Stuttgarter Schülerbefragung zur Nutzung des Fahrrads auf dem Schulweg

1. Ausgangssituation

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, den Fahrradanteil deutlich zu steigern. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei den Kindern und Jugendlichen zu widmen. Der Arbeitskreis "Kinder, Rad und Sport" initiierte daher die Durchführung einer Schülerbefragung. Ziel dieser Umfrage war die Erhebung von Informationen über das Fahrradnutzungsverhalten von Schülern. Mit den Daten der deutschlandweit einmaligen Vollerhebung können zielgerichtet Maßnahmen zur Radverkehrsförderung an den Schulen sowie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf dem Schulweg abgeleitet werden. Hauptadressat der Aktion sind die weiterführenden Schulen, aber auch die Politik und die verantwortlichen Ämter. Federführend für die Befragung und deren Überführung in die Planungspraxis waren das Statistisches Amt sowie das Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung .

Preisverleihung Best-for-Bike 2007Vergrößern
Preisverleihung Best-for-Bike 2007, v.l.n.r. Susanne Scherz (Stadt Stuttgart), Anke Schöb (Stadt Stuttgart), Ulrich Kasparick (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung). Quelle: Best for Bike

2. Projektdurchführung

Durchführung der Schülerbefragung
Durchgeführt wurde die Schülerbefragung vom Statistischen Amt der Landeshauptstadt Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Schulverwaltungsamt sowie den Verkehrsbeauftragten der Schulen. Von November 2005 bis Mitte Januar 2006 wurde an den Stuttgarter Schulen
  • die 4. Klassenstufen an Grundschulen,

  • die 5. Klassenstufen an Förderschulen
     
  • sowie die 5. bis 13. Klassenstufen an weiterführenden Schulen

schriftlich befragt. Mehr als 32.000 Schüler aus 134 von insgesamt 142 Schulen füllten den Fragebogen aus. Dies entspricht einem Rücklauf von rund 70 Prozent. In jeder Schule erhielten die Schulleiter ein Informationsschreiben und bestimmten einen Erhebungsbeauftragten (in der Regel der Verkehrsbeauftragte der Schule), der für die Koordination und Verteilung der Fragebögen zuständig war. Schüler, Eltern und Lehrer wurden über die Ziele der Befragung, die Einhaltung datenschutzrechtlicher Bestimmungen und die Freiwilligkeit der Teilnahme aufgeklärt. Der Rücklauf der Fragebögen erfolgte in verschlossenen Klassenkuverts, die Rücklaufkontrolle erfolgte durch die Schulen.

Bei der Schülerbefragung entstanden lediglich Sachmittelkosten für die Schülerbefragung erwuchsen lediglich aus Sachmitteln.

Zielsetzung der Befragung
Im Vordergrund der Befragung stand die Notwendigkeit, Informationen für jede Schule zur Verfügung zu haben, um dann auf deren Grundlage - und in Zusammenarbeit mit den Schulen - Fahrradfördermaßnahmen speziell für jede Schule entwickeln zu können. Die Fragen konzentrierten sich auf die gegenwärtige Verkehrsmittelwahl, die Radnutzung und die Problembeschreibung der Radwege. Die Schüler fungierten dabei als Verkehrsexperten. Ein besonderes Interesse galt der subjektiven Bewertung der Radverkehrsinfrastruktur, denn Schüler schätzen mitunter die vorhandenen Radverkehrsanlagen als ungenügend ein, obwohl das tatsächliche Unfallgeschehen unauffällig ist.

Datenauswertung und -nutzung
Die grundsätzliche Auswertung der erhobenen Daten erfolgte durch das Statistische Amt. Die Zielrichtung der Auswertung wurde mit einem begleitenden Arbeitskreis abgestimmt, in dem die Kinderbeauftragte, der Fahrradbeauftragte, beteiligte Ämter wie das Staatliche Schulamt oder das Sportamt sowie Interessensverbände wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC), der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e.V. (ADAC) und die Polizei vertreten waren.

Um die Daten für die Verkehrsplanung nutzbar zu machen, wurden diese ergänzend vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung in ein Verkehrsmodell integriert. Für jeden Schulstandort lassen sich so die Relationen des Schülerradverkehrs sowie deren Bewertung durch die Schüler als Routen abbilden.

Routen des SchülerradverkehrsVergrößern
Routen des Schülerradverkehrs. Quelle: LHS

3. Ergebnisse und Ausblick

Kernaussagen zur Radnutzung im Schülerverkehr
Mädchen weisen durchweg eine geringere Neigung zur Benutzung des Fahrrads auf.
  • Das Alter der Schüler ist von geringer Bedeutung; wesentlich erscheint vielmehr der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule, bei dem die Fahrradnutzungswahrscheinlichkeit stark erhöht wird.
     
  • Hauptschüler weisen eine geringere Neigung zum Fahrradfahren auf als Realschüler; Realschüler haben eine deutlich geringere Neigung zum Fahrradfahren als Gymnasiasten.

  • Das subjektive Sicherheitsempfinden der Schüler entspricht nicht dem tatsächlichen Unfallgeschehen.

  • Dem familiären Umfeld kommt eine positive Bedeutung zu.

  • "Preiswert, bequem, schnell und zuverlässig" sind Zuschreibungen, die das tägliche Fahrradfahren in besonderer Weise fördern.

  • Auch unter Berücksichtigung der Schulinfrastruktur ergeben sich wesentliche Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen den Stadtbezirken, die mutmaßlich auf topographische und verkehrsinfrastrukturelle Unterschiede zurückzuführen sind.
Datenbasis für zielgerichtete Maßnahmen
Für jede einzelne Schule stehen Kennwerte, wie beispielsweise der Modal-Split und die mittlere Schulwegeweite, zur Verfügung, die eine versachlichte Diskussion zulassen. Auf Basis der Verkehrsmodellierung können für alle Schulstandorte die Routen des Schülerradverkehrs (Bestand und Potential) sowie die subjektive Bewertung des Schulwegs mit dem Fahrrad durch die Schüler abgefragt werden. Der Handlungsbedarf kann somit systematisch und routenspezifisch ermittelt werden. Problemstellen können lokalisiert und Handlungsmöglichkeiten abgeleitet werden.

Sensibilisierung und Netzwerkbildung
Bei der Konzeption und Durchführung der Schülerbefragung sowie bei deren praktischen Anwendung wurde konsequent ein integrativer Ansatz verfolgt. So wurden in allen Bearbeitungsschritten alle zu beteiligenden und interessierten Institutionen einbezogen. Dieses Vorgehen ermöglichte, dass sich aus der Befragung ein andauernder Prozess entwickelt hat. Das Netzwerk der Partner erweitert sich bisher kontinuierlich, so dass das Projektangebot für die Schulen erweitert werden kann.

Das Sonderheft zur Stuttgarter SchülerbefragungVergrößern
Das Sonderheft zur Stuttgarter Schülerbefragung. Quelle: LHS

4. Fazit

Bei der Stuttgarter Schülerbefragung handelt es sich um eine deutschlandweit einmalige Vollerhebung der Fahrradnutzung im Schülerverkehr. Die Daten ermöglichen eine versachlichte Diskussion sowie die systematische Ableitung von Fördermaßnahmen. Möglich wurden die Befragung und deren Anwendung im Planungsalltag durch das große Engagement der beteiligten Ämter, Institutionen und Interessensverbände. Aus dem Initialprojekt "Schülerbefragung" hat sich ein fest verankertes Projekt "Sicherheit und Schülerradverkehr" entwickelt.

Als Handlungsfeld mit besonderer Fördernotwendigkeit hat sich die Fahrradförderung an Hauptschulen herausgestellt.