Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis - Preisträger 2013

Am 20. April 2013 wurde im Theaterhaus der neu konzipierte Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis verliehen. Je fünf Tanz- und Theaterstücke aus der freie Szene Baden-Württembergs waren für die fünf Auszeichnungen in Höhe von insgesamt 21.000 Euro nominiert. Die beiden Hauptpreise zu jeweils 6.000 Euro gingen in der Kategorie Schauspiel/Performance an "Das Stueck" (Intervention) von Herbordt/Mohren (Stuttgart) und in der Kategorie Tanz an Aloun Marchal, Roger Sala Reyner, Simon Tanguy für "Gerro, Minos & Him", koproduziert von zeitraumexit e.V. Mannheim.

Plakat Tanz- und Theaterpreis 2013Vergrößern
Copright: Theaterhaus

Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis (6.000 Euro) in der Kategorie Schauspiel/Performance

Herbordt/Mohren (Stuttgart) mit "Das Stueck (Intervention)"

Aus der Begründung der Jury:
"Wir sind gekommen, um das Das Stueck (Intervention) vom Künstlerpaar Herbordt/Mohren zu sehen. Der Schauplatz der Handlung, den wir nur in kleinen Gruppen und zögerlich betreten, ist die Bühne selbst. Ah, denken wir, das kennen wir: Die Zuschauer sollen sich unter die Akteure mischen oder umgekehrt. Es geht um Tuchfühlung, aber womit? Die erste Kontaktaufnahme erfolgt mit dem Künstlerpaar höchstselbst, das uns mit MP3-Playern ausstattet, technische Anweisungen erteilt und uns freundlich lächelnd auf die Bühne schickt. Ein seitenstarkes Konvolut, selbst "Das Stueck" genannt und uns im praktischen Stoffbeutel als weiteres Requisit mit an die Hand gegeben, dient im folgenden als Vor-Schrift und Begleittext. Und während wir im "Stueck" blättern und dabei den Klängen, Informationen und Handlungsvorschlägen auf unseren Kopfhörern lauschen, gerät das Jahrtausende alte Kulturphänomen "Theater" auf rätselhafte Weise in Bewegung, verflüchtigt sich zwischen und inmitten all der Anwesenden, um sich zugleich, wie eine Ahnung, erneut, vielleicht aber auch zum allerersten Mal, zu etablieren, einzustellen, uns zuzugesellen.
Die Bedingungen, unter den all dies geschieht, sind dramatisch: 8 Minuten und 31 Sekunden Sonnenlicht wären es, die uns letztmalig bleiben, sollte die Sonne jetzt, in diesem Augenblick erlöschen. Ein letztes Mal 8 Minuten und 31 Sekunden Sonnenlicht, um zu lesen, zu beobachten und zu hören und um von einer (vielleicht sogar nur angenommenen) Wahrnehmung aus für einen Moment, in den unerforschten Spielraum einer "unbestimmten Zukunft" hinein, eine Welt, eine Gesellschaft, ein Stueck Theater neu zu konstruieren, neu zu konstituieren."

Herbordt/Mohren: Das Stück (Intervention) Gewinner des Stuttgarter Tanz- und Theaterpreises 2013Vergrößern
Herbordt/Mohren: Das Stück (Intervention). Foto: Rene Liebert

Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis (6.000 Euro), Kategorie Tanz

Aloun Marchal, Roger Sala Reyner, Simon Tanguy mit "Gerro, Minos & Him", produziert von zeitraumexit e.V. Mannheim, Het Veem Theater Amsterdam, Musée de la danse /CCNRB

Aus der Begründung der Jury:
"Durch einen Dschungel wahlloser, unkonkreter, fahriger Bewegungen rollen und zappeln drei junge Männer, jeder bekleidet mit nichts als einem verschmutzten Hemdchen von genau der richtigen Länge. Sie führen vor, dass wir uns doch noch nicht vom Neandertaler entfernt haben. Wenn wir nicht jagen oder sammeln, tollen wir herum, ärgern uns gegenseitig oder beschnüffeln uns. Der Auswilderung entspricht eine anarchistische Arbeitsweise, die sehr folgerichtig eingelöst wird. Konsequent bleiben die drei Performer bei ihren zufällig wirkenden Choreographie- und Bewegungselementen, die in seltsamer Weise an einen Urzustand erinnern. In den zahlreichen Facetten ihrer Beziehungen begrenzen sie sich ausschließlich auf den Körper und seine lautlichen Äußerungen. Sie bespaßen mit einer beeindruckenden Präsenz sich und somit auch das Publikum bis zum als Schaukampf inszenierten Schlussapplaus.
Wir überreichen den Tanzpreis - und hoffen, dass die drei sich nicht darum prügeln werden."

Gerro, Minus & Him. Gewinner Stuttgarter Tanz-und Theaterpreis 2013 (Kategorie Tanz)Vergrößern
Aloun Marchal, Roger Sala Reyner, Simon Tanguy: Gerro, Minus & Him. Foto: Peter Empl

Sonderpreis für eine herausragende künstlerische Leistung (4.000 Euro)

snap deluxe mit twilight/echo (Freiburg) - für das Zusammenwirken von Musik, Bühne und Licht

Aus der Begründung der Jury:

"Wir haben uns entschlossen, den Sonderpreis für eine herausragende künstlerische Leistung in einer Kategorie zu vergeben, die es gängigerweise so noch gar nicht gibt, nämlich: Atmosphäre. Das Zusammenspiel von Soundcollage, Raumkonzept, Bühne und Licht in der Produktion twilight/echo fanden wir herausragend in der Art, wie hier souverän und gleichzeitig subtil eine Stimmung erzeugt wird, die den Abend ganz wesentlich trägt. Daher freuen wir uns, diesen Preis an das Team Jens Dreske und Tom Schneider zu vergeben, die für Musik, Bühne und Licht der Produktion verantwortlich zeichnen. Das ist natürlich eine uralte Wahrheit der Darstellenden Kunst, nämlich dass jede Aufführung aus dem Zusammenspiel aller beteiligten Elemente besteht und keines isoliert bestehen kann. Der Rollrasen alleine ist es also nicht. Dreske und Schneider setzen nicht auf große Effekte sondern konzentrieren sich ganz auf die Herstellung einer atmosphärischen Geschlossenheit, die in der Inszenierung dann nach und nach verunsichert und aufgelöst wird. So schaffen sie es, ihr Thema und auch die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Vorbild nicht nur über den Tanz oder die Sprache, sondern primär über Raumarrangements eindrucksvoll zu bearbeiten. Bis hin zur Öffnung der Bühne hin zum Zuschauerraum und das Hineinnehmen der Zuschauer in diese Atmosphäre. So wächst der akkurat in Quadraten ausgelegte Rollrasen über die Rampe hinaus, wird das Theater zum Garten, dessen Geräusche, Gerüche und Gestalten sich in Geisterstimmen verwandeln."

snap deluxe: twilight/echo (Freiburg): Sonderpreis Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis 2013Vergrößern
snap deluxe: twilight/echo

Publikumspreis (3.000 Euro) und Sonderpreis für eine außergewöhnliche darstellerische Leistung (2.000 Euro)

Sudermann & Söderberg mit "A Talk", produziert von zeitraumexit e.V. Mannheim, FFT Düsseldorf, Het Veem Theater Amsterdam

Aus der Begründung der Jury:
"Es ist sehr tröstlich zu wissen, dass es mir jetzt, da ich (hier zu Ihnen) spreche, im Kern so gar nicht um die Inhalte meiner Rede geht! Seit vergangenen Mittwoch weiß ich: Auch diese Gelegenheit nutze ich schamlos aus, um mit kleinen Melodie- und Rhythmusfragmenten mich, mein Stammhirn oder was auch immer in mir zu stimulieren und auf sehr reizvolle Weise bei Laune zu halten. Alma Söderberg und Jolika Sudermann alias Sudermann & Söderberg haben sich die Mühe gemacht, dem musikalisch-choreographischen Anteil unseres Sprechens einer obsessiven Analyse zu unterziehen. Und sie tun dies mit einer charmanten Meisterschaft und souveränen Beherrschung ihrer Mittel, die gleichermaßen erstaunt wie beschwingt. Bis ins letzte mikro-rhythmische Detail eignen sie sich unsere Alltagssprache an, so dass sie sich im Duett vortrefflich wiedergeben, sprechen, singen, klatschen, stampfen, ja sogar tanzen lässt. Ein geradezu traumwandlerisches Aufeinanderhören und Achten zeichnet die Arbeit von Sudermann & Söderberg aus, ohne dass sie die Mühe und Intensität dieses Zusammenspiels negiert. Das beseelte Lächeln, das die beiden Akteurinnen ihrem Gästen dabei auf die Gesichter zaubern, erzählt von jener tief empfundenen Einwilligung, die beim Zuhören entsteht, wenn sich das Sprechen auf diese Weise endlich einmal ganz von der Last des Sinns befreit. Wir wissen nun: Wenn ich zukünftig mal wieder mehr Ähhs als Worte in einem Satz unterbringe, auf Verben verzichte oder gar halbe Sätze unvollendet im Raum stehen lasse: Alles Absicht!"

Sudermann & Söderberg: A Talk, Publikumspreis und Sonderpreis beim Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis 2013Vergrößern
Sudermann & Söderberg: A Talk

Die Preis-Jury

  • Marcus Droß, Programmdramaturg am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt und im Leitungsteam des Hauses
  • Karin Kirchhoff, Kuratorin des Festivals "Tanz! Heilbronn" am Theater Heilbronn, Gastdozentin am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin, an der UdK Berlin und der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel
  • Rüdiger Meyke, Theaterreferent im Stuttgarter Kulturamt, für die Tanz- und Theaterszene zuständig
  • Tom Mustroph, freier Autor und freier Dramaturg, Berlin und Palermo
  • Jan-Philipp Possmann, Dramaturg und Produzent, Mannheim
  • Bettina Sluzalek, Dramaturgin und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Radialsystem V., Leiterin des Mentorenprogramms des Performing Arts Programm des LAFT Berlin
  • Verena Weiss, Tänzerin, Choreografin und Regisseurin, Professorin für Körperarbeit an der Hochschule für Darstellende Kunst Stuttgart

Die nominierten Produktionen

  • Aloun Marchal, Roger Sala Reyner, Simon Tanguy mit "Gerro, Minos & Him", produziert von zeitraumexit e.V. Mannheim, Het Veem Theater Amsterdam, Musée de la danse /CCNRB
  • meinhardt & krauss (Stuttgart) mit "R.O.O.M."
  • Herbordt/Mohren (Stuttgart) mit "Das Stueck" (Intervention)
  • eva baumann tanz/produktionen (Stuttgart) mit "solitaire - ein Solo über das Solo"
  • backsteinhaus produktion / Nicki Liszta & Co (Stuttgart) mit "Superbia"
  • Sudermann & Söderberg mit "A Talk", produziert von zeitraumexit e.V. Mannheim, FFT Düsseldorf, Het Veem Theater Amsterdam
  • La-Trottier Dance Company (Mannheim) mit "Chaos"
  • Cargo-Theater (Freiburg) mit "Das finstere Tal"
  • snap deluxe (Freiburg) mit "twilight/echo"
  • THEATER-PROJEKT STUTTGART 22  - STÜCKE (Stuttgart) mit "Buntschatten und Fledermäuse" 

Die Auswahl-Jury

  • Annette Hoffmann, freie Journalistin, Freiburg
  • Ralf-Carl Langhals, Schauspiel- und Tanzredakteur, Mannheimer Morgen
  • Sonia Santiago, Trainerin und Choreographin, Saarbrücken, Hannover und Stuttgart
  • Frederik Zeugke, Dramaturg Staatstheater Stuttgart & Dozent für Dramaturgie und Theatertheorien an die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart