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Ausgrabung bringt Altenburg ans Licht

Vergessen war die vor über 700 Jahren zerstörte Altenburg nie. Nur ihre genaue Lage kannte man nicht mehr. Jetzt sind auf dem Gelände des ehemaligen Steiggemeindehauses in Bad Cannstatt Mauerreste zutage gekommen, die Ausgräber Andreas Thiel für die lang gesuchte Festung hält. Das Gebäude ist zu Beginn des 13. Jahrhunderts über einem frühmittelalterlichen fränkischen Reihengräberfeld und einem römischen Keller errichtet worden.

Aus alten Berichten wusste man, dass es die Altenburg gegeben hat. Auch der gleichnamige Bad Cannstatter Stadtteil hat die Erinnerung an die Festung wachgehalten. Unter Leitung des Archäologen Andreas Thiel, Oberkonservator beim Landesamt für Denkmalpflege, hat ein Grabungsteam nun auf dem Gelände des früheren Steiggemeindehauses die Grundmauern entdeckt.

Ausgrabungen Altenburg, der Tote auf fränkischem Gräberfeld starb Ende des sechsten Jahrhunderts durch einen Hieb auf den Kopf.VergrößernDer Tote auf dem fränkischem Gräberfeld starb Ende des sechsten Jahrhunderts durch einen Hieb auf den Kopf. Rechts neben ihm liegt sein Schwert, links war der Schild, von dem noch der Schildbuckel erhalten ist. Foto: Ferdinando IannoneDer Tote auf dem fränkischem Gräberfeld starb Ende des sechsten Jahrhunderts durch einen Hieb auf den Kopf. Rechts neben ihm liegt sein Schwert, links war der Schild, von dem noch der Schildbuckel erhalten ist. Foto: Ferdinando Iannone

Gleich eine ganze Reihe von Gründen sprechen laut Thiel für die Identifizierung des rechteckigen Gemäuers mit der lang gesuchten Burg: "Die Außenwände sind mit einer Breite von zwei Metern äußerst massiv. Die Steine wurden mit Mörtel vergossen. So wäre kein normales Wohnhaus gebaut worden. Es passt aber zu einer Festung", erklärt er.

Hinzu komme, dass die aufgefundenen Inventarreste von besonders hoher Qualität sind. "Wir haben beispielsweise die Scherben von wertvollen Ofenkacheln und von kostbarem Essgeschirr gefunden. Auch Fragmente von Signalhörnern lassen den Schluss zu, dass es sich bei dem Gebäude um eine Burg gehandelt hat."

Ausgrabungen Altenburg, Das Fundament der Burg lag inmiten eines Gräberfelds aus dem späten sechsten und über einem Keller aus dem dritten Jahrhundert.VergrößernDas Fundament der Burg lag inmiten eines Gräberfelds aus dem späten sechsten und über einem Keller aus dem dritten Jahrhundert. Foto: Ferdinando IannoneDas Fundament der Burg lag inmiten eines Gräberfelds aus dem späten sechsten und über einem Keller aus dem dritten Jahrhundert. Foto: Ferdinando Iannone

Ein weiterer Hinweis sei die Lage im oberen Bereich der Altenburger Steige, die es ermöglicht hat, den Aufstieg zu überwachen. Ganz in der Nähe - wahrscheinlich auf dem heutigen Steigfriedhof - muss in der Zeit von 650 bis 1516 die alte Martinskirche gestanden haben. Und dies sei ebenfalls ein Indiz, "denn Kirche und Herrschersitz haben meist ein Ensemble gebildet", so Thiel.

Die Archäologen gehen ­davon aus, dass zuvor an ­gleicher Stelle eine aus Holz errichtete Festung stand, die wohl im 13. Jahrhundert durch den jetzt aufgefundenen Steinbau ersetzt wurde. Fast das ganze Inventar der Burg datiert aus dieser Zeit, nur weniges ist ­älter.

Ausgrabungen Altenburg, Der Archäologe Andreas Thiel begutachtet ein FundstückVergrößernDer Archäologe Andreas Thiel begutachtet ein Fundstück. Foto: Ferdinando IannoneDer Archäologe Andreas Thiel begutachtet ein Fundstück. Foto: Ferdinando Iannone

Lange bestand der damalige Neubau nicht. 1287 hat König Rudolf von Habsburg die Altenburg zerstört. Das gleiche Schicksal erlitten sechs weitere Burgen in der Gegend, wie der 1295 verstorbene Konrad von Wurmlingen in den Annales Sindelfingenses überliefert hat. "Die Altenburg wurde geschleift. Wir haben jede Menge Schutt gefunden, jedoch keine Hinweise auf einen Brand", beschreibt Thiel.

Außer den Resten der Festung haben die Archäologen auf dem Areal darüber hinaus ein fränkisches Gräberfeld aus dem ausgehenden sechsten und beginnenden siebten Jahrhundert entdeckt. 36 Skelette von Männern, Frauen und Kindern kamen zutage.

Ausgrabungen Altenburg, Keramik aus der Zeit vom 3. bis 13. JahrhundertVergrößernKeramik aus der Zeit vom 3. bis 13. Jahrhundert. Foto: Ferdinando IannoneKeramik aus der Zeit vom 3. bis 13. Jahrhundert. Foto: Ferdinando Iannone

Dass diese Zeit ebenfalls nicht friedlich war, sieht man an einem Toten mit gespaltenem Schädel. Er wurde - wie die meisten Männer auf dem Gräberfeld - mit seinen Waffen bestattet. Das Schwert ist besonders gut erhalten. Vom Schild wurde ein Fragment aufgefunden. Allen Verstorbenen ist zudem ein Gefäß mit Nahrung mitgegeben worden. Auch mehrere Goldmünzen und Schmuck aus der Zeit Kaiser Justinians (527-565) haben sich gefunden.

"Die vielen Beigaben sind ein klarer Hinweis darauf, dass die Bestatteten noch nicht ­christianisiert waren. In den Randgebieten des fränkischen Reiches war es in der Zeit um 600 keine Seltenheit, dass Menschen noch den früheren Religionen anhingen", erklärt Thiel.

Nicht alle Bestattungen ­waren intakt. "Manche Gräber sind schon vor Jahrhunderten geplündert worden. Zudem ist die Burg mitten in das alte Gräberfeld hinein gebaut worden. Die Toten wurden damals einfach beiseite geschoben. ­Ihre Überreste haben wir jetzt gefunden."

Und aus einer noch älteren Epoche haben die Archäologen eine Entdeckung gemacht: Unter der Burg befand sich der Keller eines römischen Wohnhauses. Die Brandspuren darin zeugen vom gewaltsamen Ende des römischen Bad Cannstatt. Alamannen hatten die Siedlung Mitte des dritten Jahrhunderts überfallen und geplündert. "Bei anderen Grabungen in der Umgebung haben wir erschlagene Menschen gefunden, die niemand beerdigt hat", schildert Thiel.

Ausgrabungen Altenburg, Auch Gefäße mit Essen wurden in Gräber als Beigaben gelegtVergrößernAuch Gefäße mit Essen wurden in Gräber als Beigaben gelegt. Foto: Ferdinando IannoneAuch Gefäße mit Essen wurden in Gräber als Beigaben gelegt. Foto: Ferdinando Iannone

Tote kamen im Bereich des römischen Kellers beim Steiggemeindehaus zwar nicht ­zutage, dafür jede Menge an Tongefäßen und Glas aus dem dritten Jahrhundert sowie Schlachtabfälle.

Die Funde sind alle dokumentiert und werden nun ­weiter ausgewertet. Anthropologen wollen die Bestatteten aus dem fränkischen Gräberfeld beispielsweise auf Alter, Ernährungszustand und Krankheiten untersuchen.

Die Grundmauern und ­Gräber können nicht ­erhalten werden, da nach dem Abriss des Steiggemeindehauses dort Wohnungen gebaut werden. Der im April begonnene erste Teil der archäologischen Untersuchungen auf dem früheren Hof des Kirchengeländes ist jetzt abgeschlossen, so dass noch in diesem Monat die Bagger anrücken können. Der zweite Teil beginnt, sobald das Gemeindehaus entfernt ist, voraussichtlich im Winter.

"Dann werden wir bestimmt noch mehr über die Altenburg herausfinden", kündigt Andreas Thiel schon mal an.         

 

Donnerstag, 06.10.2016