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Wahlhelfer in Stuttgart: Ein Engagement, das ansteckend ist

Junge und alte Menschen, Väter, Töchter oder Ehepaare: Viele verschiedene Stuttgarter engagieren sich als Wahlhelfer. Alina Bountliaki, Karl Wurst, Tabea und Matthias ­Engelter, Jan Plavec und Nina Möhrle gehören dazu.

Erst 18 Jahre ist Alina Bountliaki alt - und sie wird dieses Jahr nicht nur das erste Mal ihre Stimme in die Wahlurne werfen, sondern auch gleich als Wahlhelferin tätig sein. Ihr Wahltag ist deswegen gut strukturiert: Am Vormittag geht sie in der Römerschule in der Nähe des Marienplatzes wählen und ab 13 Uhr wird sie in Degerloch bei der Auswertung der Briefwahl helfen. "So kann ich sehen, wie beide Wahlverfahren ablaufen", sagt Alina.

Politik interessiert sie schon seit der achten Schulklasse, als das Fach Gemeinschaftskunde erstmals auf ­ihrem Stundenplan stand. Es wurde sehr schnell ihr Lieblingsfach. Zur Bundestagswahl 2013 hat sie die Wahl analysiert und das in der Schule als Referat vorgetragen. "Ich hatte zum Glück ­eine tolle Lehrerin, die uns viel über das Parteiensystem in Deutschland beigebracht hat", erklärt sie.

Viele Gleichaltrige hätten jedoch kaum Interesse am politischen Geschehen. "Ich erwarte von den Parteien, dass sie auch Politik für junge Leute machen. Das müssen wir einfordern und uns engagieren." Deshalb ist für Alina ihr Einsatz als Wahlhelferin nicht nur ein Blick hinter die Kulissen, sondern ein echtes Anliegen.

Ob sie selbst einmal in die Politik gehen wird, weiß Alina noch nicht. Ab Oktober studiert sie erst einmal Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim.
 
Wahlhelferin Alina BountliakiAlina Bountliaki ist gleich bei ihrer ersten Wahl als Helferin dabei. Foto: Stadt Stuttgart

Seit Jahrzehnten dabei

Bei wie vielen Wahlen er schon mitgeholfen hat? Das weiß Karl Wurst selbst nicht mehr so genau. Seit etwa 1970 lebt der gebürtige Freudenstädter in Stuttgart, kurz danach dürfte die erste Wahl gewesen sein. Jedenfalls hat er schon alles mitgemacht: Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Kommunalwahlen. Erst als Wahlhelfer, seit einigen Jahren als Wahlvorstand. Der 73-Jährige bringt sich eben gerne ehrenamtlich ein, so ist er auch Kirchenwächter in der Stiftskirche.

In seiner Zeit als Wahlhelfer sei nie etwas Unangenehmes passiert, erzählt Karl Wurst. Dafür gab es viele positive Erlebnisse. Etwa wenn Leute im Wahllokal Kuchen oder Kaffee vorbeibrachten. In seinem "Stamm-Wahllokal" in der katholischen Kirche in Kaltental, wo er schon seit Jahren Wahlvorstand ist, laufe alles routinemäßig ab. Das Team sei eingespielt, manchmal versuche man, den eigenen Geschwindigkeitsrekord beim Auszählen zu brechen. "Aber nicht auf Kosten der Genauigkeit."

Auf die Frage, was sich für ihn als Wahlhelfer in den fast 50 Jahren verändert habe, hat Karl Wurst eine klare Antwort: "Gar nichts." Ein wenig schade findet er nur, dass immer mehr Leute per Briefwahl wählen, statt sonntags ins Wahllokal zu kommen. "Es ist wie in der Bibliothek, wo man seine Sachen an Automaten abgibt. Man hat keinen Kontakt mehr mit den Leuten."

Für seine lange Tätigkeit als Wahlhelfer hat Karl Wurst im Mai 2017 eine besondere Ehrung erhalten. Zum ersten Mal wurden ehrenamtliche Wahlhelfer im Bundesinnenministerium in Berlin empfangen - und Karl Wurst war als einer von zwei Vertretern aus Baden-Württemberg dabei. Nun besitzt er eine von Thomas de Maizière persönlich unterschriebene Urkunde.

Auch am 24. September wird Karl Wurst wieder in seinem Wahllokal in Kaltental sein. Denn er ist überzeugt: "Wer mal Wahlhelfer gewesen ist, der macht es auch gerne wieder."
 
Wahlhelfer Karl WurstKarl Wurst hat schon bei dutzenden Wahlen mitgeholfen. Foto: Stadt Stuttgart

Zweite Generation

Es war Zufall, dass Matthias Engelter im März 1983 Wahlhelfer wurde. "Hätte der Vater einer Bekannten damals nicht beim Statistischen Amt gearbeitet und Helfer für die Bundestagswahl gesucht, dann wäre ich wohl nie dazu gekommen", erinnert er sich. Zusammen mit Freunden half er damals bei der Briefwahl mit und blieb dabei. Seither gab es kaum eine Wahl, bei der Matthias Engelter in Stuttgart nicht als Wahlhelfer mit angepackt hat.

Und das Engagement scheint ansteckend zu sein. Seit der Landtagswahl 2016 ist nun auch Tochter Tabea als Wahlhelferin bei der Briefwahl aktiv. "Man sitzt am Tisch mit Leuten jeden Alters, ich war die Jüngste", erzählt die 20-Jährige von ihren Erfahrungen. Als Vater-Tochter-Gespann treten die beiden am Wahlsonntag dann doch eher weniger in Erscheinung. "Letztes Mal arbeiteten wir in getrennten Räumen. Bei kleinen Besuchen oder beim gemeinsamen Kuchenessen in der Pause ist aber trotzdem Zeit, um miteinander zu sprechen", erklärt Matthias Engelter.

Auf die Frage, wie man zukünftig weitere Wahlhelfer und Wahlhelferinnen gewinnen könnte, haben beide eine Antwort parat. "'Wahlhelfer' finde ich einen sperrigen Namen. Hieran könnte man etwas ändern", schlägt Tabea vor. Vater Matthias ergänzt: "Bei Infoveranstaltungen an Schulen könnte man junge Leute für die Aufgabe begeistern." Dabei rühren die beiden auch in der eigenen Familie bereits die Werbetrommel. Zukünftig könnten sie es sich auch gut vorstellen, sich zu dritt als Wahlhelfer zu engagieren - sobald Bruder Finn 18 Jahre alt ist.
 
Wahlhelfer Tabea und Matthias EngelterTabea und Matthias Engelter sind gemeinsam als Wahlhelfer aktiv. Foto: Stadt Stuttgart

Hobby für Paare

"Das könnte doch ein tolles Hobby für Paare sein", schlägt Jan Plavec schmunzelnd vor. Gemeinsam mit seiner Frau, Nina Möhrle, ist der 33-Jährige in diesem Jahr als Wahlhelfer im Stuttgarter Westen im Einsatz. Während Nina Möhrle bereits eine erfahrene Wahlhelferin ist, gibt der Journalist in diesem Jahr sein Debüt.

Bereits 2009 begann die Politikwissenschaftlerin sich bei Wahlen zu engagieren. "Das ist auf jeden Fall ein guter Einstieg in die Politik!", sind sich beide einig. Vor allem wahlmüde Jugendliche könne man mit einem Einsatz an der Urne sicher an das Thema heranführen. "Man lernt, dass Nicht-Wählen keine Option ist", so Plavec, der sich, wie Nina Möhrle, auch privat viel mit Politik auseinandersetzt. So lernte sich das Paar in der Baden-Württembergischen Landesvertretung in Brüssel kennen. Beide waren in der EU-Hauptstadt als Praktikanten angestellt.

"Die Stimmung im Wahlbüro ist auch immer gut", erinnert sich Nina Möhrle an die vergangenen Wahljahre zurück. "Die Leute freuen sich über die Wahl. Sie haben das Gefühl, dass sie wichtig sind und ihre Meinung ernst genommen wird." Zudem sei es als Wahlhelfer sehr interessant, zu beobachten, wer alles wählen gehe und wie skurril sich der eine oder andere Wählende doch verhalte.

Ihren Einsatz bei der Bundestagswahl sehen beide als kleinen Beitrag für Gesellschaft und Demokratie. "Denn gerade letztere ist nicht so selbstverständlich, wie man meinen könnte", sagt Jan Plavec.
 
Wahlhelfer Jan Plavec und Nina MöhrleFür Nina Möhrle und Jan Plavec ist Demokratie keine Selbstverständlichkeit. Foto: Stadt Stuttgart

Donnerstag, 07.09.2017