Gedichte von Christiane Heidrich (1. Preis beim Jugend-Lyrikpreis 2012)

zungenstaub

wortkaskaden bröckeln sonst
durch satzleere schweigelücken

wir sprachen wir weinten wir schrieen
intensitätssuche im gefühlsghetto
wir haben nichts gefunden
wir haben nie gefunden
und nur deshalb gesucht

satzruinen tropfen von
herbstspröden lippen

animationsschrott gegen alltagsverlärmung
täuschten uns fünf sekunden warme welt vor
manchmal war da jazz und soul
und kaffee als nachtwaffe
manchmal waren wir frei
bauten uns wortquadrate
ohne traumgift

doch im sechsuhrzwölfundgleichaufwachen
ist nichts geblieben
außer halbschlafblicke am ende der nachtallee
und montagsstille

weiter draußen: mein zimmer

hand über hand fühlte ich fremdwelten kratzte an
himmeldecken und pflückte sternfrüchte im traurigen herbst.

die blätterdächer und waldwände waren mein raum
der raum war nichts als ich: schlicht und symmetrieverlassen.

fuß über fuß lief ich durch flussbetten schälte
trapetenrinde von baumhäusern und wischte blütenstaub

der klangteppich und die tonfliesen waren mein boden
der boden war nichts als zeit: weit und gegenwartsflüchtig

kopf über kopf ließ ich fiktionen in stadtrandecken
öffnete nebelfenster im nachtwanken und saß auf lichtstühlen

das windheulen und luftzittern waren die angst
die angst war nichts als natur: fragil und zivilisationsfrei

blick über blick sah ich mein leben hörte noch lange
die heisere stille als mein zimmer am abend allein blieb