Religion in Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag findet nach 1952, 1969 und 1999 bereits zum 4. Mal in Stuttgart statt. Und wie in den meisten Großstädten gibt es auch in Stuttgart ein Neben- und Miteinander unterschiedlicher Religionen und Glaubensgemeinschaften.

Studie des Statistischen Amtes

Die religiöse "Landschaft" der Stadt Stuttgart hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte grundlegend ge­wandelt. Das Statistische Amt hat den Evangelischen ­Kirchentag jetzt zum Anlass ­genommen, eine neue ­Studie zu erstellen.

Zu den traditionellen Kirchen sind in Folge von Zuwanderung und gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten viele weitere religiöse Institutionen hinzugekommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch weitgehend als evangelische Stadt wahrgenommen, ist Stuttgart heute eine Stadt der religiösen Vielfalt.

Christliche Kirchen haben Mitglieder verloren

Starke Veränderungen gab es vor allem bei der Mitgliederentwicklung der beiden großen christlichen Kirchen: Gehörten um 1900 noch mehr als 80 Prozent der Bevölkerung der evangelischen und weitere 15 Prozent der römisch-katholischen Kirche an, so machen deren Mitglieder ­heute jeweils ein Viertel der Einwohner aus.

Seit Mitte der 1960er-Jahre ist die Zahl der Protestanten und Katholiken zusammen um rund 270 000 zurückgegangen. Damals lebten mehr Protestanten in der Stadt als heute Protestanten und Katholiken zusammengerechnet. Auch der Anteil der Kirchenmitglieder ist deutlich kleiner geworden. 1980 gehörten mehr als drei Viertel der Bevölkerung einer der beiden Kirchen an. Heute ist es nur noch die Hälfte.

Weniger Taufen und Aufnahmen

Für den Rückgang sind neben den Austritten auch demografische Veränderungen verantwortlich, da seit langem mehr Kirchenmitglieder sterben, als durch Taufen und Aufnahmen hinzukommen. Dies gilt insbesondere für die evangelische Kirche, die vergleichsweise viele Mitglieder im ­hohen Lebensalter hat: Mit durchschnittlich 46,9 Jahren sind ihre Angehörigen in Stuttgart älter als die der ­römisch-katholischen Kirche mit durchschnittlich 44 Jahren und deutlich älter als die Einwohner ohne Kirchenmitgliedschaft mit 38,6 Jahren.

Gleichzeitig ist die Zahl der Taufen und Neuaufnahmen durch den Rückgang der Geburtenzahlen sowie die sinkende Taufbereitschaft seit den 1970er-Jahren rückläufig.

Viele Katholiken mit Migrationshintergrund

Die evangelische Kirche verzeichnete ihren höchsten Mitgliederstand in der Stadtgeschichte mit 391 000 bereits Ende der 1950er-Jahre. Die katholische Kirche konnte insbesondere von dem Zuzug der "Gastarbeiter" in den 1950er- und 1960er-Jahren profitieren und erreichte ihr Maximum im Jahr 1971 mit 211 000 Mitgliedern.

Die stärkere Bedeutung der Migration für die katholische Kirche zeigt sich bis heute in einer im Vergleich zur evangelischen Kirche jüngeren Altersstruktur und in höheren ­Anteilen von Zuwanderern. Über 40 Prozent der Stuttgarter ­Katholiken haben einen ­Migrationshintergrund.

Über 200 weltanschauliche Gemeinschaften in Stuttgart

Zum Jahresende 2014 lebten in Stuttgart 155 000 Mitglieder der evangelischen und 142 000 Mitglieder der römisch-katholischen Kirche.
Mehr als 295 000 Einwohner gehören keiner der beiden Kirchen an. Dabei ist diese Gruppe sehr heterogen. Zu ihr zählen zirka 60 000 Muslime, rund 1300 Juden, außerdem orthodoxe Christen, Buddhisten, christliche Freikirchen, weltanschauliche Vereinigungen sowie bekennende Atheisten.

Alles in allem gibt es in Stuttgart aktuell über 200 Kirchengemeinden, Religions­gemeinschaften und weltanschauliche Vereinigungen. Die genaue Quantifizierung sämtlicher Gruppen ist aus den Daten des Einwohnerregisters nicht möglich.

Religiösität oft von Kirche entkoppelt

Nicht nur die Anzahl, auch die Religiosität der Kirchenmitglieder hat sich verändert. So zeigt die Lebensstilbefragung des Statistischen Amts, dass sich weniger als ein Viertel der Katholiken und Protestanten als ziemlich oder sehr religiös bezeichnen. Rund ein Drittel behauptet von sich, gar nicht oder wenig religiös zu sein. Zudem lässt sich eine fortschreitende Entkoppelung von formaler Kirchenmitgliedschaft und persönlicher Religiosität feststellen.