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Vom Flüchtling zum Auszubildenden: Mohamed Alou lernt am Klinikum Stuttgart den Beruf des Medizinisch-technischen Laborassistenten

2010 ist Mohamed Alou aus Syrien geflüchtet. Seit 2016 macht er eine Ausbildung am Klinikum Stuttgart. Und er hat viel zu erzählen - von Tagträumen, hilfsbereiten Menschen und Hindernissen, die es zu überwinden gilt.

Mohamed AlouIm Labor der MTA-Schule untersucht Mohamed Alou eine Blutprobe und notiert Beobachtungen. Foto: Susanne Kern
Der 27. Juli 2015. Mohamed Alou weiß den Tag noch genau, an dem er nach Deutschland gekommen ist. "Wir sind aus einem Lastwagen ausgestiegen, zehn Stunden gelaufen und wussten nicht genau, in welchem Land wir uns gerade befinden", erzählt der 31-Jährige. Schließlich fragte er eine ältere Dame: "Ist hier Deutschland?" Sie lächelte und sagte: "Ja! Herzlich willkommen!" Wenn Alou von dieser Begegnung erzählt, kommt immer noch ein Strahlen in sein Gesicht.

Knapp zwei Jahre später sitzt Mohamed Alou im Bildungszentrum des Klinikums Stuttgart und lernt im Labor des Fachbereichs Klinische Chemie, wie er mit einer Elektrophorese Eiweiße in einer Blutprobe trennen kann. Die Verteilung der Eiweiße kann Aufschluss geben, ob zum Beispiel eine Leber- oder eine Nierenerkrankung vorliegt. Eine wichtige Arbeit: Die Untersuchungsergebnisse dienen Ärzten als Grundlage für ihre Diagnosen.

Lieblingsfach Histologie

Alou ist konzentriert bei der Sache. Auch in den theoretischen Unterrichtsfächern. Freudig erzählt er, wie viel Spaß ihm Histologie macht, die Lehre von den Gewebestrukturen. "Das ist mein Lieblingsfach", sagt er. Sein Deutsch ist erstaunlich gut.

Das hat damit zu tun, dass Deutschland für Mohamed Alou schon lange ein Ziel war, bereits Jahre vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Nach dem Abitur plante er, irgendwann in Deutschland Medizin zu studieren. Er besuchte, neben der Arbeit im Lebensmittelgeschäft seines Vaters, den Deutschunterricht am Goethe-Institut in Aleppo. Bis 2010. Dann ging er in den Libanon, weil er nicht zum syrischen Militär wollte. In Beirut begann Alou, Biochemie zu studieren.

Nicht vor, nicht zurück

Mit dem Bürgerkrieg verlor die syrische Währung an Wert, Alou und seine Eltern konnten das Studium nicht weiterfinanzieren. Und weil viele Syrer in den Libanon flohen, verschärfte die dortige Regierung die Gesetze. Konnten syrische Staatsangehörige vorher recht einfach Arbeit finden, war ihnen dies nun verboten. Vier Jahre saß Alou fest - nach Syrien konnte er nicht zurück, hatte aber auch nicht genug Geld, um den Libanon zu verlassen.

In dieser Zeit habe er immer wieder "Tagträume" gehabt, erzählt Alou. Sie kreisten um die Frage: "Was wäre, wenn ich jetzt in Deutschland wäre?" Dank der finanziellen Hilfe seines Bruders, der als Radiologe arbeitete, konnte es sich Alou schließlich leisten, nach Europa zu gehen. Mit dem Flugzeug in die Türkei, mit dem Schiff nach Griechenland, weiter mit Bus, Taxi, Zug und Lastwagen. Bis zum Traumland Deutschland.

Alou kam in Bayern an. Nach einem ersten kurzen Aufenthalt in Stuttgart lebte er in Karlsruhe, später längere Zeit in Villingen-Schwenningen. Dort fand er Unterstützung. Werner Nestler, 75 Jahre, Rechtsanwalt im Ruhestand aus der Gegend von Villingen, wurde zu seinem persönlichen Mentor. Nestler unternahm viel mit dem Flüchtling, half ihm bei der Bürokratie - und sorgte so indirekt dafür, dass Alou schnell einen Arbeitsplatz fand. Mit Nestler ist Alou noch immer in Kontakt: "Wir telefonieren mindestens einmal in der Woche", erzählt er fröhlich.

Den Ausbildungsplatz als Medizinisch-technischer Assistent (MTA) hat Mohamed Alou über das normale Bewerbungsverfahren erhalten. "Seine Bewerbung war perfekt", erzählt Ulrike Stauch, Schulleiterin an der MTA-Schule. Es habe keine Schwierigkeiten gegeben - alle Dokumente seien dagewesen. Die Noten waren hervorragend. In einer Prüfung habe Alou besser abgeschnitten als mancher Deutsche.

Eine Sache aber sei schon damals zu erwarten gewesen, erzählt Stauch: Obwohl Alous Deutschkenntnisse für einen Flüchtling hoch seien, würde er wohl Probleme mit der Sprache bekommen. Alou bestätigt das. Lesen und Schreiben falle ihm nicht schwer, manchmal aber das Sprechen, etwa in Stresssituationen im Labor. Das Schwierigste sei die medizinische Fachsprache. "Lateinische Begriffe kann ich nur schwer aussprechen", erzählt er. Manchmal erklären ihm andere arabische Angestellte des Klinikums, was gemeint ist.

Alou weiß, dass er sein Deutsch verbessern muss, gerade mit Blick auf die mündlichen Prüfungen in der Ausbildung. So besucht er nun in den Sommerferien, wenn die Kollegen Urlaub machen, einen mehrwöchigen Sprachkurs, in dem es ums Sprechen und Diskutieren geht.

In seiner Ausbildungsgruppe fällt Alou neben seiner Herkunft auch durch sein Alter auf. Trotzdem versteht er sich mit allen - die Gruppe sei sowieso vielfältig, erzählt Ulrike Stauch: "Wir haben auch Auszubildende philippinischer, türkischer oder brasilianischer Herkunft." Manche hätten gerade erst die Mittlere Reife gemacht, andere ein fertiges Studium hinter sich.

Ähnliche Mentalität

Eingelebt hat sich Mohamed Alou in Stuttgart inzwischen gut. Er wohnt in einem Wohnheim des Klinikums, nur wenige Minuten von der MTA-Schule. Auch mit der deutschen Mentalität kommt Alou gut zurecht. Etwa mit der oft beklagten fehlenden Offenheit der Deutschen - das sei in Aleppo eigentlich nicht anders gewesen: "In ­Syrien kannten wir auch nur unsere Nachbarn und Verwandten." Mit einer Sache aber kann er sich gar nicht anfreunden: "Ich habe oft deutsches Essen versucht - es schmeckt mir einfach nicht." Daher kocht er meistens syrische Gerichte.

Alous Familie hat Aleppo im Juli 2012 verlassen und lebt nun im Kurdengebiet in Nordsyrien. "Dort sind die Amerikaner, da ist es sicher", sagt Alou. Wie viele Syrer wünscht er sich Frieden in seiner Heimat, sieht aber wenig Hoffnung. "Wir haben Syrien verloren. Deutschland ist die beste Chance für uns nach Syrien", sagt er. Sollte der Bürgerkrieg tatsächlich eines Tages vorbei sein, könnte er sich aber vorstellen, zurückzukehren - und dort im medizinischen Bereich zu arbeiten.


Ausbildung zum Medizinisch-technischen Assistenten am Klinikum Stuttgart

Die Ausbildung zum Medizinisch-technischen Assistenten (MTA) kann am Klinikum Stuttgart in zwei Fachrichtungen absolviert werden: In der Fachrichtung Labor (MTLA) oder in der Fachrichtung Radiologie (MTRA). Die MTA-Schule des Klinikums verfügt über 147 Ausbildungsplätze, davon 96 im Bereich Labor und 51 im Bereich Radiologie. Die Ausbildungsdauer beträgt in beiden Fachrichtungen drei Jahre und startet jeweils Anfang Oktober. Bewerbungen sind das ganze Jahr über möglich, jeden Monat werden Bewerbungsgespräche geführt.

Bewerber für die MTA-Schule sollten Interesse an ­einem medizinisch und naturwissenschaftlich ausgerichteten Beruf mitbringen. Sie sollten Abitur oder einen mittleren Bildungsabschluss haben und dabei vor allem gute Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern (Chemie, Physik, Mathematik). Voraussetzungen darüber ­hinaus sind kommunikative Kompetenzen und gesundheitliche Eignung für den ­Beruf.

Theoretische und praktische Inhalte werden in der Regel in Blockform vermittelt, die Auszubildenden werden in den fachspezifischen Ab­teilungen und Funktionsbereichen im Klinikum Stuttgart, in anderen Krankenhauslaboratorien und privaten Laborpraxen oder Radiologischen Instituten eingesetzt.

Interessenten erhalten weitere Informationen im Internet auf der Seite bildungszentrum-stuttgart.de/mta. Fragen zur Ausbildung beantwortet die Schulleiterin Ulrike Stauch, Telefon 278-32086.

Donnerstag, 10.08.2017