Hegel-Preis 2015 - Prof. Dr. Michael Theunissen

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat den mit 12.000 Euro dotierten Hegel-Preis 2015 posthum an den Philosophen Prof. Dr. Michael Theunissen verliehen. Die Feier fand am 20. Juli im Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses statt. Prof. Theunissen konnte an der Feier nicht mehr teilnehmen; er ist am 18. April nach langer Krankheit gestorben.

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Prof. Dr. Michael Theunissen (1932-2015). Foto: Gabriele Dommach

Begründung der Jury

Die Jury hat ihre Entscheidung am 23. März 2015 mit der folgenden Begründung getroffen: "Herr Prof. Dr. Michael Theunissen, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin innehatte, darf als einer der radikalsten und scharfsinnigsten Philosophen im Deutschland der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. In seinen zahlreichen Arbeiten zur Philosophie sowohl der Neuzeit als auch der Antike hat er den ehrgeizigen Versuch unternommen, wesentliche Gehalte der christlichen Heilsbotschaft unter Bedingungen des zeitgenössischen Denkens zu reformulieren und für die Absichten einer kritischen Zeitdiagnose fruchtbar zu machen. Im Mittelpunkt dieses über einen Zeitraum von vierzig Jahren hinweg entwickelten Unternehmens stand von Beginn an die Vorstellung, dass der Mensch sein Selbstsein einem Dialog mit Anderen verdankt, der seinerseits angemessen aber nur als Resultat einer vorgängigen Selbstbegrenzung Gottes zur Schaffung eines kommunikativen Gegenübers zu verstehen ist. In der beharrlichen Leugnung der Abhängigkeit von einem solchen Absoluten, das doch gleichzeitig in jeder zwischenmenschlichen Begegnung schon vorausgesetzt ist, erblickt Michael Theunissen den Grund für die Bodenlosigkeit und Zerrissenheit der Moderne. Ihr sich dadurch entgegenzusetzen, dass in der Dekonstruktion aller Metaphysik Raum für den Gedanken einer bevorstehenden Erlösung geschaffen wird, darf als das Hauptanliegen seines umfangreichen Werkes angesehen werden.

In diesem eigenwilligen und tiefgreifenden Unternehmen, das wie kaum ein zweites Hegels Gedanken eines Absoluten kritisch weiterzuentwickeln versucht, erblickt die Jury eine Leistung, die es aufgrund ihrer beeindruckenden Originalität, ihrer zeitdiagnostischen Hellsichtigkeit und ihrer philosophiehistorischen Umsichtigkeit in besonderem Maße verdient, mit dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart ausgezeichnet zu werden."

Biographie

Michael Theunissen wurde am 11. Oktober 1932 in Berlin geboren. Er starb am 18. April 2015 in Berlin. Theunissen studierte Philosophie und Germanistik in Bonn und Freiburg. 1955 wurde er in Freiburg bei Max Müller mit der Arbeit "Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard" promoviert und er habilitierte sich 1964 in Berlin mit "Der Andere: Studien zur Sozialontologie der Gegenwart". Der Wissenschaftler übernahm 1967 eine Philosophie-Professur an der Universität Bern (1967 bis 1971) in der Schweiz und wurde 1971 an die Universität Heidelberg (1971 bis 1980) berufen. Von 1980 an hatte er bis zu seiner Emeritierung 1998 den Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin inne.

Hauptbereiche seiner Forschungen und Publikationen sind die Philosophie Hegels und Kierkegaards, die moderne Sozialphilosophie und Phänomenologie, die Philosophie der Zeit sowie der altgriechische Dichter Pindar und die archaische griechische Lyrik.

"Seine zahlreichen, scharfsinnigen und gelehrten Schriften zur Philosophie der Neuzeit und der Antike haben Michael Theunissen in der Fachwelt zu einem der prominentesten Philosophen der Gegenwart werden lassen", sagt Joachim Ringleben, Systematiker an der Göttinger Theologischen Fakultät, der den Wissenschaftler zugleich als "akademischen Lehrer mit einer ungewöhnlich großen Ausstrahlung" bezeichnet. Für die Theologie und Religionsphilosophie habe Theunissen besondere Bedeutung durch seine Arbeiten zur Ich-Du-Beziehung, zur Offenbarung, zur philosophischen Christologie, zur Verzweiflung und zum Gebet.

Werke (Auswahl)

  • Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard. Freiburg i. Br./München: Verlag Karl Alber 1958 (Symposion 1)
  • Der Andere: Studien zur Sozialontologie der Gegenwart. Berlin: de Gruyter 1965, (2. Aufl.)
  • Gesellschaft und Geschichte: Zur Kritik der kritischen Theorie. Berlin: de Gruyter 1969 (2. Aufl.)
  • Sein und Schein: die kritische Funktion der Hegelschen Logik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978
  • Selbstverwirklichung und Allgemeinheit: zur Kritik des gegenwärtigen Bewusstseins. Berlin; New York: de Gruyter 1982
  • Negative Theologie der Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 938)
  • Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung. Frankfurt am Main: Hain 1991 (Anton Hain; Nr. 14)
  • Der Begriff Verzweiflung: Korrekturen an Kierkegaard. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1062)
  • Pindar: Menschenlos und Wende der Zeit. München: Beck 2000. (3. Aufl. 2008)
  • Reichweite und Grenzen der Erinnerung, Tübingen: Mohr Siebeck 2001.
  • Schicksal in Antike und Moderne (Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am 17. Mai 2004). München: Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung 2004

Preise (Auswahl)

  • 2001 Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen
  • 2004 Karl-Jaspers-Preis der Stadt Heidelberg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • 2005 Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen

Jury

Der Jury gehörten das Mitglied des Gemeinderates Hans-Peter Ehrlich, Jürgen Sauer, Petra Rühle und Hannes Rockenbauch sowie die Mitglieder der Fachjury Dr. Franziska Augstein (Wissenschaftsjournalistin), Prof. Dr. Axel Honneth (Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung), Prof. Dr. Heinz Schlaffer (Literaturwissenschaftler), Prof. Dr. Michael Stolleis (Jurist) sowie Bürgermeisterin Frau Dr. Susanne Eisenmann und die Leiterin des Kulturamt Dr. Birgit Schneider-Bönninger an.

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