Hegel-Preis 2009 - Prof. Dr. Michael Tomasello

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat am 16. Dezember den mit 12.000 Euro dotierten Hegel-Preis 2009 dem Anthropologen Professor Dr. Michael Tomasello verliehen. Sie ehrt damit einen Vertreter der evolutionären Anthropologe, der mit Hilfe der Primatologie und der Säuglingsforschung die Frage zu beantworten versucht, dank welcher mentalen Fähigkeiten die Menschen im Unterschied zu den hoch entwickelten Tieren eine kulturelle Welt erzeugen konnten.

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Michael Tomasello

Dokumentation

Biographie

Professor Dr. Michael Tomasello wurde am 18. Januar 1950 in Bartow, Florida, USA geboren. Er studierte Psychologie an der Duke University und promovierte an der University of Georgia. Nachdem er lange Jahre Professor für Psychologie und Anthropologie an der Emory University war, ist er seit 1998 Ko-Direktor am Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Tomasello wurde 2004 mit dem Forschungspreis der Fyssen Stiftung (Paris) und 2006 mit dem Jean-Nicod-Preis ausgezeichnet. Sein bisheriges Hauptwerk "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens" ist 2002 in Frankfurt am Main erschienen.

Die Begründung der Jury

"Hegel hat zeit seines Lebens daran festgehalten, die Bestimmungen des menschlichen Geistes aus den natürlichen Voraussetzungen des Gattungswesens zu erklären: Die Grundlage des Menschen ist seine noch in der Natur befangene, auf seine Leiblichkeit bezogene Seele, von der er sich aber kraft einer ihm eigenen psychischen Aktivität befreien kann, um schließlich in der wechselseitigen Anerkennung unter anderen Menschenwesen zu einem Selbstbewusstsein zu gelangen.

Mit diesem Programm seines Systems hat Hegel nicht nur die Entgegensetzung von Naturgeschichte und menschlichem Geist, von Natur- und Geisteswissenschaften unterlaufen wollen; vielmehr hat er die Philosophie vor die Aufgabe gestellt, von sich aus Überlegungen darüber anzustellen, welche Art von Aktivität oder Fähigkeit dem Menschen eine Überschreitung seiner natürlichen Ausgangslage überhaupt erst ermöglicht. Im Jahre Darwins scheint es angemessen und gerechtfertigt, den Hegel-Preis an einen Wissenschaftler zu verleihen, der diese Herausforderung Hegels in den letzten Jahren wie kaum ein zweiter angenommen hat.

Mit Michael Tomasello wird ein Vertreter der evolutionären Anthropologe geehrt, der mit Hilfe der Primatologie und der Säuglingsforschung die Frage zu beantworten versucht, dank welcher mentalen Fähigkeiten die Menschen im Unterschied zu den hochentwickelten Tieren eine kulturelle Welt erzeugen konnten.
Michael Tomasello ist weder ausschließlich Geistes- noch primär Naturwissenschaftler, sondern arbeitet exakt an der Grenzlinie zwischen beiden Wissensbereichen.

Von Haus ist der amerikanische Wissenschaftler ein Psychologe, den es allerdings schon bald auf das Feld jener Disziplin verschlagen hat, die sich mit dem empirischen Vergleich zwischen tierischem und menschlichem Verhalten beschäftigt. Hier, wo es um die Bestimmung der möglichen Differenzen geht, die zwischen Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen bestehen, hat er sich seine ersten Verdienste erworben, hier ist er schließlich zur Herausarbeitung seiner eigenen, bahnbrechenden Thesen gelangt: Im Unterschied auch zu den höchstentwickelten Primaten verfügt danach nur der Mensch über die Fähigkeit, sich in die Perspektive seiner Artgenossen so hineinzuversetzen, dass er nicht bloß deren Verhalten, sondern auch die damit verknüpften Absichten zu imitieren vermag. Weil wir dadurch schon früh die Bedeutung der Handlungsvollzüge unserer Interaktionspartner zu verstehen lernen, sind wir zu einer besonderen, kulturellen Form der Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten in der Lage, die in der Kette der Generationen dann zum Schrittmacher aller geistigen Entwicklungen wird.

Mit dieser These liefert Michael Tomasello eine herausfordernde, empirisch geprüfte Erklärung der kognitiven Aktivitäten, die es den Menschen erlaubt haben könnten, sich in einem buchstäblichen Sinn aus der Natur herauszulösen: Nur, weil wir im Unterschied zu Menschenaffen in unseren Artgenossen durch Perspektivübernahme Wesen erkennen können, die Absichten haben und Zwecke verfolgen, sind wir mental nicht mehr in einer bloß kausal bestimmten Welt befangen und dementsprechend zum Aufbau einer traditionsfähigen Kultur in der Lage.

Tomasello hat die Ergebnisse seiner empirisch weitausholenden, evolutionstheoretisch angelegten Forschungen bislang in einem Buch zusammengefasst, das unter dem Titel Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens (Frankfurt/M. 2002) schnell für große Aufmerksamkeit weit über die Fachöffentlichkeit hinaus gesorgt hat; für den Herbst 2009 ist die Veröffentlichung einer zweiten, zusammenfassenden Studie vorgesehen, die den Titel Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation tragen und sich mit der Sprachentstehung beschäftigen wird."

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Prof. Dr. Michael Tomasello ©privat

Jury

Zur Vorbereitung der Entscheidung über die Preisverleihung fand am 21. April 2009 unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Dr. Eisenmann eine Jurysitzung mit dem Präsidenten der Internationalen Hegel-Vereinigung, Herrn Professor Dr. Axel Honneth, Vertretern der Fraktionen des Gemeinderats und der Verwaltung statt. Die Jury hat sich einstimmig für Michael Tomasello ausgesprochen.