Bildungspaten stärken Kinder und Jugendliche - ein Beispiel aus Sillenbuch

In Stuttgart sind 1500 Bildungspaten aktiv. Sie nennen sich auch Mentoren - nach einer Figur in der griechischen Odyssee, wo Mentor ein Berater war. eine zeitgemäße Mentoring ist Ina Hoffmann. Sie hat Ali Sagiroglu - einem jungen Kurden - manche Irrfahrt erspart. Sven Matis sprach mit den beiden.

Frau Hoffmann, was hat Sie vor sechs Jahren bewogen, Bildungspatin zu werden?
Hoffmann: Mein Leben war spannend. Aber mir fehlte etwas. Statt ein neues Hobby zu beginnen, suchte ich ein lebendiges Gegenüber. Ich wollte Mentorin werden.

Sie haben sich dann bewusst für den 14-jährigen Ali entschieden?
Hoffmann: Ja. Ich stand auf sicherem Fundament, in persönlicher und beruflicher Hinsicht. Der Kontrast zu Alis Alltag hätte kaum schärfer sein können.

Wie ist das zu verstehen, Herr Sagiroglu?
Sagiroglu: Meine Familie und ich hatten damals wenig Kontakt zu Deutschen. Wir hatten oft Angst, dass wir abgeschoben werden. 2005 ging ich auf die Förderschule. Ich wusste, ich kann mehr. Aber wie sollte ich das zeigen? Wem sollte ich das zeigen? Außerdem war ich damals sehr nervös, konnte mich nicht immer richtig ausdrücken. Das hat mir auch in der Schule manches erschwert.

Wo haben Sie sich anfangs getroffen?

Sagiroglu: Wir haben schnell entschieden, uns bei Ina zu treffen. Das hat mir viel geholfen. Ich wollte eine andere Umgebung erleben.

Frau Hoffmann, Sie haben Ali nur wenige Stunden gekannt. Man könnte meinen, Sie haben einem Unbekannten früh ihre Tür geöffnet…
Hoffmann: Ich habe Ali gleich gemocht. So was wie Berührungsängste kenne ich kaum. Als Krankenschwester hatte ich viel Kontakt mit ausländischen Patienten. Außerdem hat Ali eine gewinnende Art.

Was haben Sie denn gemeinsam gemacht?

Hoffmann: Wir haben viele Übungen gemacht, die seinen Wortschatz verbessert haben. Er hat Texte ergänzt oder Geschichten geschrieben. Wir haben auf Klassenarbeiten gelernt oder ein Referat eingeübt. Wir treffen uns auch heute noch wöchentlich, mindestens für zwei Stunden. Es geht über "dröges" Lernen hinaus, wir lachen auch viel und sind oft unterwegs.

Wo gehen Sie da zum Beispiel hin?
Sagiroglu: Wir waren im Theater, haben uns dort Erkan und Stefan angeguckt, das fand ich witzig. Wir haben auch mal Kokosmakronen gebacken oder waren auf der Hengstparade in Marbach. Da würde ich zwar nicht unbedingt noch mal hingehen, war aber nett, so was mal gesehen zu haben. Dafür ist Inas Mann mit mir und meinem Bruder zum VfB Stuttgart gegangen. Da haben sie Werder Bremen 6:0 geschlagen. Ein super Erlebnis!

Welche Ziele hatten Sie, als sie sich kennenlernten?
Sagiroglu: Ich wollte in Deutschland bleiben und nicht nur auf die Hauptschule, sondern auch die mittlere Reife schaffen. Einfach vorankommen im Leben.

Das ist gelungen?
Sagiroglu: Oh ja, ich war vor sechs Jahren noch in der Förderschule. Um auf die Hauptschule gehen zu können, musste ich Englisch lernen. Das habe ich dann in meinen Ferien gemacht.
Hoffmann: Ich habe ihn in der VHS angemeldet und seinen Kurs zum Teil gezahlt. Das hat später Eindruck gemacht und die Schulkarriere gefördert.

Inwiefern?
Sagiroglu: Nach dem Hauptschulabschluss ging ich an die Gewerbliche Schule für Holztechnik in Feuerbach. Dort konnte ich gleich auf den 2-jährigen Zweig gehen. Meine Lehrerin sagte: 'Dass Du Dich in Deiner Freizeit hinsetzt und Englisch büffelst, klingt interessant. Wir versuchen es mal zusammen.' Und so habe ich dann mit der mittleren Reife abgeschlossen.

Und jetzt machen Sie eine Ausbildung?
Sagiroglu: Ja, von der Schule aus musste ich ein Betriebspraktikum machen. Es gefiel mir gut. Der Chef hat mir dann eine Ausbildung zum Schreiner angeboten. Dort bin ich jetzt im dritten Ausbildungsjahr. Ich werde im nächsten Sommer meinen Abschluss machen!        
Hoffmann: Was mir besonders an Ali gefällt, ist, dass er immer zuverlässiger wurde. Anfangs hat er einige Termine vergessen, kurz davor abgesagt oder war nicht vorbereitet. Heute ruft er manchmal an und fragt, wann wir uns wieder treffen.

Das klingt recht harmonisch…
Hoffmann: Ja, das war es aber nicht immer. Ich habe gleich zu Beginn eine Streitkultur eingeführt, wollte ihm nicht alles durchgehen lassen. So hat er auch andere Seiten von mir kennen gelernt.
Sagiroglu: Daraus habe ich gelernt. Das hat mich sicherer gemacht in meinem Verhalten anderen gegenüber.

Sie kennen sich seit sechs Jahren. Gerade in der Pubertät gibt es doch Phasen oder Fragen, die ziemlich delikat sein können.
Hoffmann: Ali weiß, dass er mich alles fragen darf, auch mehrfach. Wenn er über Freundschaften oder seine Gefühle reden möchte, habe ich auch dafür ein offenes Ohr. Ich habe mich aber nie aufgedrängt.

Das klingt alles nach Aufgaben, die eigentlich eine Mutter hat. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den Eltern?
Hoffmann: Uneingeschränkt positiv. Der Kontakt und der Austausch waren von Anfang an gut. Sie haben gleich gezeigt, dass sie froh darüber sind, dass jemand ihren Sohn an die Hand nimmt.

Empfinden Sie es als Glück, dass Frau Hoffmann Ihre Mentorin ist?
Sagiroglu: Ja, weil die Chemie zwischen Ina und mir von Anfang an stimmte. Die Ziele, die ich inzwischen erreiche und erreicht habe, stärken mich fürs Leben.   
Hoffmann: Wir haben ja beide etwas davon. Durch Ali lernte ich die Erlebniswelt eines Jugendlichen kennen. Das ist oft spannend, auch wegen seiner kurdischen Kultur.

Bildungspaten: Ina Hoffmann und Ari Sagiroglu (Sillenbuch)Vergrößern
Gemeinsam erfolgreich: Ina Hoffmann und Ali Sagiroglu. Foto: Schlegel
 
 

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