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Le Corbusier und Stuttgart

Architekt der Moderne

Le Corbusier (1887 - 1965), beeinflusste maßgeblich die Architektur und den Städtebau des 20. Jahrhunderts, obwohl er nie ein Studium in diesen Disziplinen absolvierte. Nach einer kunstgewerblichen Ausbildung an der Ecole d'Art in seiner Heimatstadt La Chaux-de-Fonds in der Schweiz, die sein architektonisches Interesse weckte, übersiedelte Le Corbusier 1917 nach Paris und wurde zu einem Wegbereiter der Avantgarde in Kunst und Architektur.

Er wirkte als Architekt, Stadtplaner, Maler, Bildhauer und Möbeldesigner. Sein Schaffen wendet sich gegen jede individuelle Sentimentalität und sucht nach generellen und reproduzierbaren Lösungen. Mit seinen Bauten, einer Vielzahl radikaler Projektideen und seinen theoretischen Schriften wurde Le Corbusier wie kaum ein anderer zum prägenden Kopf der modernen Architektur.

Er hat ein Werk hinterlassen, das weniger durch seinen zahlenmäßigen Umfang an Bauten als durch deren konzeptionellen und gestalterischen Geist hervortritt. Einige seiner Bauten sind in das kollektive kulturelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Von Anfang seines künstlerischen Schaffens an befasste sich Le Corbusier mit Proportionsstudien und modularen Systemen. In den 1940er Jahren entwickelte er den "Modulor” als eine universelle Maßordnung. Ausgehend von den Proportionen des menschlichen Körpers und dem Goldenen Schnitt definierte Le Corbusier harmonische Zahlenreihen. Sie wurden Grundlage seiner Architekturentwürfe und bestimmten Maße von Baukörpern und Bauteilen.

Näheres zum "Modulor" unter WIKIPEDIA

Le Corbusier in den 30er JahrenVergrößernLe Corbusier in den 30er Jahren Foto: LHSLe Corbusier in den 30er Jahren Foto: LHS Gustav Stolz, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe am Weissenhof November 1926VergrößernGustav Stolz, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe am Weissenhof November 1926 Foto: LHSGustav Stolz, Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe am Weissenhof November 1926 Foto: LHS Ausstellungsplakat für die Werkbundausstellung 1927VergrößernPlakat für die Werkbundausstellung 1927 Gestaltung: Willi BaumeisterPlakat für die Werkbundausstellung 1927 Gestaltung: Willi Baumeister

Le Corbusier in Stuttgart

1927 stand Stuttgart ganz im Zeichen der modernen Architektur. Der Welterbeantrag berührt daher ein wichtiges Ereignis der Stuttgarter Baugeschichte. Die Stadt hatte gemeinsam mit dem Deutschen Werkbund junge Architekten der Avantgarde eingeladen, die auf einem städtischen Gelände am Weissenhof ihre Ideen moderner Wohnformen realisieren sollten.

1926 erhielt Le Corbusier die Einladung, eine Hausgruppe in der Weissenhofsiedlung zu errichten. Ludwig Mies van der Rohe, künstlerischer Leiter für die Weissenhofsiedlung und ebenso wie Le Corbusier noch am Anfang seiner großen internationalen Karriere, setzte alles daran, Le Corbusier zur Mitwirkung zu gewinnen. "J'accepte avec plaisir", antwortete dieser auf die Einladung, bot ihm die Werkbund-Ausstellung in Stuttgart doch die Gelegenheit, seine architektonischen Konzepte einem großen internationalen Publikum zu präsentieren.

Le Corbusiers Teilnahme war in Teilen des Stuttgarter Gemeinderats zunächst umstritten. Die der Moderne zugewandten Kräfte setzten sich durch, sahen sie doch in Le Corbusier einen der wichtigsten Architekten für die Werkbundausstellung 1927. Der Gemeinderat bewilligte zusätzliche Finanzmittel, damit seine Häuser gebaut werden konnten.

Die Entwürfe Le Corbusiers zeigen exemplarisch die neuen Prinzipien, die ihn zu einem der bedeutendsten Ideengeber der Moderne werden ließen. Sie entsprachen den großen Herausforderungen des frühen 20. Jahrhunderts: durch Standardisierung und Typisierung schnell und kostengünstig Wohnraum für die schnell wachsenden Großstädte zu schaffen und dabei eine architektonische Sprache zu finden, die den technischen Möglichkeiten und dem Lebensgefühl der Zeit entsprachen. Le Corbusier sieht, ebenso wie die Avantgarde insgesamt, die Wohnungsversorgung der Bevölkerung als Schlüssel zum sozialen Ausgleich: "Architektur oder Revolution" postulierte er 1922.

Le Corbusier entwickelte Serienhäuser mit Stahlbetonskelett. Als "Wohnmaschinen" sollten sie ebenso rationell benutzbar sein wie Automobile. Rohbau und Ausbau werden im Taktverfahren mit möglichst nur einem Gewerk ausgeführt. So sind auch Schränke, Regale und Arbeitsplatten in Beton gefertigt.

Le Corbusier war zum Zeitpunkt der Weissenhofsiedlung im "modernen" Stuttgart auch als Architekturtheoretiker bekannt. 1923 hatte er "Vers une architecture" veröffentlicht, eine Sammlung von Artikeln und Pamphleten, an "die Herren Architekten" gerichtet, die zuvor in der gemeinsam mit Amedée Ozenfant herausgegebenen Revue "L'Ésprit nouveau" erschienen waren. Diese Texte wurden von dem Stuttgarter Kunsthistoriker Hans Hildebrandt (1878 - 1957) übersetzt und in Stuttgart bei der Deutschen Verlagsanstalt herausgegeben. 1929 folgte die deutsche Übersetzung von "Urbanisme", das im Original 1925 erschienen war.

Weissenhofmuseum - GartenansichtVergrößernWeissenhofmuseum - Gartenansicht Foto: LHSWeissenhofmuseum - Gartenansicht Foto: LHS Dachterasse des WeissenhofmuseumsVergrößernDachterasse des Weissenhofmuseums Foto: LHSDachterasse des Weissenhofmuseums Foto: LHS

Zwei Wege zur Standardisierung

In der Werkbundausstellung in Stuttgart stellte Le Corbusier zwei unterschiedliche Wege der Standardisierung vor, die sich aus seinen theoretischen Überlegungen und Experimenten ableiteten.

Das Einfamilienhaus am Weissenhof entstand als "Citrohan-Typ" und kann als die einzige kompromisslose Realisierung dieses ab 1920 entwickelten Konzepts gelten. Es stellt sich von außen als einfacher kubischer Baukörper dar. Im Inneren aber öffnet sich ein differenziertes Raumgefüge mit zweigeschossigem Wohnhalle, um die sich kleine Individualräume gruppieren. Das Gebäude ist auch heute noch als privates Wohnhaus genutzt.
 
Das Doppelhaus konzipierte Le Corbusier als "transformables Haus" mit zwei spiegelbildlich angeordneten Wohneinheiten, in denen Räume durch mobile Einbauten unterschiedlich genutzt wurden, ähnlich eines komfortablen Schlaf- und Salonwagens. Mit dieser Idee bot Le Corbusier eine Möglichkeit an, Bauvolumen und damit Kosten zu einzusparen, gleichzeitig konnte der Bautyp in vielfältiger Weise variiert werden. Das Gebäude veranschaulicht mit sichtbaren (Stahl-) Stützen, langen Fensterbändern, großem Dachgarten und freier Grundriss- und Fassadengestaltung in großer Klarheit die von Le Corbusier postulierten "fünf Punkten zu einer neuen Architektur". Diese Prinzipien folgen nicht nur einer neue Ästhetik, sondern sind gleichzeitig Voraussetzung für dessen Funktionalität. Das Gebäude dient seit 2006 als Weissenhofmuseum.


Vers une Architecture, Paris 1923 (Auszüge) (PDF - 1.008 KB)

Typ Citrohan, Bruckmannweg 2, nach Generalsanierung 1982 - 1983VergrößernTyp Citrohan, Bruckmannweg 2, nach Generalsanierung 1982 - 1983 Foto: LHSTyp Citrohan, Bruckmannweg 2, nach Generalsanierung 1982 - 1983 Foto: LHS Weissenhofsiedlung Innenasicht Doppelhaus OGVergrößernWeissenhofsiedlung Innenasicht Doppelhaus OG Foto: LHSWeissenhofsiedlung Innenasicht Doppelhaus OG Foto: LHS

Von 1927 bis heute

Die beiden Häuser Le Corbusiers standen 1927 im Mittelpunkt der architektonischen Debatte und wurden vielfach veröffentlicht. Sie erregten Begeisterung, aber auch tiefe Ablehnung im konservativen Lager. Noch heute beeindrucken sie durch ihre Modernität und Kompromisslosigkeit.

In der Zeit des Nationalsozialismus war die Weissenhofsiedlung als Ausdruck des international ausgerichteten Neuen Bauens verfemt und zum Abriss vorgesehen. Beide Gebäude von Le Corbusier überstanden indes den Zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet. Bereits 1958, also noch zu Lebzeiten von Le Corbusier, wurden sie unter Denkmalschutz gestellt. Damit begann ein allmählicher und zuweilen auch stockender Prozess der Wiederannäherung an die Baudenkmäler der frühen Moderne und der erneuten Wertschätzung. Heute ist die architektonische Bedeutung der Weissenhofsiedlung insgesamt und der beiden Häuser Le Corbusiers im Besonderen ganz unbestritten.

Das Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier

Ein wichtiger Impuls ging 2002 vom 75. Jahrestag der Eröffnung der Werkbundausstellung am Weissenhof aus. Ein international besetzter Kongress leitete damals eine Aufwertung der Weissenhofsiedlung ein.Im Mittelpunkt stand dabei das "transformable Haus" Le Corbusiers. Die Stadt konnte das Doppelhaus wieder erwerben, mit Unterstützung der Wüstenrot Stiftung denkmalgerecht instand setzen und zu einem Museum einrichten. So kann ein Besucher heute die Corbusiersche Raumidee mit ihrer intensiven Polychromie nahezu in dem Zustand wie 1927 erleben und sich in einer Ausstellung über die künstlerischen und sozialen Ziele des Neuen Bauens, die wechselvolle Geschichte der Weissenhofsiedlung und aktuelle Maßnahmen der Denkmalpflege informieren. Seit seiner Eröffnung im Oktober 2006 konnte das kleine Weissenhofmuseum bis heute mehr als 100.000 Besucher aus aller Welt begrüßen.
 

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