OB: "Wir brauchen eine menschenfreundliche Mobilität"

Fritz Kuhn diskutiert auf dem Kirchentag über "Mobilität 2050: Weichenstellungen"

Zum Thema "Mobilität 2050: Weichenstellungen" hat OB Fritz Kuhn am 4. Juni vor und mit gut 900 Zuhörern im Hallenzelt 12 diskutiert. Kuhns Credo: "Wir brauchen eine menschenfreundliche Mobilität. Wir werden wohl auch 2050 noch Autos haben, aber entscheidend ist deren Qualität und wie wir sie nutzen. Wir müssen den Konflikt zwischen Ökologie und Mobilität lösen. Dafür brauchen wir nicht nur eine neue Technik, sondern wir müssen auch unsere Einstellung ändern. Wir brauchen für die Bürger, und vor allem für Kinder, gefahrlos begehbare Städte."

Mit Fritz Kuhn diskutierten Peter Conradi, Initiative Bürgerbahn statt Börsenbahn, Thomas Kiwitt vom Verband Region Stuttgart, Tina Saum von "flaneur. Labor für gedanken und gänge".

Kirchentag 2015OB Fritz Kuhn hielt einen Vortrag auf dem Kirchentag im Zentrum Mobilität, Energie und Ressourcen. Foto: Lichtgut/Piechowski


"Es ist nicht einfach, die Autowelt in eine Mobilitätswelt zu verwandeln"

In seinem Einführungsvortrag sagte Kuhn: "Es ist nicht einfach, die Autowelt in eine Mobilitätswelt zu verwandeln. Die Wirtschaft in dieser Region lebt vom Auto, der Konflikt zwischen Ökologie und Mobilität ist fast nirgend wo anders so groß wie hier." Und gerade deshalb könne der Wandel nur gelingen zusammen mit den Unternehmen und den Gewerkschaften als den Vertretern der Menschen, die am Auto arbeiten und von ihm leben.

Kuhn nannte in seinem Vortrag eine Reihe von Punkten, die dazu beitragen, unnötige Wege zu reduzieren:

- Die "Trennung der Städte in Arbeiten, Wohnen und Einkaufen" überwinden. "Überall, wo es geht, müssen wir in Stadtvierteln Wohnen und Arbeiten zusammenlegen, damit sparen wir viele Wege."

- Die Außenbezirke dezentral mit Dingen des täglichen Bedarfs versorgen (Bäcker, Mezger, Markt). Aber auch das erfordere ein veränderte Einstellung der Menschen: "Dann muss man auch vor Ort einkaufen und nicht zum Supermarkt auf die grüne Wiese fahren."

- Verkehrsmittel, die nicht auf der Straße fahren, müssen gefördert und ausgebaut werden. Dazu gehören vor allem der Fußgängerverkehr, der Radverkehr und der ÖPNV.

- Die Elektro-Mobilität muss ausgebaut werden, Voraussetzung ist die Speisung aus erneuerbarer Energie.

- Und es bedarf neuer intelligenter Systeme, um Energie zu speichern.

"Ich bin kein pauschaler Autogegner", sagte der OB, "aber trotzdem bin ich der Meinung, wir müssen einen gesellschaftlich verantwortlichen Umgang mit dem Auto pflegen." In der Fragerunde mit dem Publikum sagte Kuhn auf eine Frage hin, der Anteil des Radverkehrs solle bis 2050 von jetzt sieben auf 25 Prozent steigen. "Ich würde mir mehr wünschen, aber wir müssen sehen, woher wir kommen." Er bemerkt bereits einen Wandel in Mentalität: "Es werden immer mehr E-Taxis angemeldet." Einen kostenlosen ÖPNV, wie er gefordert wurde, sieht Kuhn kritisch: "Das würde den städtischen Haushalt gigantisch belasten, und wir könnten ihn nicht mehr ausbauen."

Bei der Diskussion auf dem Podium stimmte Peter Conradi Kuhn zu, dass man Wohnen und Arbeiten zusammenbringen müsse. Ein Beispiel sei die Uni am Pfaffenwald. Während im Hinblick auf Stuttgart 21 kaum Einigkeit zwischen ihm und Kuhn herrschte, lobte er den OB in anderer Hinsicht: "Mit seiner Forderung, den Autoverkehr um 20 Prozent zu reduzieren, hat Fritz Kuhn die Mobilitätsdiskussion in Gang gebracht." Tina Saum setzte sich als Flaneurin dafür ein, die Stadt zu Fuß zu erkunden. "Die Teilnehmer an meinen Führungen gehen mit offenen Sinnen durch die Stadt und lernen sie in ihrer ganzen Komplexität kennen." Das war Wasser auf die Mühlen des OB: "Ich gehe gerne zu Fuß." Sein (Fuß-)Weg zur Arbeit führt über eine der vielen Stuttgarter Staffeln: "16 Minuten runter zum Rathaus, 20 Minuten rauf. Trainingsziel sind auch 16 Minuten."

Thomas Kiwitt sieht die Region Stuttgart auf einem guten Weg, Träger für Innovationen zu sein. "Wer sonst als die Region Stuttgart? Hier ist die größte Konzentration von Knowhow, um einen Technologiewandel zu vollziehen. Sonst sind wir in Gefahr, das nächste Detroit zu werden."

Beim Thema Stuttgart 21 schieden sich zum Teil die Geister. Während Conradi prophezeite, 2025 werde erkennbar sein, dass der Durchgangsbahnhof nicht leistungsfähig genug sei. War dies für Kuhn und Kiwitt eine überholte Debatte - bestehende Verträge müssten eingehalten werden. "Jetzt kommt es darauf an, dass es so schnell wie möglich fertig wird und dass wir in der Bauzeit mobil bleiben. Für die Verkehrsplanung in dem neuen Stadtviertel, dass durch die noch abzuräumenden Gleise frei wird, kann sich der OB vorstellen: "Von außen gut mit dem ÖPNV erreichbar und im Inneren autofrei."

Als Fazit zog Fritz Kuhn: "Wir diskutieren doch letztlich darüber: Wie wollen wir leben, und welche Rolle spielt das Auto dabei!"