Ian Hamilton Finlay: Garten des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung, 1975

Der Garten in Stuttgart ist Finlays erste gestaltete Anlage auf dem europäischen Festland. Die Grünanlage des Max-Planck-Instituts beinhaltete ursprünglich sieben mehrteilige Kunststationen, von denen eine heute nicht mehr vorhanden ist. Die Kunstwerke, die der schottische Künstler in die Landschaft integriert hat, fallen nicht auf den ersten Blick ins Auge, sondern entfalten ihre ganze Pracht erst bei genauerem Betrachten. Beim Lustwandeln durch den Garten fällt auf, dass Feingefühl, Takt und ein Gespür für Komposition wichtige Elemente Finlays Kunst sind. Doch der Ausgangspunkt seiner Kunst ist die Poesie, das Spiel mit den Worten, das die Stationen seines Gartens belebt.

Ian Hamilton Finlay: Konkrete Poesie im Garten des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung, 1975Vergrößern
Ian Hamilton Finlay: Konkrete Poesie im Garten des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung ©Wolfram Janzer

I. Station: Schiff

Der Garten öffnet sich einem, wenn man um die großen Gebäude des Instituts an der Heisenbergstraße herumgeht und vom Waldrand her die Grünfläche betritt.

Im Schatten der Bäume befindet sich die erste Station: ein flaches Wasserbecken, das auf beiden Seiten von hochrechteckigen Marmorplatten eingefasst ist. Eine Trittplatte ermöglicht es den Besuchern, sich zwischen die beiden Platten ins Becken zu stellen. In Schönschrift in den Marmor eingraviert, steht auf der einen Marmorplatte das Wort "schiff" geschrieben. Nicht nur der Sinn des Wortes deutet auf das Wasserfahrzeug hin, sondern auch die Form, in der das Wort geschrieben ist, erinnert an die eines Schiffes.

Auf der gegenüberliegenden Seite findet man das gleiche Wort, in Spiegelschrift auf dem Kopf stehend, in den Marmor geritzt. Auch dieses Mal verweisen sowohl Inhalt als auch Form auf das Wasserfahrzeug. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sich das Wort in der spiegelnden Wasseroberfläche wunderbar lesen lässt.

Ein Spiel mit Buchstaben, mit dem Bild des Wortes, denn hier schwimmt das "schiff" wörtlich im Wasser.

II. Station: HIC JACET PARVUM...

Die nächste Station ist ein kleiner, eingewachsener Teich. Im Wasser ruht ein eckiger Marmorpfeiler mit abgeschrägter Oberkante, der an ein Lesepult erinnert. Ein von Wasser umgebener Trittstein ermöglicht es dem Besucher den eingravierten Text auf dem Pfeiler zu lesen. In lateinischen Lettern steht geschrieben:

HIC IACET PARVULUM QUODAM EX AQUA LONGIORE EXCERPTUM
(Hier liegt ein kleiner Ausschnitt einer größeren Wassermenge).

Der Körper des Wassers liegt im Teich still begraben, während die größere Wassermenge auf der Erde und im Himmel fließt und strömt und seinen Zustand regelmäßig ändert - der Mikrokosmos im Makrokosmos.

III. Station: VNDA

Geht man den kleinen Pfad am Teich entlang, kommt man zu fünf gleich hohen, senkrecht aufgestellten Betonstelen, die mit Buchstaben versehen sind. Wie gewohnt beginnt man den Text von links nach rechts zu lesen.

Auf der linken Platte ist nur eine blaue Wellenlinie zu erkennen, rechts daneben steht in weißen Lettern VNAD, in der Mitte liest man VDNA und auf Platte vier endlich ein Wort NVDA (unbekleidet, nackt oder bloß). Ganz rechts steht VNDA (Welle, Woge) geschrieben.

Finlay hat hier durch den bildhaften Gebrauch der Sprache den Rhythmus der Wellen, das Hin- und Herwogen des Wassers sichtbar gemacht.

IV. Station: Wolke

 

Die nächste Kunststation befindet sich auf einem kleinen Hügel. Um ein rundes Wasserbecken steht eine ringförmige Sitzbank, hinterfangen von einer nach innen gewölbten Betonstele. Darüber war ursprünglich ein Segeltuch gespannt, auf dem mit Handschrift das Wort "Wolke" geschrieben steht. Blickt man nach oben sieht man den Himmel und womöglich auch Wolken. Schaut man nach unten sieht man in der Wasseroberfläche des Beckens ebenfalls den Himmel: als Spiegelbild.

Das Paradox ist perfekt - im Spiegelbild des Wassers erkennt man die Luft. Finlay vereint dadurch in seiner Inszenierung beide Elemente miteinander.

V. Station: Windflower

Vor der Cafeteria des Max-Planck-Instituts befindet sich die nächste Station. Aus rostfreiem, rosa lackiertem Stahl hat Finlay das Wort "windflower " gebogen und es inmitten eines Beetes von Anemonen platziert. Das Wort ist nur in der Mitte mit dem Boden verankert und bewegt sich tatsächlich im Wind. Man kennt die englische "windflower " unter dem deutschen Namen Anemone, der sich vom griechischen "anemos", der Wind, ableitet.

Anemonen sind die ersten Frühlingsblumen und blühen nur kurz, weshalb sie symbolisch für die schmerzliche Vergänglichkeit alles Schönen stehen.

VI. Station: Sail / Waves

Die letzte Station befindet sich in einem Innenhof des Instituts und ist nur vom Inneren des Gebäudes zugänglich. Drei weiß lackierte, nach innen gebogene Stahlplatten schwingen wie Segel im Wind. Vor ihnen auf dem Boden liegen drei blau lackierte, nach außen gebogene Stahlplatten, die an die Wellen des Ozeans erinnern.

Die Worte SAILS/WAVES verbinden die Horizontale mit der Vertikalen. Diese bildhafte Gegenüberstellung der Worte "Segel" und "Wellen" kennt man bereits aus Finlays dichterischem und graphischem Werk.

VII. Station: Wetterhahn

Die siebte Station Wetterhahn bestand aus vier runden Scheiben, die im Wasser die vier Himmelsrichtungen markieren und einer fünften Scheibe, die in der Mitte mit einem metallenen Segel in die aktuelle Windrichtung anzeigte. Diese Station ist nicht mehr vorhanden.


Technische Daten
Künstler Ian-Hamilton Finlay
Titel Garten des Max-Planck-Instituts
Jahr 1975
Material Station 1 Schiff: Marmor
  Station 2 HIC IACET PARVUM...: Marmor
  Station 3: VNDA: Beton, Stahl
  Station 4: Wolke: Beton, Segeltuch (ohne Segeltuch erhalten)
  Station 5: Windflower: Stahl
  Station 6: Sails / Waves: Stahl
  Station 7 Wetterhahn (nicht mehr erhalten)
Maße -
Standort Garten des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung, Stuttgart-Büsnau
Eigentümer Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft e. V., München

Weiterführende Literatur:

  • Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart. Hrsg. Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

 
 

Mehr zum Thema

Schlagwörter