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Diagnose: "Behandlung empfohlen"

Im ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus wurden im Dritten Reich über 50 behinderte Kinder ermordet. Ein Tatort der Morde war unter anderem die "Kinderfachabteilung". Karl-Horst Marquart, ehemaliger Arzt am Gesundheitsamt, hat in seinem Buch "Behandlung empfohlen" die NS-Medizin­verbrechen in Stuttgart untersucht. Michael Hellstern und Nina Freund sprachen mit ihm und mit dem Leiter des Gesundheitsamts, Hans-Otto Tropp.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die sogenannte "Volksgemeinschaft" über alles gestellt. Wieso wurden manche Kinder ausgeschlossen und ermordet oder zwangssterilisiert?

Marquart: Die Nationalsozialisten hatten 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschlossen. Alles Kranke sollte aus dem "Volkskörper" entfernt werden. Behinderte Menschen wurden als "unnütze Esser" bezeichnet, die nicht "arbeitsfähig" waren. Außerdem wollte man verhindern, dass Behinderte auf die Welt kommen, da man ihnen im Sinne des Sozialdarwinismus jedes Recht auf Leben absprach.

Man ging davon aus, dass eine Behin­derung stets angeboren war und immer vererbt werden würde. Die Vererbung an einen möglichen Nachwuchs sollte durch ­Sterilisation verhindert werden. Zudem wurden viele Zwangsarbeiterkinder ermordet. Man wollte Arbeiterinnen und Arbeiter im Reich haben, aber dass diese später auch noch Kinder bekommen, war nicht erwünscht.

Das frühere Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße im Jahr 1942. Hier wird am 4. Oktober die Gedenktafel zur Kindereuthanasie enthüllt.Das frühere Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße im Jahr 1942. Hier wird am 4. Oktober die Gedenktafel zur Kindereuthanasie enthüllt. Foto: Stadtarchiv

Wie sah die Lage in Stuttgart aus?


Marquart: Lange umstritten und verdrängt war die Tatsache, dass es im Städtischen Kinderkrankenhaus von 1943 bis 1945 eine sogenannte "Kinderfachabteilung" zur Ermordung von Kindern mit einer Missbildung oder Be­hinderung gab. Die Organisatoren dieses Verbrechens sprachen nicht von Tötung, sondern von "Behandlung".

Kinder wurden oftmals gegen den Willen der Eltern in Heime gebracht. Die meisten sind nie wieder nach Hause zurückgekehrt. Welche Gründe wurden den Eltern mitgeteilt?

Marquart: Die Eltern erfuhren nur, dass ihre Kinder "behandelt" und geheilt werden sollten. In den Kinderfachabteilungen erhielten die Opfer nach wenigen Tagen eine erhöhte und somit tödliche Dosis des Schlafmittels Luminal. Die ­Eltern wurden belogen. Ihnen wurde mitgeteilt, dass ihr Kind eines natürlichen Todes, zum Beispiel an einer Lungenentzündung, gestorben sei.

Gibt es ein Schicksal, das Sie bei der Aufarbeitung besonders betroffen hat?

Marquart: Die dreijährige ­Gerda Metzger war leicht geistig und körperlich behindert und lebte in Flacht in der Nähe von Leonberg. Unter dem Vorwand einer Untersuchung wurde sie ihrer Mutter entrissen und von einem Arzt in das Städtische Kinderkrankenhaus Stuttgart gebracht. Der verzweifelten Mutter - die dieses Geschehen viele Jahre später dem Masseur Matthias-Herbert Enneper ­erzählte - wurde nicht mit­geteilt, in welche Klinik ihr Kind gebracht wurde.

Die dreijährige Gerda Metzger wurde 1943 im Kinderkrankenhaus ermordert.VergrößernDie dreijährige Gerda Metzger wurde 1943 im Kinderkrankenhaus ermordert. Foto: Hornberger, Heimatmuseum FlachtDie dreijährige Gerda Metzger wurde 1943 im Kinderkrankenhaus ermordert. Foto: Hornberger, Heimatmuseum Flacht

Sie lief daraufhin abends los und ­erreichte nach einem 35 Kilometer langen Marsch Stuttgart am frühen Morgen. Ein Mann verwies sie an die städtische Kinderklinik, in der "solche" Kinder behandelt würden. Dort konnte sie ihre Tochter kurz sehen. Als sie in der Klinik am nächsten Tag erneut nachfragte, war ihre Tochter bereits an einer angeblich ansteckenden Krankheit verstorben und weggebracht worden. Heute erinnert vor dem Gebäude in der Türlenstraße 22A ein Stolperstein an sie.

Wie viele behinderte Kinder wurden in Deutschland ins­gesamt umgebracht?

Marquart: Man schätzt, dass über 5000 Kinder in "Kinderfachabteilungen" umgebracht wurden. Betroffen waren ab 1939 Kinder bis zum Alter von drei, ab 1941 bis zum ­Alter von 16 Jahren. Die Opfer waren fast ausschließlich Kinder, die nicht in einem Kinderheim oder in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht waren, sondern zu Hause von ihren Müttern versorgt wurden.

Gab es eine Möglichkeit die Meldungen zu verweigern?


Marquart: Mir ist lediglich ein Fall bekannt, in dem ein Arzt, es war der Leiter des Gesundheitsamts Saulgau, grundsätzlich keine Meldungen von Kindern an den "Reichsausschuss" in Berlin - die "Kindereuthanasie"-Zentrale - verschickte. Er hatte dadurch aber keinerlei Nachteile für sich zu befürchten. Natürlich war es für andere Ärzte karrierefördernd, wenn sie ihre Treue zum Regime durch die Meldungen bewiesen.

Herr Tropp, was empfinden Sie bei der Vorstellung, dass das Gesundheitsamt damals an Verbrechen der sogenannten "Erb- und Rassenpflege" be­teiligt war?

Tropp: Ich finde es unglaublich, was damals passiert ist - insbesondere, dass Ärztinnen und Ärzte daran beteiligt waren. Man kann daraus lernen, dass jeder Mensch oder jede Gruppe eine grausame Seite haben kann. Ich habe mich oft gefragt, wie man dem in Zukunft vorbeugen kann.

Inwiefern waren die damals handelnden Ärzte und Mit­arbeiter sich ihrer Verantwortung bewusst?

Tropp: Viele Verantwortliche haben wohl geglaubt, sie ­würden die Familie und den "Volks­körper" von einer Last erlösen. Sie waren zu einem großen Teil sicher Überzeugungstäter. Es wird aber auch welche gegeben haben, die unter Druck standen und Angst vor Repressalien hatten. Viele haben an die NS-?Rassenideologie regelrecht geglaubt und danach gehandelt.

Herr Marquart, manche Täter waren nach dem Ende des ­Nationalsozialismus weiterhin ärztlich tätig. Wer kam vor ­Gericht?


Marquart: Fast keiner der ­Täter wurde verurteilt. Viele gaben an, dass sie von keiner Tötung gewusst hätten, und dass Kinder nur eines natür­lichen Todes gestorben seien. Karl Lempp, der während des Dritten Reichs in Stuttgart Leiter des Städtischen Gesundheitsamts und des Städtischen Kinderkrankenhauses war, blieb danach noch bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1950 in leitender Position.

Herr Tropp, wie bewerten Sie die geplante Installation einer Gedenktafel für die Opfer?


Tropp: Eine Gedenktafel ist etwas Bleibendes. Sie soll unterschiedliche Menschen ansprechen, zu Diskussionen und Fragen anregen und unsere Trauer ausdrücken. Es ist allerdings schwierig, den schrecklichen Schicksalen gerecht zu werden.

Gedenktafel

Sozialbürgermeister Werner Wölfle wird am Dienstag, 4. Oktober, um 17 Uhr eine Informations- und Gedenktafel zur "Kindereuthanasie" am Gebäude des ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhauses in der Türlenstraße 22A enthüllen. Der Ärztliche Direktor am Klinikum Stuttgart, Stefan Bielack, und Buchautor Karl-Horst Marquart werden in Grußworten an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus erinnern.

Karl-Horst Marquart, Autor und MItbegründer der Stolperstein-InitiativeVergrößernKarl-Horst Marquart, Autor und MItbegründer der Stolperstein-Initiative. Foto: Max KovalenkoKarl-Horst Marquart, Autor und MItbegründer der Stolperstein-Initiative. Foto: Max Kovalenko

Karl-Horst Marquart


Der Vaihinger war von 1987 bis 2011 als Arzt im Gesundheitsamt tätig. Er ist Mitbegründer einer Stolperstein-Initiative und Mitglied im bundesweiten Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen ­Euthanasie und Zwangssterilisation.

"Behandlung empfohlen". NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart (2015), Peter-Grohmann-Verlag, Stuttgart, 17,90 Euro.

Donnerstag, 29.09.2016
 

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