Jugendgesundheitsstudie 2005: Bei weitem nicht alle Jugendlichen sind gesund und fit

Einzelne Ergebnisse der Jugendgesundheitsstudie Stuttgart 2005 - JUGS

Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen

In Stuttgart sind immer mehr Kinder und Jugendliche zu schwer. Dies ist jedoch keine Stuttgarter Besonderheit: Die Zahlen für Stuttgart entsprechen etwa den vom Robert Koch-Institut für ganz Deutschland erhobenen Daten. Insgesamt 17,2 Prozent der Mädchen und 15,4 Prozent der Jungen in Stuttgart sind übergewichtig. Damit hat der Anteil der Übergewichtigen in den letzten zwanzig Jahren um etwa 60 Prozent zugenommen. Noch extremer verlief der Zuwachs bei den stark Übergewichtigen: Hier ist in Stuttgart eine Verdoppelung gegenüber den 80-er Jahren zu verzeichnen: 5,9 Prozent der Mädchen und 6,9 Prozent der Jungen müssen heute als extrem übergewichtig (adipös) betrachtet werden.

"Hier tickt eine Zeitbombe, denn genau diese Jugendlichen haben ein erhöhtes Risiko für eine Vielzahl von schwer und chronisch verlaufenden Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen, orthopädische Beschwerden und psychosoziale Beeinträchtigungen, die nicht nur für sie selbst extrem belastend und einschränkend sind, sondern dem Gesundheitssystem auch erhebliche Kosten verursachen werden," sagte Gabriele Müller-Trimbusch, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit, in der gemeinsamen Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses sowie des Jugendhilfeausschusses am 18. Dezember 2006.

Förder-, Haupt- und Realschüler haben im Vergleich zu Gymnasiasten ein deutlich höheres Risiko für Übergewicht. Auch hier zeigt sich, dass Bildung ein entscheidender Faktor für gesundes Verhalten ist und dass Gesundheitserziehung vor allem in Förder- und Hauptschulen eine hohe Bedeutung zukommen muss.

Jungen, die Sport treiben, waren seltener übergewichtig. Wer mindestens drei Mal pro Woche sportlich aktiv ist, halbiert sein Risiko für Übergewicht. Freude an der Bewegung ist beim Kampf gegen das Übergewicht ein wesentlicher Faktor.

Sport, körperliche Aktivitäten und Medienkonsum bei Jugendlichen

Generell sind Mädchen weniger körperlich aktiv als Jungen. 38,5 Prozent gaben an, sich mindestens drei Mal pro Woche körperlich zu betätigen, während dies bei den Jungen fast doppelt so viele (72,2 Prozent) taten. Jedes fünfte Mädchen (19,6 Prozent) ist nie körperlich aktiv. Die landläufige Meinung, Mädchen mit muslimischem Hintergrund würden weniger Sport treiben als Mädchen ohne einen solchen Migrationshintergrund, bestätigte sich nicht. Mit 41 Prozent gaben Mädchen mit muslimischem Migrationshintergrund sogar häufiger an, mindestens drei Mal wöchentlich sportlich aktiv zu sein als Mädchen ohne Migrationshintergrund. Auf die Schularten bezogen zeigte sich, dass Jungen aus Gymnasien weitaus häufiger drei Mal pro Woche sportlich aktiv sind (80 Prozent) als Jungen aus Förderschulen (53 Prozent).

Womit verbringen Jugendliche ihre Freizeit sonst noch? Insgesamt beschäftigen sich Jugendliche durchschnittlich 6,8 (Mädchen) beziehungsweise 6,6 (Jungen) Stunden pro Tag mit Medien, wobei neben Fernsehen, Video, Computer, Internet und Playstation auch Musik hören und Handy gezählt wurde. Bei diesen hohen Zahlen ist zu beachten, dass einige Medien auch gleichzeitig konsumiert werden können. Dies konnte in der Auswertung nicht berücksichtigt werden. Deshalb könnten die Durchschnittswerte etwas zu hoch angesetzt sein, dennoch zeigen sie, dass der Medienkonsum für viele Jugendliche die zentrale und sehr zeitintensive Freizeitbeschäftigung darstellt.

Risiko für Essstörungen

Beachtlich sind die psychischen Belastungen, denen Jugendliche ausgesetzt sind und deren Folgen, wie zum Beispiel Essstörungen. Unter Essstörungen im weitesten Sinne werden Magersucht (Anorexie), Ess-/Brechsucht (Bulimie), unkontrollierbare Essattacken (Binge Eating Disorder) und extremes Übergewicht (Adipositas) verstanden. Bei der Jugendgesundheitsstudie konnten keine Diagnosen gestellt werden, aber es konnte ermittelt werden, wie viele Jugendliche ein erhöhtes Risiko haben, später eine der genannten Essstörungen zu entwickeln. 21,3 Prozent der Jugendlichen müssen als besonders gefährdet für eine Essstörung angesehen werden. Bei Mädchen steht jedes vierte unter Risiko (26 Prozent), bei Jungen jeder sechste (16 Prozent). Im Altersverlauf von 13 bis 16 Jahren steigt bei Mädchen das Risiko um gut das Doppelte an (von 21 auf 46 Prozent), bei den Jungen hingegen sinkt es (von 18 auf 7 Prozent). Die Bildung scheint einen Einfluss auf Verhalten und Einstellung zu Essen und Körpergewicht zu haben, denn in Haupt- und Förderschulen müssen 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler als besonders gefährdet für eine Essstörung betrachtet werden. In Realschulen sind es 18 Prozent und im Gymnasium lediglich 10 Prozent.

Psychosomatische Störungen und Schmerzen

Von psychosomatischen Störungen wie Schlafstörungen, Müdigkeit und Erschöpfung berichtet etwa jeder fünfte Jugendliche, Mädchen häufiger als Jungen. Einschlaf- oder Durchschlafprobleme gaben 28 Prozent der Mädchen und 19 Prozent der Jungen an. Oft oder sogar immer müde und erschöpft fühlen sich 23 Prozent der Mädchen und 17 Prozent der Jungen.

Auch Schmerzen können Ausdruck von seelischen Belastungen sein. Fast jedes vierte Mädchen (23,3 Prozent) und jeder sechste Junge (17 Prozent) gaben an, mehrmals in der Woche Schmerzen zu haben. Dabei handelt es sich am häufigsten um Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Rückenschmerzen, bei den Mädchen zusätzlich um Regelschmerzen. Mädchen geben nicht nur häufiger Schmerzen an, sondern auch stärkere Schmerzen als Jungen. Häufigste Ursache ist bei den Mädchen die Menstruation, bei den Jungen Sport oder eine Verletzung. Jeweils 12 Prozent gaben auch Lärm als auslösende Ursache für Schmerzen an.

Wenn von den Jugendlichen Schmerzmittel eingenommen werden, dann überwiegend bei Kopfschmerzen. Dabei nehmen sechs von zehn Jugendlichen die Schmerzmittel ohne ärztliche Verordnung ein, teilweise auch über einen längeren Zeitraum.

Alkoholkonsum

Etwa ein Drittel der Jugendlichen (34,2 Prozent) trinkt nie Alkohol, die Hälfte (51,5 Prozent) trinkt gelegentlich und 14,3 Prozent trinken regelmäßig mindestens ein Mal pro Woche Alkohol. Das Trinkverhalten von Jungen und Mädchen gleicht sich zunehmend an. Allerdings gibt es andere Präferenzen bei den Getränkesorten. Bei den Jungen steht Bier und bei den Mädchen Alkopops an erster Stelle. Verglichen mit einer WHO-Studie aus dem Jahr 2002 trinken Stuttgarter Mädchen und vor allem Jungen seltener regelmäßig Alkohol als die Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen. Interessant sind die kulturellen Unterschiede beim Alkoholkonsum: Während bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund im Durchschnitt jeder sechste (16,5 Prozent) regelmäßig Alkohol trinkt, greift nur jeder fünfzehnte Jugendliche mit muslimischem Hintergrund regelmäßig zu alkoholischen Getränken (6,8 Prozent). Zwischen regelmäßigem Alkoholkonsum und regelmäßigem Rauchen konnte kein Zusammenhang festgestellt werden.

Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen

Wie sieht es nun beim Präventionsverhalten aus? Die Jugendgesundheitsuntersuchung J1, die für 13- bis 14-jährige Jugendliche vorgesehen ist, wurde nur von jedem dritten Jugendlichen wahr genommen (33 Prozent). Diese Quote liegt deutlich unter der Nutzungsquote für Nord-Württemberg (45 Prozent), welche die Kassenärztliche Vereinigung für das Jahr 2003 veröffentlicht hat.

Anhand der vorgelegten Impfbücher konnten Impflücken festgestellt werden. Während die Grundimmunisierung für Tetanus, Polio und Diphtherie bei fast allen vorhanden war, fehlten häufig Auffrischungsimpfungen. Das nationale Impfziel für Masern der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut sieht eine bevölkerungsweite Durchimpfungsrate von 95 Prozent vor. Für Stuttgarter Jugendliche kann diese Vorgabe nicht erfüllt werden, da nur circa 90 Prozent der Jugendlichen die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten hat. Vornehmlich Förder- und Hauptschüler legten unvollständige Impfbücher vor.

Für Rückfragen steht beim Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart als Ansprechpartner Jodok Erb zur Verfügung. Er ist zu erreichen unter:
Telefon 0711/216-3046

 
 

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