Ich bin gerne Bildungspate, weil... Paten erzählen

"Die Kinder halten uns jung"

Alle zwei Wochen kommt Eva-Maria in den Evangelischen Haigst-Kindergarten in Degerloch. Die 78-Jährige faltet dann gemeinsam mit den Kindern Papier.

"Es bringt mir einfach Spaß, etwas mit Kindern zu machen", sagt die ehemalige Leiterin der Albschule in Degerloch. Nach ihrer Pensionierung und nachdem sie lange ihre Mutter gepflegt hatte, sah sie einen Aushang der Kindertagesstätte, die Bildungspaten suchte. "Ich meine, dass die Arbeit mit Kindern immer neue Erlebnisse bringt und mich damit auch jung hält", sagt Eva-Maria lächelnd.

"Ich verbringe die Zeit so gerne hier", pflichtet Federico bei. Er hat bereits in einem anderen Kindergarten als "Handwerker-Opa" gewirkt, aber als seine Enkelkinder in den Haigst-Kindergarten kamen, wurde er von seiner Schwiegertochter schnell weitervermittelt.

Etwa alle zwei Wochen zeigt er den Kindern nun, wie man mit Säge, Hammer und Zange umgeht, und fertigt gemeinsam mit den Kleinen Autos, Flugzeuge und Roller. Die Kinder bewahren diese "Geschenke" teils noch jahrelang auf, wie eine Erzieherin verrät.

Seit etwa zehn Jahren arbeitet der Haigst-Kindergarten mit Bildungspaten zusammen. Die Einsatzmöglichkeiten für Paten in der Kita sind sehr umfangreich. "Man könnte das Angebot zum Beispiel noch mit Gärtnern, künstlerischen Arbeiten, Musik oder auch Lesepaten erweitern", so Leiterin Xenia.

"Ohne Ehrenamtliche keine Bildungsgerechtigkeit"

"Ein Bildungspate kann für das 'Patenkind' bedeutsam fürs ganze Leben sein", ist sich Peter Burkhardt, Rektor der Pragschule, sicher. "Als Vorbild können die Paten fast eine Art Elternfunktion übernehmen."

An seinen Grundschülern hat er schon oft beobachtet, dass sie zwar große Begabungen haben, aber durch ihr Elternhaus zuwenig Förderung bekommen. Häufig scheitern die Kinder dann, wenn die ersten Klippen in der Schulkarriere zu meistern sind.

Während bildungsnahe Familien dann eine Nachhilfe organisieren oder selbst bei den Hausaufgaben helfen, sind viele Eltern aus dem Stadtteil wegen ihrer eigenen geringen Bildung überfordert. "Die Unterstützungssysteme, die wir in der Grundschule noch haben, brechen in der fünften Klasse weg", so Burkhardt. Bildungspaten werden auch dann dringend gebraucht, um die Kinder zu stabilisieren.

"Die Funktion von ehrenamtlichen Helfern kann man gar nicht hoch genug einschätzen", betont der Rektor. Seine Schule ist im Stadtteil eng vernetzt, unter anderem mit dem Familienzentrum FAZ. In einem "Runden Tisch Kooperation" werden alle wichtigen Themen besprochen, dadurch gibt es sehr direkte Wege zwischen den Einrichtungen.

Weil viele Pragschul-Eltern den Nachhilfeunterricht nicht selbst zahlen können, freut er sich über die Bildungspaten: "Ohne Ehrenamtliche werden wir nie eine Bildungsgerechtigkeit bekommen."

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Für Schulrektor Peter Burkhardt sind Bildungspaten für Kinder wichtige Vorbilder. Foto: Gottfried Stoppel

"Stiftungen bringen den Stein ins Rollen"

"Vor allem über Bildung und Ausbildung können sich benachteiligte Jugendliche verwirklichen und eine Chance bekommen", ist sich Margit Leitz, Stiftungsvorstand der Louis Leitz Stiftung, sicher. Deshalb ist der Fokus der gemeinnützigen Stiftung auch auf dieses Thema gerichtet.

Gemeinsam mit zehn anderen Stuttgarter Stiftungen arbeiten sie sowie ihr Bruder und Vorstandskollege Helmut Leitz im Stiftungskreis "Chancen für Bildung und Arbeit" zusammen, der Bildungsprojekte in Stuttgart fördert. Der Stiftungskreis hat sich zum Beispiel vor einigen Jahren die Frage gestellt: "Wo ist die Unterstützung am allernötigsten?" und eine eigene Idee umgesetzt: das Projekt "Freunde schaffen Erfolg". Hier kümmern sich ehemalige Hauptschüler, die beruflich etwas erreicht haben, in ihrer Freizeit um Schüler ihrer alten Schule. Sie motivieren sie und sind Vorbild auf Augenhöhe.

Das Projekt lief zuerst in der Rosenstein- und in der Lerchenrainschule an. In der Zwischenzeit beteiligen sich zehn Stuttgarter Schulen daran. Ein anderes regionales Projekt ist die "Lesebrücke Türkisch" in städtischen Kitas. Dank ehrenamtlicher Vorlesepatinnen und -paten dient es der Wertschätzung und der Förderung der Muttersprache, was den Zugang zu Büchern und das Erlernen der deutschen Sprache erleichtert.

"Stiftungen können Impulsgeber sein und Themen als gesellschaftlich relevant im Bewusstsein verankern", so Margit Leitz. "Stifter bringen sich selbst ein und formulieren Ziele, die sie gerne in der Gesellschaft verwirklicht sehen würden. Dabei spielen ehrenamtlich Engagierte oft eine wichtige Rolle."

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Margit Leitz arbeitet im Stiftungskreis ¿Chancen für Bildung und Arbeit' mit. Foto: Gottfried Stoppel

"Bei diesen Projekten profitieren alle"

Die Lapp Group, weltweit einer der führenden Anbieter von integrierten Lösungen und Markenprodukten für Kabel- und Verbindungstechnik mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen, ist im vergangenen Jahr eine Bildungspartnerschaft mit dem benachbarten Hegel-Gymnasium eingegangen.

Die Schüler können nun regelmäßig einen Einblick in die Arbeit eines familiengeführten "Global Players" nehmen. Bei Betriebsbesuchen lernen sie, wie modernes Umweltmanagement, schlanke Produktionsmethoden und Marketing funktionieren. Das Unternehmen stellt Praktikumsplätze zur Verfügung, und Azubis helfen den Schülern bei der Vorbereitung von Bewerbungsmappen und -gesprächen.

"Ich bin sicher, dass sich die Bildungspartnerschaft für uns und die Schüler lohnen wird und kann jedem Unternehmen nur raten, sich in solchen Projekten zu engagieren", sagt Andreas Lapp, der gemeinsam mit seiner Mutter Ida und seinem Bruder Siegbert das Unternehmen führt. "Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind eine Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg, und mit der Partnerschaft können wir selbst dazu beitragen, diesen 'Rohstoff' zu sichern."

Das Projekt sieht Lapp als logische Ergänzung zum Ausbildungsprogramm des Unternehmens mit zurzeit 56 Auszubildenden. "Wir können den Schülerinnen und Schülern vor Ort einen besseren Einblick in den Berufsalltag geben und hoffentlich auch Interesse wecken."

Das Hegel-Gymnasium brachte durch eigene Projekte, zum Beispiel Schülerfirmen, beste Voraussetzungen für eine Partnerschaft mit. "Allein schon aus gesundem Eigeninteresse sollten Unternehmen sich engagieren", so Andreas Lapp, "denn schließlich haben wir auch eine soziale Verantwortung, und hierbei gewinnen alle."

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Unternehmer Andreas Lapp fördert Schüler des Hegel-Gymnasiums. Foto: Lapp Holding