125 Jahre Abfallwirtschaft

Es fing 1891 mit einem städtischen Reinigungsunternehmen an. Heute ist die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) ein moderner Dienstleister: Die Mitarbeiter leeren täglich tausende Abfallbehälter, reinigen kilometerweise Straßen und sammeln kostbare Wertstoffe. Jetzt feiert der Eigenbetrieb sein 125-jähriges Jubiläum.

Gerade in Städten ist die Beseitigung von Abfällen kein neues Thema. Schon im Mittelalter hatten die Menschen erkannt: Saubere Straßen und saubere Flüsse sind notwendig für Gesundheit und Lebensqualität. Allerdings änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Art und Weise, wie die Menschen in Europa ihre Städte sauber hielten - sie begannen, die Abfälle koordiniert zu beseitigen, weil die hygienischen Ansprüche stiegen.

Auch in Stuttgart ging die Stadt 1870 neue Wege. Es entstand zunächst nur ein Betrieb, um Fäkalien einheitlich zu sammeln. Allerdings wurde schnell klar, dass die "Latrineninspektion" nicht ausreicht. Weil die Industrialisierung in vollem Gange war und Arbeitskräfte nach Stuttgart strömten, brauchte die Stadt auch eine Lösung für die Abfuhr der Hausabfälle und die Straßenreinigung. Deshalb wurde am 1. April 1891 das "städtische Reinigungsamt" gegründet, in dem sich fortan 72 Mitarbeiter um den Abtransport kümmerten. Hierfür verlangten sie von den Bürgern zum ersten Mal Gebühren, was nicht gleich auf Gegenliebe stieß.

Pferdewagen transportieren Abfälle

Für die Stadtverwaltung begann ein langwieriger Prozess, denn die Voraussetzungen zur Müllbeseitigung waren damals dürftig. Bis 1903 stellten die Bürger in Stuttgart irgendein halbwegs geeignetes Gefäß vor die Tür. Wollten die städtischen Mitarbeiter den Abfall nun mitnehmen, war das meist nicht praktisch, vor allem aber nicht hygenisch. Aus diesem Grund beschloss der Gemeinderat verbindliche Auflagen: die Mülleimer mussten aus Metall sein, mit Anstrich, Handgriff und dicht schließendem Deckel. Abgeholt wurden diese "Kuttereimer" aber weiterhin mit offenen, staubenden Pferdewagen. 1924 schließlich gab es in Stuttgart die ersten drei Müllautos mit Kipp-Funktion und damit die "staubfreie" Abfuhr. Um Krankheiten und Epidemien vorzubeugen, musste der Müll möglichst schnell aus der Stadt.

Entsorgt wurde der Abfall zunächst auf mehreren kleinen Lagerplätzen am Rande der Stadt. Das Wegkippen in Gruben und Löcher war die billigste Art Müll loszuwerden. Doch Stuttgart wuchs und damit auch die Menge an Abfall. Die Stadt brauchte dringend eine zentrale Deponie und erwarb 1903 eine 14 Hektar große Fläche im Erbachtal bei Waiblingen, wo der Müll zum ersten Mal über Förderbänder lief. Die neue Technik machte es zugleich möglich den Müll einfacher nach Wertstoffen zu sortieren. Städtische Mitarbeiter sammelten, oft auch aus der Not heraus, wiederverwertbare Gegenstände wie Blech, Metall, Eisen, Schuhe, Gummi und Lumpen. Es waren erste Ansätze einer Kreislaufwirtschaft, doch der Weg dahin war noch lang.

Aus Abfall wird Wohlstandsmüll

Was Ende des 19. Jahrhunderts zunächst "nur" Abfall war, wuchs bereits Mitte des 20. Jahrhunderts zum Wohlstandsmüll. Die Industrie produzierte immer mehr Einwegverpackungen, Getränkedosen und Plastikprodukte für konsumfreudige Bürger. Schon zur Zeit des "Wirtschaftswunders" in den 1950ern fehlten in Stuttgart Deponieflächen. Die Stadt brauchte deshalb eine platzsparende Entsorgung. Die Lösung: Müllverbrennung. 1965 ging die Abfallverbrennungsanlage Stuttgart-Münster in Betrieb, allein bis 2014 verbrannten dort rund 14,5 Millionen Tonnen Hausmüll.

Die Abfallverbrennung war nur eine Lösung. Die Stadt Stuttgart hatte schon sehr früh damit begonnen, eine Kreislaufwirtschaft einzuführen. Seit 1976 konnten die Bürger zunächst Glas vom Restabfall getrennt entsorgen und ab 1985 dann in weißes, grünes und braunes Glas sortieren. Außerdem gab es 1981 erste Abgabestellen für Altpapier, das seit 1990 flächendeckend in der grünen Tonne landet. Der Gelbe Sack für Verpackungen wurde 1992 eingeführt, der Bioabfall wird seit 1996 über die braune Tonne erfasst.

Coffee to go belastet Umwelt

Die Kreislaufwirtschaft hat den Umgang mit Ressourcen verändert. Wurde der Hausmüll früher einfach in Deponien vergraben, ist er heute ein kostbares Gut - vor allem in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland. Wird Müll verbrannt, entsteht Energie, aus der sich Strom und Fernwärme erzeugen lässt. Und aus organischen Abfällen, die getrennt erfasst werden, lässt sich wertvoller Kompost, Dünger und sauberes Biogas gewinnen. Die Stadtverwaltung hat daher entschieden, diese Produkte künftig zu verwerten. Geplant ist eine Biovergärungsanlage in Zuffenhausen, die voraussichtlich Anfang 2018 in den Probebetrieb geht.

Obwohl sich in den 125 Jahren viel verbessert hat, tauchen auch neue Probleme auf. Wie viele Städte weltweit hat Stuttgart ein Problem mit "Littering". Immer mehr Bürger lassen ihren Müll achtlos auf Straßen und Plätzen liegen: Zigarettenstummel, Kaffee-Becher und Brötchentüten. Besonders der Trend sich schnell etwas unterwegs zu holen - die Verpflegung "To go" - macht viel Müll. Die Folgen: Die Reinigungskosten steigen, das Stadtbild leidet und vor allem die Umwelt wird belastet. Denn Abfall zieht Abfall an.

Die Stadt möchte das Problem in den Griff bekommen. Deshalb hat der Gemeinderat im Jahr 2013 ein Programm verabschiedet, wonach Betreiber von Clubs, Fastfoodläden und Außengastronomie ausreichend Papierkörbe aufstellen sollen. An Brennpunkten beseitigen AWS-Mitarbeiter öfter den Müll, entleeren auch sonntags Papierkörbe und reinigen Grünstreifen häufiger. Die Mitarbeiter informieren zudem Kitas, Schulen und Betriebe, um einen richtigen Umgang mit Müll und Wertstoffen zu fördern. Denn jährlich sammelt die AWS rund 120.000 Tonnen Hausmüll und Gewerbeabfall - vom Fernseher über Kaffekapseln bis Alteisen.

Im Mittelpunkt steht das Recycling

Weil die Vielfalt an Abfallprodukten so zugenommen hat, haben sich auch die Anforderungen an die heute über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Eigenbetriebs stark gewandelt. Noch vor Jahrzehnten ging es in erster Linie um den Abtransport von Müll, heute steht vor allem die Verwertung im Mittelpunkt. Doch nur langsam ändert sich auch das Image der Abfallwirtschaft. Müll und Dreck sind vielen Menschen nach wie vor unangenehm. Um das Bild zu ändern, startete die AWS im Jahr 2010 die Kampagne "Ich mag die Orangen". Dass der städtische Eigenbetrieb gute Arbeit leistet, zeigen seit Jahren die Zertifizierungen von Umweltgutachtern und die Rückmeldungen von Stuttgarter Bürgern. Dieser hohe Standard wird auch in Zukunft beibehalten.

Weitere Informationen:

Broschüre
125 Jahre AWS (PDF)