2014 - Cotta-Literaturpreisträgerin Ulrike Edschmid

Ulrike Edschmid, geboren 1940 in Berlin, wuchs in der Rhön auf, in einer hessischen Burgruine, wohin ihre Mutter geflohen war. Sie studierte Literatur- und Erziehungswissenschaft in Frankfurt am Main, wechselte später zur Film- und Fernsehakademie in Berlin, arbeitete danach eine kurze Zeit im Schuldienst.

Zu schreiben begann sie 1990 mit einer Selbstermunterung "Diesseits des Schreibtischs. Lebensgeschichten von Frauen schreibender Männer", um alsbald jenseits des Schreibtisches weiter zu denken. "Verletzte Grenzen" überliefert das politische Schicksal von Lotte Fürnberg und Monica Huchel aus der DDR in langen Interviews. Auch das 1996 veröffentlichte Buch "Frau mit Waffe" galt weiblichen Aktivistinnen - Astrid Proll und Katherina de Fries.

Ende der 1990er Jahre setzte Ulrike Edschmid ihrem Schwiegervater Kasimir Edschmid und seiner Geliebten Erna Pinner, einem Traumpaar der zwanziger Jahre, ein Denkmal in Briefen. Eine Art Paarbiographie ist auch die surreale Erzählung "Nach dem Gewitter" (2003) über anonyme Hochzeitsfotos. Der Roman "Die Liebhaber meiner Mutter" von 2006 wurde schließlich ein vielfach gelobter autobiographischer Text, der die romantische Burg, die lebensfrohe Mutter, die Menschen in der Rhön, mit genauer Sympathie zeichnete.

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© Sebastian Edschmid/Suhrkamp Verlag

Begründung der Jury

"Das Verschwinden des Philip S." ist Ulrike Edschmids erste Biographie über eine männliche Figur aus dem RAF Milieu. Eine hoch konzentrierte Trauerarbeit nach vierzig Jahren, die Beschwörung eines sehr geliebten Studenten an der neuen Berliner Filmakademie. Philip S., ein Elegant aus wohlhabender Züricher Familie, beginnt als Ästhet, radikalisiert sich mit der Bewegung 2. Juni, taucht unter, verlangt und erhält lange Zeit weiter Hilfe, wird aber 1975 in Köln von der Polizei erschossen.

Mit Präzision und Sinn für Dramatik, wie auch fürs lebendige Detail, ist diese Geschichte recherchiert; jeder Satz, jede Einstellung verrät überragend stilistische, bei aller Spannung nahezu altmeisterliche Umsicht der Komposition. Ist es ein heroisches Porträt, findet Verklärung statt? Was dieses sichtlich autobiographische Stück von anderen 68er Erinnerungen unterscheidet, ist der Roman darin - Roman verstanden als Liebesvorrang in den Wirren der Politik. Das Ich und das Du der beiden eint zuletzt weniger eine Räuber- als vielmehr eine Kindesliebe. Philip S. liebt das Kind der Icherzählerin aus erster Ehe, bezaubernd im Rückblick. Doch hält ihn diese Liebe nicht unter Bürgern, während die Liebe der Mutter zum Kind sie in der Oberwelt festhält. Vielleicht ein Klischee, doch als Bewährungsprobe der Existenz niemals zu überschätzen.