Alfred Hrdlicka: Marsyas I, 1955/57-62

Anreiz für dieses Kunstwerk gab Alfred Hrdlicka die Geschichte des gequälten Verlierers Marsyas aus der griechischen Mythologie. Der Satyr hatte einen künstlerischen Wettkampf gegen den Gott Apoll verloren. Darauf quälte und ermordete ihn dieser. Marsyas I zählt zu den frühen, für seinen Werdegang entscheidenden Skulpturen. Eine parallele Arbeit Marsyas II ist im Besitz der Staatsgalerie. Seit dem 8. Mai 2008 steht die Bronzeskulptur auf dem Stauffenberg-Platz neben Sterbender und Hommage à Sonny Liston.

Eine Skulptur, deren rechter Arm nach oben zeigt.Vergrößern
Alfred Hrdlicka: Marsyas I ©Franziska Trinkner

Griechische Mythologie als Anreiz

Marsyas, ein phrygischer Satyr, errang mit Athenas Flöte eine solche Meisterschaft, dass er Apoll, den Gott der Künste, zu einem Wettstreit herausforderte. Bedingung war, dass der Gewinner nach Belieben mit dem Verlierer verfahren durfte. Schiedsrichter sollten die Musen sein. Die beiden Musiker waren sich ebenbürtig, bis Apoll Marsyas aufforderte, sein Instrument verkehrt herum zu spielen - was mit der Leier möglich war, nicht aber mit der Flöte. Marsyas hatte also verloren, und Apoll hängte ihn an eine Pinie und zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab. Ströme von Blut ergossen sich in die Erde.

Alfred Hrdlicka reizte an der Figur aus der griechischen Mythologie "...der Umstand, dass Marsyas nie nachträglich zum Märtyrer, zum Heiligen, Religionsgründer oder Chefideologen hochstilisiert wurde. Er war für mich immer, obgleich in der antiken Sage ein Halbgott, ein 'Mann des Volks´, der die Obrigkeit, in der Sage also die Gottheit, nicht akzeptiert, sondern herausfordert."

Künstlerische Entwicklung

Nach einem Studium der Malerei ab 1946, wechselte Hrdlicka 1952 an der Wiener Akademie zur Bildhauerei bei Fritz Wotruba (1907-1975). An der Akademie arbeitete er an einem Marmorblock, der ihm dort zur Verfügung gestellt wurde. Die Skulptur, die er zunächst Kubistisches Machwerk nannte, verarbeitete er 1959 zur Figur Gekreuzigter weiter.

Abseits vom Akademiebetrieb schuf Hrdlicka zeitgleich auf engstem Raum in einem kleinen Schuppen einige seiner berühmtesten Einzelfiguren, ohne dass seine nächste Umgebung zunächst etwas davon gewusst hätte. 1954 entstanden in dem neun Quadratmeter großen Atelierschuppen der Männliche Torso, seine erste überlebensgroße Figur, kurz darauf die Skulpturen Marsyas I und der Sterbende.

Die so genannten "Fleischmarkthallengeschöpfe" stehen am Anfang seiner künstlerischen Arbeit als Steinbildhauer. Hrdlicka zeichnete 1954 bis 1955 geschundenes Fleisch und Arbeiter in der Fleischmarkthalle in Wien.

Um 1955 begann Hrdlicka an der Figur Marsyas aus jugoslawischem Kalkstein zu arbeiten. Durch die komplizierte Form und den spröden Kalkstein ging die Arbeit sehr langsam voran. Der hochgereckte Arm wurde dazumontiert.

Beim Rücktransport von der Biennale in Venedig 1964 wurde die Kalkstein-Skulptur zerstört. Der Arm ging verloren. Die Basis mit den beiden Füßen wurde geringfügig weiterbearbeitet und 1968 in London als "Relief" ausgestellt.

Marsyas I und Marsyas II

1962 ließ Hrdlicka die Marmorskulptur von Alfred Zöttl in Bronze gießen. Seit dem 8.Mai 2008 steht die Bronze-Skulptur Marsyas I auf dem Stauffenberg-Platz in Stuttgart.

Seit 1975 befindet sich die Skulptur Marsyas II aus rötlichem Untersberger Marmor, entstanden 1963 bis 1964, verändert 1965, in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart. Marsyas II wurde von vornherein als hängende Figur konzipiert und entstand aus einer zerbrochenen Marmor-Säule, die der Künstler an einer Eisenschiene befestigte. Der erste Zustand der Skulptur hatte noch beide Arme und war in dieser Form auf der Biennale in Venedig 1964 ausgestellt. 1965 schlug der Künstler die Arme weg.

"Das, was Apollo Marsyas angetan hat, habe ich meinen Skulpturen angetan: sie geschunden, gehäutet, zu Tode gearbeitet," so erläutert der Bildhauer sein Werk.

Technische Daten
Künstler Alfred Hrdlicka
Titel Marsyas I
Jahr 1955/ 1957-1962
Material Bronze (Auflage 6)
Maße 2,53 x 0,54 x 0,57 m
Standort Altes Schloss, Seite zum Karlsplatz, Stauffenberg-Platz (vor dem Eingang der Stauffenberg-Erinnerungsstätte), Stuttgart Mitte
Eigentümer Stadt Stuttgart

 
 

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