Ernst-Reinhart Böhlig: Ausgrabungsstätte, 1985

Ernst-Reinhart Böhlig hat die Arbeit Ausgrabungsstätte 1985 für einen Wettbewerb der Universität Stuttgart entworfen. Die fünf hoch aufgetürmten Gesteinsbrocken erinnern an eine Fundstelle - doch genau dies ist die Ausgrabungsstätte nicht. Wer sich auf dieses Kunstwerk einlässt, wird aus diesem Grund unweigerlich auf ein paar Fragen zur gegenständlichen Form, dem gedanklichen Inhalt und der Reaktion des Betrachter stoßen.

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Ernst-Reinhart Böhlig: Ausgrabungsstätte ©Wolfram Janzer

Beschreibung

Vor der Universitätsbibliothek in Stuttgart-Vaihingen liegen auf einer Grasbewachsenen Fläche, die mit kleinen Gesteinsbrocken gesäumt ist, fünf große Felsblöcke. Diese sind aus dunklem Marmor mit weißen Adern und wiegen gigantische 30 Tonnen.

Die Felsformen scheinen zufällig arrangiert. Neben einer Gruppe von fünf nebeneinander gelagerten Felsblöcken ragt separat ein weiterer abgeschrägter Marmorbrocken auf. Im mittleren Bruchstück der Hauptgruppe, das auf zwei Marmorquadern liegt, entdeckt man die geschlossenen Finger einer gigantischen Hand, die einen Keil umklammert. Wenn man daran vorbeigeht, stößt man auf ein weiteres Körperteil: riesige Zehen eines Fußes dringen aus dem Stein vor. Weiter oben lugt ein Knie aus dem glatt gemeißelten Stein hervor.

Es scheint als kämpften sich die Teile des menschlichen Körpers aus dem Felsen hervor. Aber die einzelnen Felsbrocken sind nicht so gelagert, dass man eine im Fels verborgene Figur vermuten könnte. Die einzelnen Bruchstücke sind keine Fragmente im eigentlichen Sinne, da sie nicht beschädigt sind, sondern Teile eines noch nicht Vollendeten. Der verborgene Rest lässt sich in Gedanken ergänzen und würde beim imaginären Zusammensetzen eine Monumentalskulptur ergeben.

Böhlig will den Betrachter verleiten, das Nicht-Sichtbare in seiner Imagination sichtbar zu machen. Damit holt er die Relikte der Vergangenheit in unsere Gegenwart und verbindet sie mit der Zukunft in der Phantasie des Betrachters.

Böhlig entzeitlicht Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit und erzeugt so die Fiktion einer Ausgrabungsstätte.


Technische Daten
Künstler Ernst-Reinhardt Böhlig
Titel Ausgrabungsstätte
Jahr 1985
Material Marmor
Maße 4,50 x 4,50 x 4,50 m
Standort vor der Universitätsbibliothek, Stuttgart-Vaihingen
Eigentümer Vermögen und Bau Baden-Württemberg

Weiterführende Literatur:

  • Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart. Hrsg. Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

 
 

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