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Kinderklinik mit königlicher Geschichte

Zwei junge medizinische Pioniere, eine Zarentochter als Wohltäterin, Zerstörung im Krieg und immer wieder Umbauten und Umzüge: Das "Olgäle" hat in 175 Jahren viel erlebt. Ein Blick in seine Geschichte zeigt die Entwicklung von der kleinen Heilanstalt zum hochmodernen Krankenhaus.
Einen sichtbaren Hinweis auf das Jubiläum gibt es schon. Wer auf den Haupteingang des Olgahospitals zuläuft und seinen Kopf nach links wendet, erblickt eine vier Meter hohe Stele. Zu sehen ist das Bild einer hübschen jungen Dame - und darüber die Frage: Wer ist eigentlich Olga?

Königin Olga ist Namenspatin für das Olgahospital.VergrößernKönigin Olga ist Namenspatin für das Olgahospital. Foto: KlinikumKönigin Olga ist Namenspatin für das Olgahospital. Foto: Klinikum
Königin Olga setzte sich für Kinder ein

Für die meisten Stuttgarter ist Olga vor allem die Namensgeberin des "Olgäle". Die russische Prinzessin Olga hatte 1846 den württembergischen Kronprinzen Karl geheiratet. Leider litt sie unter Heimweh, ihre Ehe blieb kinderlos, ihr Mann war nur wenig an ihr interessiert. Umso mehr setzte sie sich für Kranke, Arme und Schwache ein. Und insbesondere für Kinder.

Untrennbar verknüpft scheint der Name der Zarentochter daher heute mit dem Kinderkrankenhaus. Doch die Geschichte des späteren Olgahospitals begann bereits, als Olga noch am Hof ihres Vaters Nikolaus I. in St. Petersburg lebte. Und sie begann ganz unscheinbar in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Haus eines Weingärtners im Stuttgarter Westen.

"Kinderheilanstalt" in der Breitscheidstraße 1842

Dort, in der heutigen Breitscheidstraße, eröffneten die Ärzte Georg von Cleß und Otto Elben, beide noch unter dreißig, am 9. August 1842 eine "Kinderheilanstalt". Eine Pioniertat: In den meisten Städten, auch in Stuttgart, waren Kinder damals noch von stationärer ärztlicher Behandlung ausgeschlossen.

Cleß und Elben begannen mit nur elf Krankenbetten. Kinder aus armen Stuttgarter Familien wurden unentgeltlich aufgenommen, für die Behandlung von Kindern aus wohlhabenden Familien oder dem Umland verlangten die Ärzte ein Kostgeld. Ansonsten finanzierte sich die kleine Klinik durch Spenden und eine Kinderlotterie.

Der erste eigene Bau des 'Olga-Heilanstalt' in der Forststraße.VergrößernDer erste eigene Bau des 'Olga-Heilanstalt' in der Forststraße. Foto: KlinikumDer erste eigene Bau des 'Olga-Heilanstalt' in der Forststraße. Foto: Klinikum
Erster Neubau in der Forststraße 1848

Neben den beiden Ärzten arbeitete noch eine Wärterin im Haus. Die sollte, laut Hausordnung, in "sittlicher Beziehung" über die Kinder wachen und "vorkommende Unarten und üble Gewohnheiten" rügen - die Kinder zu schlagen war ihr jedoch untersagt.

Im Lauf der ersten Jahre mussten die Ärzte immer mehr Räume anmieten, schließlich das ganze Haus. 1848 wurde in der oberen Hälfte des Forstwegs, heute Forststraße 20, ein Neubau errichtet. In dem zweistöckigen Gebäude gab es Platz für 50 Kranke, nun auch für Jugendliche und Kleinkinder.

Ab 1847 kümmerte sich Prinzessin Olga

Den Ausbau möglich machte Olga. Schon 1847, ein Jahr nach ihrer Hochzeit, hatte sie die Kinderheilanstalt unter ihren persönlichen Schutz genommen. Ab 1849 trug das Krankenhaus den Namen "Olga-Heilanstalt für kranke Kinder, Lehrlinge und jugendliche Arbeiter". Olga, ab 1864 Königin, wählte Chefärzte aus und legte deren Honorare fest.

Zudem finanzierte sie einen Großteil der Aus- und Umbauten am Krankenhaus. Die wurden nötig, als infolge der Reichsgründung 1871 Menschen aus ganz Deutschland nach Stuttgart zogen. Dadurch erhöhte sich die Zahl der Patienten.

Das Gebäude des Olgahospitals in der Bismarkstraße 8 wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört.VergrößernDas Gebäude des Olgahospitals in der Bismarkstraße 8 wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört. Foto: KlinikumDas Gebäude des Olgahospitals in der Bismarkstraße 8 wurde im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört. Foto: Klinikum
Klinikgebäude in der Bismarckstraße 8

Die Königin veranlasste, dass in der Bismarckstraße 8 ein Klinikgebäude mit 122 Betten und einem großen Garten gebaut wurde. Auch nach Olgas Tod 1892 wuchs das nach ihr benannte Krankenhaus weiter, es war eine Zeit des Fortschritts: die ersten Frauen machten ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, Krankheiten wie Diphtherie konnten durch neue Impfstoffe eingedämmt werden.

Lazarett im Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg beendete den Aufschwung: Die Olga-Heilanstalt wurde als Lazarett genutzt und wegen der Hungersnot stieg die Zahl der Infektionen, vor allem der Tuberkulose-Erkrankungen. Noch schlimmer erging es Klinik und Patienten im Zweiten Weltkrieg: Luftangriffe trafen die Kranken- und Verwaltungsgebäude, die Patienten mussten verlegt werden. Die Zustände in den Behelfskrankenhäusern, etwa in Neuhausen auf den Fildern, waren katastrophal, zwischen 1944 und 1946 starben dort 285 Kinder, darunter 29 Kinder von ausländischen Zwangsarbeiterinnen.

Der Wiederaufbau


Selbst in dieser späten Phase des Krieges galt noch die Rassenideologie. Deutsche Kinder wurden bevorzugt behandelt, Mütter ausländischer Kinder durften ihre Säuglinge nach der Geburt nicht einmal in den Arm nehmen.

Der 1974 eröffnete Neubau des Olgahospitals in der Bismarckstraße wurde 2015 abgerissen.VergrößernDer 1974 eröffnete Neubau des Olgahospitals in der Bismarckstraße wurde 2015 abgerissen. Foto: Manfred StorckDer 1974 eröffnete Neubau des Olgahospitals in der Bismarckstraße wurde 2015 abgerissen. Foto: Manfred Storck
Nach dem Krieg folgte der Wiederaufbau. Im Juli 1946 nahm die Kinderklinik in drei Stockwerken des Frauenwohnheims in der Bismarckstraße 6 den Betrieb wieder auf. 1956 bekam die Olga-Heilanstalt den heutigen Namen Olgahospital, 1974 wurde der Neubau in der Bismarckstraße 8 eröffnet. 1979 wurde aus dem Olgahospital und den Städtischen Kinderkliniken das Pädiatrische Zentrum in städtischer Trägerschaft. Seit 1999 ist es Teil des Klinikums Stuttgart.

Neubau beim Katharinenhospital 2014


Die vorerst letzte große Veränderung in seiner langen Geschichte erlebte das Olgahospital im Mai 2014. Auf dem Gelände des Katharinenhos­pitals wurde ein Neubau eröffnet, in dem das Olgäle mit der Frauenklinik ein Zentrum für Kinder-, Jugend- und Frauenmedizin bildet.

Das Gebäude ist hell und freundlich, zahlreiche Stiftungen und Förderkreise sorgen für eine kindgerechte Ausstattung. Insgesamt 385 Krankenbetten stehen in Olgahospital und Frauenklinik zur Verfügung, über 15 000 Kinder und Jugendliche werden pro Jahr stationär behandelt.

Neueste Technik und eine kindgerechte Ausstattung prägen den 2014 beim Katharinenhospital eröffneten Neubau des Olgahospitals.VergrößernNeueste Technik und eine kindgerechte Ausstattung prägen den 2014 beim Katharinenhospital eröffneten Neubau des Olgahospitals. Foto: KlinikumNeueste Technik und eine kindgerechte Ausstattung prägen den 2014 beim Katharinenhospital eröffneten Neubau des Olgahospitals. Foto: Klinikum
Viele Geburten

Und eine Zahl hätte die huldvoll von der Jubiläumsstele blickende Olga wohl besonders gefreut: Durch die Zusammenlegung mit der Frauenklinik kommen im hochmodernen Krankenhaus mit dem Namen der kinderlosen Königin rund 3200 Kinder pro Jahr zur Welt.

Das 175-jährige Bestehen des Olgahospitals wird das ganze Jahr über mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert. Die offizielle Feierstunde mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Ministerpräsident Winfried Kretschmann findet am 29. September statt. Weitere Termine sind ein Mitarbeiterfest am 22. Juli, ein Ärztesymposium am 6. Oktober und ein Pflegesymposium am 20. Oktober.

Weitere Informationen zum Jubiläum stehen auf klinikum-stuttgart.de.
Donnerstag, 09.03.2017