Olaf Metzel: Stammheim, 1984

Im Rahmen der Ausstellung "Kunstlandschaft Bundesrepublik" im Württembergischen Kunstverein reiste Olaf Metzel, als Vertreter der Region Berlin, 1984 nach Stuttgart. Die Idee für die Arbeit Stammheim entstand - typisch für Metzel - erst bei der Anreise in die Landeshauptstadt. Sie spielt auf die 1984 aktuelle gesellschaftliche Diskussion über die Terrorakte der "Roten Armee Fraktion" (RAF) und die Prozesse gegen deren Mitglieder an. Von Beginn an erregte die Installation Stammheim die Gemüter der Bevölkerung. 2001 wurde darüber diskutiert, ob das Kunstwerk noch zeitgemäß sei. Man entschied sich, es besitze weiterhin aktuelle Bedeutung - es blieb erhalten.

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Olaf Metzel: Stammheim ©Wolfram Janzer

Beschreibung

Die Installation Stammheim von Olaf Metzel steht an der Außenwand des Viereckssaals des Kunstgebäudes. An der kahlen Wand aus Muschelkalkplatten lehnt ein überdimensionaler Ehrenkranz. Rechts über dem Kranz steht in weißen Großbuchstaben das Wort "Stammheim" geschrieben.

Gebinde aus Reisig oder in Bronze gegossen kennt man von offiziellen Staatsakten und Begräbnissen für Dichter und Denker. Von weitem betrachtet sieht man einen schön geflochtenen Ehrenkranz, nähert man sich, erweist sich der erste Eindruck als eine Täuschung. Der Kranz ist weder aus Lorbeeren geflochten noch aus Bronze gegossen, sondern besteht aus grün eingefärbtem Stahlbeton. Durch grobe Schnitte und tiefe Furchen wird eine Blätterstruktur angedeutet. Am linken unteren Ende scheint die blattartige Oberfläche weggebrochen beziehungsweise abgesprengt. An dieser Stelle ragen rostige Armiereisen hervor. Der Kranz ist beschädigt - man denkt sofort an Verwitterung, Zerstörung und Verfall.

Der Schriftzug, rechts über dem Ehrenkranz, ist kein Graffiti. Obwohl es durch die provisorische Schreibweise durchaus diese Wirkung vermittelt. Es handelt sich hierbei um eine vom Künstler in regelmäßigen Lettern ausgeführte Nennung des Ortes Stammheim.

Geschichtlicher Hintergrund

Stuttgart hatte im Bezug auf die terroristische "Rote Armee Fraktion" (RAF) schon immer eine besondere Bedeutung. Hier wurde das Hochsicherheitsgefängnis Stammheim eigens für die inhaftierten Mitglieder der RAF gebaut. Ulrike Meinhoff erhängte sich 1976 in diesem Gefängnis. Im Jahr darauf wurden in diesem Gebäude die Verteidigergespräche der Angeklagten abgehört.

1977 wurde der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Jürgen Ponto, durch Mitglieder der RAF ermordet und der Arbeitgeberpräsident, Hans Martin Schleyer, durch Mitglieder der RAF entführt und ebenfalls umgebracht. Die Bilder des Entführten beherrschten die Medien.

Im selben Jahr werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Raspe, alles Mitglieder der RAF, im Hochsicherheitstrakt in Stammheim tot aufgefunden. 1985 wurde Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar in Stammheim der Prozess gemacht.

Alle Ereignisse rund um die RAF, die Entführungen, die Steckbriefe der Terroristen und ihre Forderungen haben sich über die Medien, vor allem aber über das Fernsehen, in das Gedächtnis der Bundesbürger eingebrannt. 1984, als Olaf Metzel seine Installation aufstellte, war das Problem RAF durch Festnahmen, Prozesse und Anschläge immer noch aktuell.

Ein öffentlicher Platz als Ehrenhof

Stammheim entstand an einer Schnittstelle zwischen musealem Schutzraum und öffentlichen Raum. Metzel interpretierte die Terrasse vor dem Württembergischen Kunstverein von Anfang an entsprechend den Mustern eines Ehrenhofs. Andererseits hat er mit "konstruktiven Zerstörungsmetaphern" gearbeitet.

So benutzt der überdimensionierte Ehrenkranz die ikonographische Tradition von Denkmälern und durchbricht zugleich deren ernsthaftes Ewigkeitspathos. Olaf Metzel empfand seine Installation nicht als Denkmal im herkömmlichen Sinn; sein Ziel war es, die Gesellschaft mit der unmittelbaren Vergangenheit beziehungsweise aktuellen Gegenwart zu konfrontieren.

Technische Daten
Künstler Olaf Metzel
Titel Stammheim
Jahr 1984
Material Stahlbeton mit Armiereisen, weiße Wandfarbe
Maße Ehrenkranz 2,80 m, Schrift 5,30 m
Standort Kunstgebäude Stuttgart, Terrasse zum Schlossgarten
Eigentümer im Besitz des Künstlers

Weiterführende Literatur:

  • Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart: Hrsg. Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

 
 

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