Laudatio auf Hartmut Köhler von Hans-Rüdiger Schwab anlässlich der Cotta-Preisverleihung 2008

Am Dienstag, 10. Juni, wurde der 15. Johann Friedrich von Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart an den Schriftsteller Egon Schwarz aus St. Louis, USA, und an den Übersetzer Hartmut Köhler aus Trier verliehen. Die Laudatio auf Köhler hielt Professor Hans-Rüdiger Schwab, Lehrstuhlinhaber an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Fachbereich Sozialwesen. Seine Rede im Wortlaut:

Teil 1

"Herr Oberbürgermeister,
Frau Bürgermeisterin,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
vor allem aber: lieber und verehrter Hartmut Köhler,

dort, wohin in seiner 'Fröhlichen Wissenschaft' Nietzsche die Philosophen beorderte, um neue Welten zu 'entdecken', befinden sich die Übersetzer ja längst: auf den Schiffen. 'traducere navem (...), landen, wo andrer boden ist und andre luft streicht.' Es war Jacob Grimm, der Begründer der deutschen Sprachwissenschaft, der mit dieser Metapher von der Fahrt an ein gegenüber liegendes Ufer den Begriff der Über-Setzung so anschaulich wie zutreffend umschrieben hat. Als eine solche Fahrt aber ist jeder Übersetzungsversuch ein vielschichtiges Abenteuer mit unbekanntem Ausgang und immer vom Scheitern bedroht. Entscheidend ist das Ankommen in einer anderen Wirklichkeit, in der die des Ausgangs gleichwohl bewahrt ist. Der Bildbereich impliziert im Grunde etwas Paradoxes: eine Identität, die sich während der Anverwandlung von etwas Unbekanntem verändert und dabei doch wiedererkennbar bleibt.

Im anthropologischen Sinne sind wir tagtäglich alle in unseren über-setzenden Kompetenzen gefordert. Die Übersetzer sind also Vorbilder für den wesentlichen Akt unserer Weltaneignung überhaupt. Sie lehren uns das Verstehen (und als solches ist Übersetzen eine der komplexesten menschlichen Geistestätigkeiten überhaupt, bei der unterschiedliche - und sich oft gegenseitig ausschließende - Bedingungen zu erfüllen sind). Zumal dann, wenn sie literarische Texte aus der Vergangenheit übersetzen, versuchen sich diese Seeleute des Denkens an Vermittlungen angesichts zeitlicher, kultureller und von Abständen der Denkweise. Die Mühe aber lohnt sich. Gelingende Übersetzungen lassen uns ahnen, dass Fremdheit überwunden und ein Raum der Begegnung hergestellt werden kann. Nichts tut uns - vielleicht gerade unter den gesellschaftlichen Bedingungen der Gegenwart - so not wie gute Übersetzer.

Das vollständige Eindringen in einen Text, das vollständige Erkennen und seine (gleichsam interaktionale) Nach- oder besser: Neuschöpfung sind ein Akt, den man zwar präzise empfinden, kaum aber beschreiben oder systematisieren kann. Man benötigt dazu, was George Steiner 'spekulative Instrumente' genannt hat. Geistige Mobilität, Empathie, Fingerspitzengefühl und Erfahrung zählen in jedem Falle hinzu. Unerlässlich ist, dass man sich die Geschichte der betreffenden Sprache und die verwandelnden Energien zu vergegenwärtigen vermag, welche den Satzbau zum Spiegel individueller Befindlichkeiten und dem Abbild des Zustandes einer Epoche machen. Indes (so noch einmal George Steiner): 'weder Gelehrsamkeit noch Fleiß summieren sich (letztlich) zur Einsicht, zum intuitiven Vorstoß in die Mitte'. Ohne eigene künstlerische Sensibilität ist er schlechterdings undenkbar.

Nicht nur als Meister der Sprache handelt es sich beim Übersetzer demnach seinerseits um einen Künstler - einen Künstler, der sich in den Dienst eines anderen stellt. Womöglich in diesem Sinne spricht Novalis vom Übersetzer als dem Dichter des Dichters. In seiner Tätigkeit verbinden sich Literatur, Hermeneutik und Poetik zu einer Einheit. Ich meine damit, dass sie sprachmächtige Texte hervorbringt, die die Bedingungen ihres Verständnisses wie gleichzeitig deren prinzipielle Unabgeschlosenheit in sich begreifen.

Wie gut daher nach alledem, dass es Preise für Übersetzungen gibt, und derjenige der Landeshauptstadt Stuttgart, welcher heute verliehen werden soll, gilt mit Recht ja als einer der wichtigsten überhaupt.

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