Erinnerungsorte in Stuttgart - über den Umgang mit der NS-Zeit: Öffentliches Hearing
Das Bauvorhaben "Quartier am Karlsplatz" war Auslöser einer Debatte über die Frage, wie in Stuttgart mit Erinnerungsorten umgegangen wird. Gemeinderat und Stadtverwaltung der Landeshauptstadt Stuttgart messen der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und der Frage, auf welche Weise die Erinnerung an diese Zeit heute vermittelt werden muss, einen hohen Stellenwert bei. Daher trafen sich am 17. Juli 2010 rund 300 Bürger und zahlreiche Experten zu einem ersten Dialog.
"Wie vermittelt man Erinnerung heutzutage?"
Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster: "Wir wollen uns erinnern und wir wollen uns der Verantwortung unserer Geschichte stellen. Dabei stehen wir vor der Frage, wie die Erinnerung heutzutage zu vermitteln ist."
Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz müssten stets aufs Neue erlernt werden. "Stuttgart ist eine offene, tolerante, internationale Stadt, die sich durch friedliches Miteinander und ehrenamtliches Engagement auszeichnet. Mein Dank gilt allen Initiativen, Schulen oder aktiven Bürgern, die Orte der Erinnerung an die NS-Zeit pflegen", so OB Schuster. Als Beispiele nannte er den Runden Tisch der Kulturen, die Gedenkstätte am Nordbahnhof, die städtische Otto-Hirsch-Medaille oder den geplanten Aufbau eines jüdischen Dokumentationszentrums.
Zum geplanten Bauvorhaben am Karlsplatz sagte er: "Wir sind hier weder Eigentümer noch Bauherr. Aber die Stadt hat Planungsrecht. Das heutige Hearing markiert einen Anfang der gemeinsamen öffentlichen Debatte. Alle Beiträge wie auch die Fragen und Anregungen der Bürger werden in die Beratungen einfließen. Ich erwarte einen fruchtbaren Dialog zwischen dem Beirat des Stadtmuseums, Experten aus der Wissenschaft und engagierten Bürgern."
Arbeitskreis wird gebildet
Nach der Sommerpause soll ein Arbeitskreis seine Arbeit aufnehmen. Als Koordinatoren sind die Leiterin des Planungsstabs für das Stadtmuseum, Dr. Anja Dauschek, und der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Roland Müller vorgesehen.
"Diskussion spiegelt demokratische Normalität"
"Die Debatte kann angesichts der mörderischen Greuel der Nazis nicht anders als leidenschaftlich geführt werden", sagte der Mentor des Hearings Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Frankfurt am Main, in seiner Einführung. Nach dem siebenstündigen, hochkonzentrierten Austausch von Informationen, Erfahrungen und Ansichten zeigte er sich "beeindruckt von der intensiven, geduldig geführten Diskussion".
Dies lag ganz offenbar daran, dass ein gemeinsames Interesse bei allen Beteiligten im Mittelpunkt stand: das Lernen. Schon in der ersten Expertenrunde ging es um die Frage der Vermittlung. Wie können Jugendliche angesprochen werden? Welche familiären Beziehungen bringen Migranten aus Osteuropa mit?
Renommierte Wissenschaftler diskutierten anschließend über eine zeitgemäße Vermittlung, stets mit Blick auf die aktuelle Debatte in Stuttgart:
- Prof. Alfons Kenkmann, Universität Leipzig,
- Prof. Volkhard Knigge, Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald, Prof. Astrid Messerschmidt, Universität Karlsruhe,
- Prof. Wolfram Pyta, Universität Stuttgart,
- und Prof. Peter Steinbach, Universität Mannheim,
Erfahrungsberichte
Erfahrungsberichte aus
- Berlin (Topographie des Terrors),
- Hamburg (Projekt Lohsepark),
- Nürnberg (ehemaliges Reichsparteitagsgelände) und
- Frankfurt/Main (Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle)
verdeutlichten kommunale Ansätze der Geschichtsaufarbeitung.
Außerdem stellten Jürgen Schulz-Lorch, Restaurator, und Prof. Roland Ostertag ihre "Positionen zur Dorotheenstraße 10" vor.
- Über "Wünsche und Konzepte für Stuttgart" sprachen Jupp Klegraf, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber,
- Alexander Schell und Jörg Titze, Stadtjugendring,
- Dr. Michael Kienzle, Vorstand Stiftung Geissstraße 7,
- Sieghard Kelle, Geschäftsführer Stuttgarter Jugendhaus gGmbH,
- und Holger Viereck, Anne Frank Realschule, Stuttgart-Möhringen.
Das Gedenkstättenkonzept des Landes Baden-Württemberg präsentierte Konrad Pflug, von der Landeszentrale für politische Bildung.
Ort des Schreckens
Bei der abschließenden Gesprächsrunde berichteten Bürger davon, wie Verwandte von ihnen unter der Gestapo gelitten hatten, in der Dorotheenstraße 10 verhört und schließlich im Konzentrationslager ermordet wurden. "Ich bin sehr betroffen über die Darstellungen, wie die Familien gelitten haben", sagte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster.
Es gelte mehr denn je, den Fokus stärker auf die Täter zu lenken. Der lokale Bezug sei wesentlich, um Interesse und Betroffenheit zu wecken. "Auch wenn keine Spuren mehr zu finden sind, bleibt es ein Ort des Schreckens, das ist der Unterschied zwischen Ort und Gebäude", gab Schuster zu bedenken.
Informationen
Die folgenden PDF-Dokumente bieten Informationen über Veröffentlichungen des Stadtarchivs zur NS-Geschichte, Dokumentationszentren der NS-Zeit und Gedenkorte in der Landeshauptstadt:
- Veröffentlichungen des Stadtarchivs zur NS-Zeit (PDF - 55 KB)
- Gedenkorte in Stuttgart (PDF - 72 KB)
- Dokumentationszentren der NS-Geschichte (PDF - 62 KB)
Programm und Kurzbiografien der Referenten
Hier können Sie sich über das Programm und die Referenten des Hearings informieren:
Schlagwörter
Erinnerungsorte in Stuttgart: Dokumentation
Hier finden Sie die komplette Dokumentation des öffentlichen Hearings:
Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Württemberg
Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bietet eine Übersicht und Links zu den Gedenkstätten in Baden-Württemberg, sowie Informationen zur Förderung von Gedenkstättenfahrten, Informationen über ihre Arbeit und Zugang zu Materialien an.
Dorotheenstraße 10
Das Gebäude in der Dorotheenstraße 10 hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Wir informieren Sie hier, welche "Stationen" das ehemalige Hotel Silber seit 1816 durchlaufen hat:





