Gedichte von Andrea Friedel (3. Preis beim Jugend-Lyrik-Wettbewerb 2014, Altersklasse 13 bis 20 Jahre)

Damals im Oktober

Ich habe kein Zuhause mehr.
Hinter meinen Fenstern: Filigraner Nieselregen -
Hinter deinen auch.
Ich frage dich: was ist das?
Du sagst: Die sterbenden Tiere haben Durst.
Sterbende Marienkäfer auf den Fensterscheiben und auf meinem linken Daumen -
Sie sind ranzig - alle beide.
Meine Wimpern scheinen abzufallen - du reißt sie langsam aus.
Sie sind träge und schwer & Zeit ist träge und schwer.
Du sagst: Nur das Nichts bleibt für immer - und lachst.
Du lachst, lächelst,
deine Fingerkuppe an
meiner Fingerkuppe -
Berührung am traurig hin gekleckerten Kindermund.
Herausgerissener Moment:
Du und Rauch und Musik und Gedanken und nervöses Wippen meines linken Bein.
Gestern habe ich versprochen mit dem Lieben aufzuhören - ich muss gehen.
Vor unseren Fenstern liegen jetzt die trocknen Särge -
Ich habe kein Zuhause mehr.

liebes weltall

ich bin ein mensch der nacht, jemand, der den mond fallen sieht und ihn nicht fängt.
der morgen beginnt: ich schlafe im trostlosen schlaf und
menschengelächter schneidet mich mitten hin-
durch und eure worte entzwei in
etwas, das durch das etwas stolpert und fällt und stolpert und fällt
die ganze zeit, merkt ihr das?

das scharfe, blanke fleischermesser -

mein trostloser tagtraum.
träge wegzeihend über den tag wie suchende morgenvögel und eure
brandlöcher im blick und

Schnitt

manchmal wache ich auf -
dornröschenkuss nach 100 jahren,
die hoheit erwacht,
die fleigen an den wänden kriechen weiter, aber
ich bin ein nachtmensch, jemand, der den mond fallen lässt, die
spitzen der dornranken injizieren schlaf - immer und immer und immer
und vielleicht ist es okay, vielleicht ist es wirklich immer okay, solange ich ab und zu noch
aufwache