nicht weitergehen konnte. Auch wollte man nicht als rückständig gelten, hatten doch einige deutsche Großstädte bereits mit dem Bau eines Klärwerks vorgelegt. Um das für Stuttgart am besten geeignete Reinigungsverfahren zu finden, nahm eine Versuchskläranlage auf der Prag 1902 den Betrieb auf. Sie wurde 1909 nach Gaisburg verlagert. Dort testete man verschiedene Klärmethoden. Gleichzeitig galt es aber auch, die notwendige Infrastruktur für die Abwasserableitung zu schaffen. Die vorhandenen Dolen waren veraltet und viel zu klein, um mit den Abwassermengen der ständig wachsenden Stuttgarter Bevölkerung fertig zu werden. Abhilfe sollte der bereits 1874 vorgelegte Plan für eine systematische Stadtentwässerung und Schwemmkanalisation des Ingenieurs Joseph Gordon schaffen. Allerdings bedurfte es noch zwei weiterer Gutachten, bis endlich Mitte der 1880er Jahre Geld für den Ausbau der Kanalisation bereit gestellt wurde.

Hofen und Münster in der Standortwahl

Als Standort vorgesehen waren zunächst Münster oder Hofen. Von den damals noch selbstständigen Gemeinden musste Land für den Bau des Klärwerks erworben werden. Während Münster das Projekt durchaus positiv aufnahm, weil man sich davon auch Vorteile für die im Ort angesiedelten Industriebetriebe erhoffte, war der Widerstand in Hofen immens. Da allerdings der Stuttgarter Gemeinderat, im Gegensatz zum Tiefbauamt, die preisgünstige, rein mechanische Abwasserreinigung präferierte, wurde Münster als Standort aufgrund der für die Stuttgarter Bevölkerung zu erwartenden Geruchsbelästigungen dann doch verworfen. Schließlich entschied man sich, das zentrale Klärwerk in der weiter von Stuttgart entfernten Gemeinde Mühlhausen zu errichten. Dort war auch der benötigte Grund wesentlich billiger als in Hofen. Am 3. September 1913 erhielt die Stadt die königliche Erlaubnisurkunde für die Einleitung der gesamten Abwässer in den Neckar. Allerdings wurden strenge Auflagen erteilt. So mussten alle gewerblichen und häuslichen Abwässer einer mechanischen und einer dem Stand der Technik entsprechenden biologischen Reinigung unterzogen werden.

Inbetriebnahme am 27. Juni 1916

Nachdem die Kanalarbeiten fertiggestellt waren, erfolgte im April 1915 der Spatenstich für die neue Anlage. Am 27. Juni 1916 nahm sie nach Abschluss der ersten Bauphase den Betrieb auf. Die offizielle Eröffnung folgte im Oktober 1916. Kernstück des Klärwerks war die mechanische Reinigung. Diese setzte sich aus insgesamt fünf Becken zusammen: drei sogenannte Emscherbecken, einem Neustädter Becken und dem Stuttgarter Becken, das eigens entwickelt worden war und als Regenklärbecken diente. Daran schloss sich eine Tropfkörperanlage an, die zunächst ein Zehntel des mechanisch gereinigten Abwassers auch einer biologischen Behandlung unterziehen sollte. Der ausgefaulte Schlamm wurde überwiegend auf ausgedehnte Trockenfelder auf dem Klärwerksgelände transportiert. Die Entnahme des Klärschlamms aus den tiefen Becken der mechanischen Reinigung glich dabei dem bergmännischen Untertagebau. Wegen der Kriegswirren dauerte es bis September 1918, dass es jedem Bürger - auf eigene Kosten - gestattet war, sein Haus an die Schwemmkanalisation der Stadt anzuschließen.

Seit damals wurde das Hauptklärwerk Mühlhausen mehrfach erweitert und vollständig umgebaut. Es ist heute das größte Klärwerk in Baden-Württemberg und eines der modernsten bundesweit.