Gedichte von Lydia Abrell (3. Preis beim Jugend-Lyrikpreis 2012)

Vom Aufbrechen

Brechen ist herzlos, Brechen ist gemein.
Brechen ist Versprechen brechen und gebrochen sein.
Einer bricht den Willen, ein anderer ein Herz,
Vertrags- und Regel-, Knochenbrüche
Bringen nichts als Schmerz.

Doch was, wenn man das Brechen bräche und es so zum Aufbruch brächte.

Freude kann ausbrechen ohne zu schmerzen
Und auch Brot brechen tut nicht weh.
Meistens ist Aufbruch Erfüllung im Herzen,
obwohl ich das meistens erst hinterher seh.

Das Schloss, das einen Schatz bewacht, muss aufgebrochen werden.
Damit was Neues wachsen kann, muss Altes manchmal sterben.
Brich an du schönes Morgenlicht, brich an du schöner Schein.
Nur wer bereit zum Aufbruch ist, kann wirklich glücklich sein.

Aufbrechen, losgehen, loslassen, weiterkommen,
stehen bleiben -
sich im Kreise drehen, rückwärtsgehen und wieder aufbrechen.

Und: Wer nicht aufbricht, bricht vielleicht
in sich
zusammen.

Der Wiedehopf

Es lebte einst der Wiedehopf
Mit spitzen Schnabel, hohem Schopf
Im schönen Baden-Württemberg,
gleich neben dem Atomkraftwerk.

Er lebte dort mit seinem Sohn
Und täglich fraß er frischen Strom.
Der mundete ihm gar viel mehr,
als Schnecke, Wurm und Heidelbeer.

So hungerte er dort fast nie
Und tankte ständig Energie,
die dort als Abfall ausgegeben,
und konnte so recht günstig leben.

Er lebte heiter, glücklich, froh,
bis eines Tages, einfach so,
sein stetes Glück sich plötzlich wendete-
und er am Schluss verstrahlt verendete.

Und die Moral von der Geschicht:
Atomkraftwerke sind nicht dicht