Dankesrede von Hartmut Köhler zur Verleihung des Cotta-Preises

Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster hat am Dienstag, 10. Juni, den 15. Johann Friedrich von Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart an den Schriftsteller Egon Schwarz aus St. Louis, USA, und an den Übersetzer Hartmut Köhler aus Trier verliehen. Die Dankesrede von Hartmut Köhler im Wortlaut:

Teil 1

"Sagen Sie, ist hier nicht irgendwo ein Loch, in dem ich verschwinden kann? Vor so viel Lob, das ich nicht verdiene. Ich wollte ich hätte eines.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wie soll ich für all dies danken? Ich weiß es nicht. Noch dazu soll ich mich kurz fassen, denn der Abend ist schon fortgeschritten, und ich will die Geduld nicht mehr strapazieren.

Doch ich will es versuchen - in drei Schritten - den Dank auszusprechen. Aber ich bin wirklich bewegt und werde vermutlich ein bisschen konfus reden. Ich bitte um Nachsicht.

Mein erster Schritt, versuchsweise, soll der sein, dass ich mich bei dem Autor bedanke. Bei solchen Feiern, noch dazu wenn sie so schön ist, wie diese, so rührend, in so einem herrlichen Saal und bei so herrlichem Wetter und allem, da besteht die Gefahr, dass der Autor, um den es geht - auch wenn er da draußen in einem dicken Buch vorliegt - vielleicht ein bisschen ins Hintertreffen gerät oder gar aus dem Blick.

Und das soll nicht sein. Ein Übersetzer hat hinter seinem Werk - so gut es geht - zurückzutreten. Ich habe mich gefreut, dass wir gestern Abend in sympathischer Umgebung Gelegenheit hatten, aus dem Buch lesen zu können. Danke nochmals für die Aufnahme in der Stadtbibliothek. Die Leiterin ist erfreulicherweise unter uns.

Ich möchte Ihnen daher heute Abend nur eine einzige Passage vortragen, an der mir besonders liegt. Das lautet folgendermaßen. Es wird keine Lesung, es wird nur eine Erinnerung, an etwas, dass in diesem Buch gesagt ist und was uns allen gesagt sein sollte.

Critiló, einer der beiden wandernden Helden, von dem heißt es - ich lese eine kurze Passage vor, wenn Sie es mir gestatten.

'Im selben Augenblick aber überkam Critiló auch schon eine äußerst schmerzliche Regung, die ihm so sehr das Herz bedrückte, dass es ihm aus den Augen heraustrat. Dem Tapferen entging dies nicht und er erkundigte sich nach dem Grund dieser Pein. Darauf sagte Critiló - sie sind in einer Art von Museum oder Zeughaus und besichtigen die dort ausgestellten Objekte - 'Ist es denn zu fassen, dass alle diese Unheilswerkzeuge gegen ein so schwaches und zerbrechliches Leben geschmiedet wurden? Ja, wenn es darum ginge dieses Leben zu bewahren, dann ließe ich es mir eingehen, dann verdienten sie jegliches Lob, aber um es zu beschädigen und zu vernichten, sollten gegen eine Ocha, gegen ein Blatt, das der Wind verweht, so viele Ochas, scharf geschliffene Klingen, ihre Macht beweisen müssen? Ach, unseelige Menschheit, die du ein Siegeszeichen aus deinem Elend selbst machst!''

Sie haben verstanden, das ist ein Aufruf gegen den Krieg. 1657 formuliert.

Ich kann es mir nicht ganz versagen, bitte um Nachsicht, die Stuttgarter Zeitung von heute Morgen zu zitieren. Da ist ein kleiner Artikel zwischen CO-Werten und Fußball, da heißt es: 'die Welt rüstet auf wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr sind weltweit rund 858 Milliarden Euro für Militär und Rüstung ausgegeben worden', und so weiter.

Ich glaube, es ist nicht nötig, weiter darauf zu insistieren, wie aktuell Gracián mit dieser seiner Anschauung ist.

Damit möchte ich es auch bei dem ersten Dankespunkt bewendet sein lassen.

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