Unter welchen Bedingungen unserer Kleidung entsteht

Auf der ersten Informationsveranstaltung der Fair-Trade-Stadt Stuttgart im Stuttgarter Rathaus haben am 21. November 2013 zwei Frauen aus Indien über unmenschliche Arbeitsbedingungen in der dortigen Textilindustrie berichtet.

Das Treffen wurde vom Weltladen Gablenberg und von der Kampagne für saubere Kleidung organisiert. Bürgermeister Werner Wölfle, zuständig für die Fairtrade-Stadt Stuttgart, begrüßte die Teilnehmer.

Nach Information von Anita Cheria, einer indischen Journalistin, arbeiten 500.000 Textilarbeiterinnen in Bangalore 12 Stunden täglich für durchschnittlich 53 Euro im Monat. Dabei wären mindestens 143 Euro notwendig, um das Überleben einer Familie zu sichern.

Krankentage werden nicht bezahlt und sobald Frauen versuchen sich gewerkschaftlich zu organisieren, werden sie sofort entlassen. Übergriffe, auch sexuelle, durch die Vorarbeiter sind an der Tagesordnung.

Falsche Versprechen

Besonderen Eindruck hinterließ Maheshwari Murugan. Sie hat drei Jahre in einer Spinnerei in Tamil Nadu gearbeitet. Dort herrscht ein System der Sklaverei, genannt Sumangali.

Mädchen aus ärmlichsten Verhältnissen werden im Alter von 13 bis 14 Jahren aus ihren Familien weggelockt mit dem Versprechen, sich innerhalb von vier Jahren die Mitgift von zirka 500 Euro für ihre Hochzeit verdienen zu können. Daher der Name: Sumangali, dies bedeutet glückliche Braut.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Mädchen sind auf dem Fabrikgelände zwangskaserniert; nach 12 bis 16 Stunden Arbeit an sechs Tagen pro Woche schlafen sie zu zehnt in einem Raum auf dem Fußboden. Die sanitären Anlagen sind mangelhaft, diese Unterkünfte müssen die Mädchen bezahlen. Sie bekommen weniger als den in Tamil Nadu vorgeschriebenen Mindestlohn von drei Euro am Tag.

Viele sterben

Die versprochene Abfindung erhalten höchstens ein Prozent der Sklavenarbeiterinnen, weil viele unter Vorwänden vor Ende der vereinbarten Zeit entlassen werden oder an Durchfallerkrankungen oder anderen Krankheiten sterben, die aufgrund der unzureichenden hygienischen Bedingungen und der gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen verbreitet sind.

Anita Cheria und Maheshwari Murugan verbinden mit ihrem Aufenthalt in Deutschland die Hoffnung, dass auch hier die Menschen das Anliegen der indischen Textilarbeiterinnen aufgreifen. Dazu gehören in erster Linie: die Abschaffung der Kinderarbeit, ein Existenz sichernder Mindestlohn von 154 Euro im Monat sowie Gewerkschaftsfreiheit in den Fabriken.

Verantwortung übernehmen

Diese Forderungen wären sogar zu erfüllen ohne dass Kleidung teurer werden müsste. Nur ein Prozent des Preises jedes verkauften Kleidungsstücks erhalten die Produzentinnen.

Weit über 50 Prozent geht in Ladenmieten, Reklame und Gewinne hierzulande. Bürgermeister Werner Wölfle: "Wir haben als Konsumenten, aber auch als öffentliche Hand Verantwortung dafür was wir kaufen, um damit für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen zu sorgen."

Mehr Interesse wecken

Ein großes Hindernis auf diesem Weg, das ergab die Diskussion, an der auch der Betriebsratsvorsitzende von h & m Stuttgart, Rafael Mota-Machado teilnahm, ist die Gleichgültigkeit hierzulande, sowohl auf der Ebene der Unternehmensführung als auch bei den Kundinnen.

Eine Mitarbeiterin eines hiesigen Textileinzelhändlers erzählte von nur ein oder zwei Nachfragen durch Kundinnen in 15 Jahren, wo und wie das Kleidungsstück hergestellt worden sei. Es bleibt also noch viel Aufklärungsarbeit für den Fairen Handel und viel Handlungsbedarf, sowohl für die Konsumenten als auch für die Fair-Trade-Stadt Stuttgart.