Laudatio auf Egon Schwarz von Uwe Timm anlässlich der Cotta-Preisverleihung 2008

Am Dienstag, 10. Juni, wurde der 15. Johann Friedrich von Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart an den Schriftsteller Egon Schwarz aus St. Louis, USA, und an den Übersetzer Hartmut Köhler aus Trier verliehen. Die Laudatio auf Schwarz hielt der Schriftsteller Uwe Timm. Seine Rede im Wortlaut:

Teil 1

"Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr verehrter, lieber Egon Schwarz,
meine Damen und Herren,

es gibt ein Foto, das den heute zu ehrenden Professor, Dr. phil. et Dr. honoris causa Egon Schwarz als Handlungsreisenden in einem kleinen bolivianischen Dorf zeigt. Es ist eine jener aus späterer Sicht geglückten Momentaufnahmen, die etwas von den merkwürdigen Wegen eines Lebens erzählen. Wir sehen Egon Schwarz in Mantel und Hut vor einer schmutzigen Mauer stehen, in der Hand einen mächtigen Musterkoffer, über der Schulter liegen Stoffbahnen. Es war der Versuch, sich den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Hosen und Schuhen, Rasierzeug, Seife, Zahnbürsten, Nachtgewändern zu verdienen. In der Autobiografie 'Unfreiwillige Wanderjahre' 2005 im Verlag H.C. Beck erschienen, können wir lesen, wie dieser junge Mann durch ein ödes, bolivianisches Dorf läuft und seine Kollektion anpreist. Auf dem Rücken hat er ein Schild mit dem Namen des Hotels befestigt, in dem er die Waren verkauft. Hinter ihm läuft ein Schwarm Dorfkinder her, die den Hotelnamen nach der Melodie eines Schlagers johlen. Wir lesen, wie dieser junge Mann frierend im Hotel auf Kundschaft wartet, wie er in ein Kino flüchtet, eine Bretterbude, die aber geheizt ist, wo er sich gut zwei dutzend Mal den Film 'Schneewittchen und die sieben Zwerge' ansieht. Er hat sein Glück nicht nur als Handlungsreisender versucht, sondern auch als Nachtwächter, als Chemiker, mit einer Elektrikerlehre, die er abbricht, er war eine kurze Zeit Kürschner.

Es war ein langer Weg von Anden hierher, wobei der Weg von seiner Heimatstadt Wien in das Andendorf da gefährlicher noch viel weiter erscheint. In Wien ist er aufgewachsen und zu dem anrührenden ersten Teil der 'Unfreiwilligen Wanderjahre' gehört die Beschreibung seiner Heimatstadt, seiner Großeltern, Tanten und Onkel, vor allem auch seiner Eltern. Eine harmonische, ja glückliche Kindheit, wenn auch in einer wirtschaftlich prekären Situation.

Was mich immer wieder an diesem Buch erstaunt, ist das exakte Gedächtnis des Autors, vor allem aber wie es ihm gelingt, das Erinnerte in eine Sprache zu bringen, die all diese konkreten Bilder, Situationen, Stimmungen in der Innigkeit der kindlichen Wahrnehmung aufscheinen lassen.

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