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Jüdische Kulturwochen im Rathaus eröffnet - OB Kuhn: "In dieser Stadt darf niemand ausgegrenzt werden"

Bis 20. November sind mit über 30 Veranstaltungen die jüdischen Kulturwochen in der Stadt. Barbara Traub, Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde Württemberg, Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha und Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, haben die Veranstaltungsreihe am 7. November im Rathaus offiziell eröffnet.

Jüdische Kulturwochen im Rathaus eröffnetOberbürgermeister Fritz Kuhn mit Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: Max Kovalenko
"Tendenzen der Ausgrenzung - neue Herausforderungen für die jüdische Kultur in Europa" lautet der Themenschwerpunkt 2016, den Fernsehjournalistin Esther Schapira mit Zeit-Herausgeber Josef Joffe nach der Eröffnung diskutierte.

"Die jüdischen Kulturwochen kommen genau zur richtigen Zeit", sagte Barbara Traub. "Wenn wir die Bilder von Flüchtenden in ihrer Not sehen, wirkt das manchmal wie ein Flashback." Skepsis und Hoffnung gleichzeitig präge die Stimmung der jüdischen Gemeinde in Stuttgart derzeit, sagte Traub.

Die inneren und äußeren Bedingungen für jüdisches Leben seien nicht einfacher geworden, sagte Mark Dainow. Man habe sich nicht vorstellen können, wie sich die Terrorgefahr in Europa entwickeln würde. Auch rechtspopulistische Bewegungen stünden für Hass, der sich gegen alle Minderheiten richten könne. Die Kulturwochen seien "heute wichtiger als im Gründungsjahr 2004".

"Polizisten mit Maschinenpistolen vor Synagogen sind schrecklich, aber viel schlimmer wäre es, wenn es keinen Polizeischutz gäbe", meinte Zeitungsherausgeber Joffe. Er sieht Israel als sichere Heimstätte für die über den Globus verteilten Jüdinnen und Juden, "wenn es wieder hart auf hart kommen sollte."

Einsatz gegen Intoleranz und Ausgrenzung

Die Kulturwochen seien Selbstvergewisserung jüdischen Lebens und Angebot an alle Bürgerinnen und Bürger zugleich, sagte OB Fritz Kuhn. Alle Stuttgarter Oberbürgermeister hätten sich nach der NS-Zeit gegen Intoleranz und Ausgrenzung eingesetzt. "Über Jahrzehnte wurde systematisch dafür gearbeitet, dass in Stuttgart kein Platz für Ausgrenzung ist. Das ist der Stuttgarter Weg der Humanität, den ich fortsetze", so der Oberbürgermeister und weiter: "Wer gegen Juden hetzt, greift die gesamte Stadtgesellschaft an. Das werden wir nicht zulassen."

Rund 3500 ehrenamtlich engagierte Helfer bei knapp 8000 Flüchtlingen: Das sei gelebte Toleranz und Hilfsbereitschaft. "In dieser Stadt darf niemand ausgegrenzt werden." Integration sei jedoch nie ein einfacher Prozess und "bedeutet der Wortherkunft nach auch Erneuerung, nicht nur Anpassung". Die Grenze der Toleranz sei das Grundgesetz. "Mein Ziel ist Stuttgart als moderne europäische Stadt, in der man sich gut verstehen kann," erklärte Kuhn.

"Jüdisches Leben darf in dieser Stadt und in diesem Land nie mehr im Stich gelassen werden", sagte Minister Manfred Lucha. Die Wurzelkraft aller Religionen sei die Nächstenliebe, die in der Gesellschaft gestärkt werden müsse. Gerade heute, wenn sich wieder verstärkt elitäre und menschenfeindliche Weltbilder verbreiten würden.

"Heute gibt es in Deutschland keinen Antisemitismus mehr", meinte Herausgeber Joffe, " zumindest keinen politisch offenen". Die obsessive Kritik an Israel übernehme häufig diese Rolle, außerdem gäbe es viele moderne Versionen der sogenannten "jüdischen Weltverschwörung". Kritik an Israel sei aber nicht per se antisemitisch, komme zudem auch von Juden selbst. "Vier Juden, fünf Meinungen", heiße es im jüdischen Volksmund.

Dienstag, 08.11.2016