Stuttgarter Theaterpreis 2009 - Preisträger

Der 21. Stuttgarter Theaterpreis wurde am 6. Dezember 2009 im Theaterhaus Stuttgart zum Abschluss eines viertägigen Festivals verliehen. Der Preis, für den sieben Ensembles aus der freien Szene Baden-Württembergs nominiert waren, wurde in diesem Jahr im Bereich Sprech- und Figurentheater vergeben.

Stuttgarter Theaterpreis (6.000 Euro)

Theaterprojekt Stuttgart22 (Stuttgart) für die Produktion: "Erst schlafen, bevor ich geh" (Regie: Christof Küster)

Aus der Begründung der Jury:
"Die Aufführung führt den Zuschauer tief hinein in einen Dschungel voller Rituale einer vermeintlich normalen deutschen Familie. Trotz aller Behaglichkeit zwischen Blümchentapete und großem Esstisch lauert der Kampf aller gegen alle unter dem weichen Braun des Teppichs: der Sohn um Emanzipation vor dem Vater, die Mutter um die Harmonie der Familie, die Tochter um ihr Glück, und die Freundin um einen Platz am Tisch, da der heimische noch fürchterlicher zu sein scheint. Die Inszenierung verdichtet verschiedene Formen des szenischen Erzählens zu einem gesellschaftlichen Röntgenbild der 70er Jahre. Franz Kafkas Brief an den Vater setzt einen literarischen Kammerton, der von dem gestischen Spiel der Figuren weiter getragen wird. Unmittelbar auf die Tapete projizierte Schnappschüsse vertiefen den Eindruck für die in der Familie zur Geste erstarrten Rituale. Wie Indizien lenken sie den Blick auf das tief in die Gemeinschaft eingewobene Unglück, das die Familie zu ihrer eigenen Katastrophe werden lässt. Der Produktion gelingt es mit dieser eigenwilligen Formensprache und einer starken Ensembleleistung sowie dem visuellen Gespür für die Ausstattung eine offenkundig persönliche Geschichte zu erzählen, die - als Metapher gesehen - auch eine über die alte Bundesrepublik sein könnte."

vier Menschen sitzen auf Stühlen und schlafen, eine Frau liegt halb auf zwei Stühlen und schläftVergrößern
Theaterprojekt Stuttgart22: Erst schlafen, bevor ich geh. Foto: Christoph Kalscheuer / Theaterhaus

Sonderpreis für herausragende Leistung (4.000 Euro)

TART Produktion (Stuttgart) für die Produktion "FUCK YOU, Eu.ro.Pa!" (Regie: Johanna Niedermüller)

Aus der Begründung der Jury:
"Die kompliziert verschränkte Mehrschichtigkeit des Textes wurde im Bühnenbild, in der Regie und in der Spielweise unaufdringlich und präzise aufgefangen. An Stelle von Plakativem und oberflächlicher Agitation oder hohlen Behauptungen regt der Abend an, mitzuleben statt sich vorzeitig zu positionieren; weiterzudenken und Fragen zu stellen, die nicht mehr Theaterformen, sondern Inhalte betreffen. Dass eine schroffe, wütende Ablehnung wie FUCK YOU, Eu.ro.Pa! sowohl gegen Europa, gegen "RO" - als Kürzel für Rumänien - als auch gegen den "Papa" geht, zeigt der Titel an. Die Inszenierung ist deutlich herausragend zu nennen, weil sie konzeptionell und in der Ausführung ihre Mittel beherrscht: sie ist spannungsreich, überzeugend und mitreißend über den Moment hinaus."

Frau liegt mit dem Oberkörper und gequältem Gesichtsaudruck auf einem SchreibtischVergrößern
TART Produktion: FUCK YOU, Eu.ro.Pa! Foto: Rüdiger Schestag / Theaterhaus

Sonderpreis für die beste darstellerische Leistung (2.000 Euro)

Snezhina Petrova (Stuttgart) in der Produktion "FUCK YOU, Eu.ro.Pa!"

Aus der Begründung der Jury:
"Sie spielt vielschichtig, virtuos, mal vorsichtig tastend, mal aufbrausend. In der Sprachbehandlung ist sie präzise, subtil und glaubwürdig. Aber sie spricht nicht alles aus. Für das Wesentliche fehlen ihr die Worte. Hier hat sie ihre stärksten Momente. Wie diese Frau vom Europäischen Konferenztisch durchs Eingemachte der Vergangenheit zur Gegenüberstellung mit dem Vater schreitet und alldem letztlich ihr "FUCK YOU" widmet, stets beherrscht, unpathetisch und fast beiläufig ihre Gefühle aufdeckt, das ist spannend und ergreifend in seiner Intensität."

Publikumspreis (3.000 Euro)

TIG7 (Mannheim) für die Produktion "Jungfrauen und Madonnen" (Regie: Christina Rast)

zwei Frauen wischen mit den Händen den BodenVergrößern
TIG7: Jungfrauen und Madonnen. Foto: Thomas Tröster / Theaterhaus

Die Jury

  • Uwe Gössel, Theatertreffen / Leiter Internationales Forum, Berliner Festspiele
  • Achim Hall, Schauspieler, Figurenspieler
  • Stefan Hallmayer, Schauspieler / Regisseur / Stellvertretender Intendant, Theater Lindenhof
  • Rüdiger Meyke, Theaterreferent, Kulturamt Stuttgart
  • Frederik Zeugke, Dramaturg, Schauspiel Stuttgart

Die nominierten Produktionen

  • Ensemble Doll-y (Stuttgart) "Doll-y"
  • TIG7 (Mannheim) "Jungfrauen und Madonnen"
  • EX!T Ausgangspunkt Theater (Mannheim) "Playtime"
  • Theaterprojekt Stuttgart 22 (Stuttgart) "Erst schlafen, bevor ich geh"
  • Fliegen ab Stuttgart (Stuttgart) "Leonce und Lena"
  • TART Produktion (Stuttgart) "FUCK YOU, Eu.ro.Pa!"
  • Neues Ensemble (Mannheim) "Die ausgeschlossenen oder Das Elend der Welt"