125 Jahre Tiefbauamt

Als alles anfing waren Mitarbeiter noch mit einfachen Handkarren und Schaufeln unterwegs, heute sind es ganze Teams mit modernen Fahrzeugen und Computern. Seit 125 Jahren kümmert sich das Tiefbauamt um den Untergrund und die Oberfläche von Stuttgart. Die Aufgaben betreffen nahezu jeden Bereich des öffentlichen Lebens: Tunnel, Wege, Kanäle, Straßen, Plätze. Ihre Instandhaltung ist eine Mammutaufgabe.

Es hat sich viel verändert. Das zeigt eindrucksvoll ein Blick ins Jahr 1891. Damals lebten in Stuttgart etwa 150.000 Menschen, in den Straßen brannten Gaslaternen und die Hanglagen waren unbebaut. Württemberg hatte noch einen König und steckte mitten in der Industrialisierung. Fünf Generationen später ist die Welt eine andere - in vielerlei Hinsicht.

In der ersten Zeit nach der Gründung des Tiefbauamts im Jahr 1891 ging es darum zu wachsen. In Stuttgarts engen Talkessel drängten sich immer mehr Menschen und damit stiegen auch die Anforderungen an die Infrastruktur. Die Stadtplaner bauten vor allem Straßen, Abwasserkanäle und Tunnel. Von großer Bedeutung war zu dieser Zeit der Bau des Schwabtunnels, der seit 1896 die Stadtteile im Westen und Süden verbindet und seinerzeit Europas größter Tunnel war.

Eine Stadt wächst über sich hinaus

Das Tiefbauamt kümmerte sich aber nicht nur um klassische Aufgaben. Je größer die Stadt wurde, desto mehr Aufgaben kamen dazu. Das Amt arbeitete Bebauungspläne aus, beaufsichtigte die Straßenbahn, überwachte die städtische Beleuchtung, förderte die Elektrizität und führte die Wasserkraft ein. Manche Aufgabengebiete von damals sind geblieben, andere wurden in eigene Ämter ausgelagert.

Eine Frage beschäftigte die Stadtplaner schon vor 125 Jahren: Wohin mit den Menschen auf so engem Raum? Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren die Flächen im Talkessel knapp. Die Industrialisierung war in vollem Gange und Arbeitskräfte strömten nach Stuttgart. In der Stadtgesellschaft begann eine sehr kontroverse Diskussion darüber, ob die Berghänge bebaut werden sollen. Man einigte sich schließlich darauf, die Häuser und Panoramastraßen möglichst ins Landschaftsbild anzupassen. Es blieb nicht die letzte schwierige Entscheidung.

Mehr Lebensqualität, weniger Funktionalität

Denn Städte stehen nicht still, sie wandeln sich ständig, weil die Gesellschaft sich verändert und somit neue Leitbilder entstehen. Als sich in den 1950er-Jahren immer mehr Menschen ein Auto leisten konnten, mussten die Stadtplaner überlegen, wie sie den Verkehr durch die Innenstadt steuern. Sie bauten deshalb in den Jahrzehnten nach dem Krieg vier mehrspurige Bundesstraßen, die seitdem wegen des engen Talkessels durch die Innenstadt führen. Im Trend lag damals die autogerechte Stadt. Der Blick auf den Menschen ging dabei oft verloren.

Das hat sich inzwischen geändert. Planungsingenieure berichten von einem ideologischen Wandel. Heute geht es um Lebensqualität im Stadtraum. Auch in Stuttgart hat sich hierzu viel getan: Zahlreiche Verkehrsachsen wurden und werden in der Innenstadt zu Fußgängerzonen und Plätzen umgebaut. Straßen und Gleise werden unter die Erde verlegt. Außerdem wird eine nachhaltige Mobilität gefördert. Der Stadtraum soll von allen Verkehrsteilnehmern gleichberechtigt genutzt werden, von Autofahrern, Fußgängern, Radfahrern und Bahnfahrern.

Instandhaltung ist kostenintensiv

Das alles muss täglich geplant und organisiert werden. Viel Zeit in Anspruch nimmt dabei die Instandhaltung der Infrastruktur. Um rund 700 Bauwerke kümmert sich das Tiefbauamt: Tunnel, Brücken, Parkhäuser, Straßen, Kanäle, Kläranlagen, Stützmauern, Wege. Alles muss ständig verfügbar sein und wird deshalb regelmäßig überprüft und wenn nötig verbessert. So erhält die Straßenbeleuchtung eine moderne LED-Technik, der Asphalt bekommt lärmmindernde Beläge, den Verkehr überwachen spezielle Computer. Die Infrastruktur so in Stand zu halten, dass alle möglichst reibungslos funktioniert, ist eine dauerhafte Mammutaufgabe für die 840 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Trotzdem verlieren Stuttgarts Tunnel, Brücken und Straßen an Wert, rund 60 Millionen Euro sind es Jahr für Jahr, wenn man die Kosten für die Herstellung heranzieht. Wird nicht ausreichend in die Infrastruktur investiert, zerbröselt die Substanz immer schneller. Hierbei handelt es sich um kein städtisches Phänomen, auch Bund und Land haben massive Probleme, ihre Infrastruktur in Stand zu halten. Um den Verfall aufzuhalten, ist bundesweit ein gezieltes Management nötig.

Aus Alt mach Neu

Wie der Stadtraum gestaltet werden soll, ist allerdings nicht einfach zu beantworten. Es geht um Geschichte und Zukunft. Das zeigt auch die Entwicklung in Stuttgart, besonders bei Großprojekten, ob in der Vergangenheit bei der Bebauung der Berghänge oder in der Gegenwart bei der Neugestaltung des Rosensteinviertels. Eine Frage taucht immer wieder auf: Was soll entstehen? Die Bedürfnisse in der Stadtgesellschaft sind vielfältig. Mehr als 600.000 Menschen leben inzwischen in Stuttgart. Und die Flächen sind begrenzt. Die Aufgaben beim Tiefbauamt drehen sich daher heute weniger um das Weiterwachsen, als darum das Vorhandene gemeinsam neu zu gestalten. Und das kann nur gelingen, wenn möglichst alle die Entscheidungen mittragen.

Weitere Informationen:

Broschüre

125 Jahre Tiefbauamt (PDF)

Storymap
tiefbauamtmap.stuttgart.de