SEE: Energiebilanz Stuttgart

Vom Kraftwerk bis in die Steckdose

"Strom? - Den bekomme ich direkt aus der Steckdose.
Benzin fürs Auto? - Da geh ich an die Tankstelle.
Wenn es in meiner Wohnung kalt ist? - Dann drehe ich halt die Heizung auf".

So einfach und alltäglich kann das Thema Energie aus Sicht des einzelnen Stuttgarter Einwohners sein. Stellt man sich jedoch die Fragen, wie und wo diese Energie entsteht, welche Energieträger dafür eingesetzt werden und wie Strom & Co. zu uns gelangen, dann lässt sich schnell erahnen, dass ein sehr komplexes Energiesystem dahinter steckt. Beim Blick auf die Gesamtstadt ergibt sich ein wahres Geflecht von Energieflüssen und Umwandlungsprozessen, welches nur schwierig zu durchschauen ist. Es reicht von der Gewinnung und Einfuhr von Energieträgern, den Umwandlungsprozessen in Kraftwerken sowie der Verteilung über Energietrassen bis hin zur Übergabe am Hausanschluss oder an der Zapfsäule.

Um das Energiesystem Stadt in seiner Komplexität zu verstehen, wurde im Rahmen des Forschungsprojekts SEE basierend auf Energiedaten der Netz- und Kraftwerksbetreiber, statistischen Werten und Berechnungsmodellen eine Energiebilanz für die Gesamtstadt Stuttgart erstellt. Betrachtet wurden sämtliche Energieflüsse, die ihren Ausgangs- oder Zielpunkt innerhalb der Stadtgrenzen Stuttgarts haben. Reine Transittrassen, wie Autobahnen, Pipelines oder schienengebundene Fernverkehrswege sind in der Betrachtung ausgenommen.

Energiebilanz Stuttgart für das Jahr 2012Vergrößern
Energiebilanz Stuttgart für das Jahr 2012 in GWh. Grafik: Fraunhofer IBP

Haushalte und Industrie sind größte Verbraucher

Das Basisjahr für die energetische Bilanzierung ist 2008; eine Fortschreibung der Energiebilanz erfolgt im 2-Jahres-Rhythmus. Die aktuelle Energiebilanz aus dem Jahr 2012 weist einen Endenergieverbrauch (das ist die Energie, die dem Verbraucher zur Verfügung steht, siehe Glossar) in den Verbrauchssektoren Haushalte, Gewerbe, Handel, Dienstleitung (GHD), Industrie und Verkehr von 13.000 Gigawattstunden (GWh) aus. Der Großteil dieses Verbrauchs wird mit zwei Dritteln von den beiden Sektoren Haushalte und Industrie verursacht. Die städtischen Liegenschaften haben einen Anteil von 4 Prozent am Gesamtenergieverbrauch im Stadtgebiet.

Endenergieverbrauch für das Jahr 2012 nach SektorenVergrößern
Endenergieverbrauch für das Jahr 2012 nach Sektoren. Grafik: Fraunhofer IBP
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Entwicklung des Endenergieverbrauchs in GWh. Grafik: Fraunhofer IBP

Mehr als die Hälfte ist Strom

Wird das Energieaufkommen vor den Umwandlungsprozessen und die Verluste und Energieaufwendungen zur Bereitstellung der Endenergie in den Verbrauchssektoren berücksichtigt, so ergibt sich für das Jahr 2012 ein Primärenergieeinsatz (siehe Glossar) für die Stadt Stuttgart von 18.900 GWh. Mehr als die Hälfte dieses Primärenergieeinsatzes entfällt auf die Bereitstellung von Strom.

Gegenüber dem Endenergieverbrauch im Jahr 1990, der im Rahmen des Klimaschutzkonzepts Stuttgart (KLIKS) erfasst wurde, konnten bis 2012 rund 7 Prozent eingespart werden. Um das politische Ziel einer Reduktion des Energieverbrauchs von 20 Prozent in 2020 gegenüber 1990 zu erreichen, wie es im Konvent der BürgermeisterInnen beschlossen wurde, muss der Verbrauch ab 2012 jährlich um ca. 1,6 Prozent gesenkt werden. Werden die klimabereinigten Verbrauchswerte der letzten Jahre betrachtet, kann dieses Vorhaben als ambitioniert aber dennoch realisierbar angesehen werden.

Der Primärenergieverbrauch Stuttgarts reduzierte sich im Vergleich zum Jahr 1990 bereits um mehr als 14 Prozent. Dies resultiert vorallem aus Effizienzsteigerungen und dem stetig steigenden Anteil erneuerbarer Energien an der Strom- und Wärmeerzeugung.

Zum besseren Verständnis - Glossar

  • Endenergie: Energie, die den Endverbraucher erreicht, z. B. in Form von Treib- und Brennstoffen oder Strom. Sie ist der Teil der Primärenergie, der nach Transport- und Umwandlungsverlusten dem Verbraucher zur Verfügung steht.
     
  • Gigawattstunde: Eine Gigawattstunde Wärme entspricht dem Energiegehalt von ca. 100.000 l Heizöl. Mit einer Gigawattstunde kann der Jahresstromverbrauch von etwa 285 durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalten gedeckt werden.
     
  • Primärenergie: Darunter sind natürlich vorkommende Energieträger zu verstehen. Sie werden unterschieden nach fossilen Brennstoffen (Steinkohle, Braunkohle, Erdöl, Erdgas etc.), Kernbrennstoffen (Uran, Thorium) und regenerativen Energiequellen (Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und Biomasse).
     
  • Primärenergiebedarf: Unter Primärenergiebedarf wird im Allgemeinen der nicht erneuerbare Anteil des Energiegehalts eines Energieträgers inklusive des nicht erneuerbaren Anteils am Energieverbrauch für Gewinnung, Transport und Weiterverarbeitung des Energieträgers verstanden. Während erneuerbare Energiequellen keinen oder einen sehr geringen nicht erneuerbaren Anteil enthalten, liegt der nicht erneuerbare Anteil bei fossilen Energieträgern bei nahezu 100 Prozent. Unter Berücksichtigung der zusätzlichen Energiemenge für die Bereitstellung eines Energieträgers (z. B. die Menge an Energie, die nötig ist um Steinkohle von A nach B zu transportieren) ergibt sich für fossile Brennstoffe ein Primärenergiebedarf der größer ist als der eigentliche Energiegehalt des Energieträgers. Ausgedrückt wird dieses Verhältnis mittels Primärenergiefaktoren. Die Primärenergiefaktoren liegen im Bereich zwischen 0 für Wind- und Solarenergie und 1,2 für Braunkohle..