Elmar Daucher: Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus, 1970

Vier massive Steinquader erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Wer sich zwischen die Blöcke wagt, kann einen Text des Philosophen Ernst Bloch lesen:

1933-1945
Verfemt Verstossen Gemartert
Erschlagen Erhängt Vergast
Millionen Opfer
Der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
Beschwören Dich:
Niemals wieder!

Vier große, begehbare, schwarze SteinwürfelVergrößern
Elmar Daucher: Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus ©Wolfram Janzer

Beschreibung

Elmar Daucher wählte für die vier mächtigen Steinquader schwarzen Granit aus dem Nationalpark Tijuca bei Rio de Janeiro in Brasilien. Alle vier Quader haben die Maße zwei Mal zwei Mal zwei Meter. Sie sind überlebensgroß, doch in ihren Maßen sind sie auf den Menschen bezogen. Drei von ihnen stehen leicht versetzt zueinander. Der vierte Würfel liegt in der Mitte obenauf: mit einer Ecke sitzt er schräg verkantet zwischen den drei Blöcken, sodass ein Innenraum entsteht. Auf einer in den Boden eingelassenen schwarzen Granitplatte zwischen den Blöcken ist der Text von Ernst Bloch eingemeißelt.

Nur der Betrachter, der sich zwischen die Blöcke wagt, kann den Text lesen. Es wird einem unbehaglich zwischen den massigen Steinen, die Spitze des oberen Steines drückt in den Nacken. Elmar Daucher lässt das Material sprechen: der Stein ist schwarz und schwer und unverrückbar, niemand kann das Mahnmal zerstören, auf die Seite schieben. Die schweren Steine schützen die wichtigen Worte der Erinnerung.

Dauchers Granitblöcke sind an ihrem Standort unübersehbar. Durch die Eröffnung der Stauffenberg-Erinnerungsstätte im November 2006 im Archivbau des Schlosses, die Neugestaltung des Stauffenberg-Platzes und der im Mai 2008 erfolgten Aufstellung der drei Skulpturen des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka hat das Mahnmal einen neuen Zusammenhang bekommen. Die Erinnerung hat ihren Platz gefunden.

Vorgeschichte

Oberbürgermeister Dr. Arnulf Klett hatte schon 1946/47 der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) die Errichtung eines Mahnmals zugesagt. Stadtrat Eugen Eberle erinnerte im Dezember 1963 daran und regte einen Wettbewerb für die Gestaltung eines Mahnmals an, der erst 1967 ausgelobt wurde.

Zunächst wurde heftig über einen möglichen Standort des Mahnmals diskutiert. Der Verwaltungsausschuss der Stadt schlug den Brunnenplatz des Hoppenlau-Friedhofs vor. Die CDU-Fraktion stellte 1966 den Antrag, ein solches Mahnmal auf dem Birkenkopf, dem Trümmerberg der Stadt, zu erstellen. 1967 fällte der Stuttgarter Gemeinderat die Entscheidung, das Mahnmal auf dem heutigen Standort an der Planie beim Alten Schloss zu errichten, da dieser Ort, so Klett, "die Geschichte der Stadt repräsentiere und die Nähe zur ehemaligen Gestapozentrale im "Hotel Silber" gegeben sei".

Nach heftigen Auseinandersetzungen wurde der Text des Tübinger Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) im Juni 1968 angenommen. Nun wurden 13 Bildhauer aus Baden-Württemberg eingeladen, ein Mahnmal auf der Grundlage der Bloch-Worte zu gestalten. Neun Künstler nahmen die Herausforderung an und reichten Anfang 1969 ihre Vorschläge ein.

Im Februar 1969 sprach sich der Gutachterausschuss nach eintägiger Sitzung einstimmig für den Vorschlag des jungen Bildhauers Elmar Daucher aus und empfahl diesen dem Gemeinderat. Im November des Jahres wurde Daucher vom Gemeinderat beauftragt. Am 7. September 1970 wurde mit der Aufstellung begonnen. Schon acht Wochen später wurde das Mahnmal am Volkstrauertag, dem 8. November 1970, 25 Jahre nach Kriegsende in einer schlichten Gedenkstunde unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit eingeweiht.


Technische Daten
Künstler Elmar Daucher
Titel Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus
Jahr 1970
Material Schwarzer Granit aus Tijuca/Brasilien.
Maße 4 Steinquader je 2,00 x 2,00 x 2,00 m
Standort Planie, zwischen Altem Schloss und Karlsplatz, Stuttgart-Mitte
Eigentümer Landeshauptstadt Stuttgart

Weiterführende Literatur:

  • Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart: Hrsg. Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

 
 

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