2017 - Cotta-Literaturpreisträger Peter Stamm

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u. a. in Paris, New York, Berlin und London. Er lebt in Winterthur. Seit 1990 arbeitet Stamm als freier Autor und Journalist. Er schrieb mehrere Hörspiele für Radio DRS1, DRS2, Radio Bremen, den WDR und den Südwest Rundfunk, außerdem Theaterstücke und Beiträge für verschiedene Bücher.

Stamms erster Roman "Agnes" erschien 1998 im Arche Verlag, Zürich und Hamburg. Der selbe Verlag veröffentlichte von Stamm außerdem 1999 die Kurzgeschichtensammlung "Blitzeis", 2001 den Roman "Ungefähre Landschaft" und 2003 Erzählungen unter dem Titel "In fremden Gärten". 2006 erschien im S. Fischer Verlag sein Roman "An einem Tag wie diesem", 2008 die Erzählsammlung "Wir Fliegen", 2009 der Roman "Sieben Jahre" und 2011 die Erzählsammlung "Seerücken". Am 25. Februar 2016 ist Stamms neuer Roman mit dem Titel "Weit über das Land" im S. Fischer Verlag erschienen.

Stamm erhielt 2012 den Bodensee-Literaturpreis und 2014 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.

Peter Stamm, Cotta-Literaturpreisträger 2017Vergrößern
Peter Stamm. Foto: Gaby Gerster

Begründung der Jury

Niemand erzählt so gekonnt von sich auflösenden Beziehungen wie der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. Doch in seinem jüngsten Roman "Weit über das Land" hebt er die Geschichte einer gelingenden Liebe über den stets wachsenden Abgrund hinweg, der ein in die Jahre gekommenes Paar voneinander trennt. Stamms literarische Kunst der Kargheit macht das sinnlose Getriebe sichtbar, an dessen Gleichförmigkeit Gefühle zuschanden werden und Ehen versteinern. Hier aber wird der Aufbruch aus dem erschöpften Leben zum Beginn einer langsamen Heimkehr. So steht diese Geschichte exemplarisch für die kühne Gratwanderung einer Literatur, die unbeirrt die Verhältnisse in den Blick nimmt, ohne den Glücksanspruch preiszugeben, den die Wirklichkeit verweigert.

Stamms lakonischer Realismus zeichnet das Bestehende im Modus des Apokalyptischen: Rasenflächen wie dunkle Verliese, Einöden aus sterilen Einfamilienhäusern, Stadtlandschaften, die aussehen, als hätten die Bewohner sich aufgemacht und alles stehen und liegengelassen. Wie der Protagonist dieser Geschichte. Behutsam führt die Erzählung ihre Figuren an einen Punkt, wo sich Wunsch und Wirklichkeit gabeln. Mit feinem Orientierungssinn finden die Entzweiten auf diesen widersprüchlichen Pfaden wieder zusammen. Ähnlich wie in der berühmten Kalendergeschichte "Unverhofftes Wiedersehen" von Johann Peter Hebel, in der ein junger Bergmann vom Schlund der Erde seiner Geliebten entrissen wird, steht am Ende der Tote wieder vor Tür. Erst im Imaginären löst sich der Bann, der auf der unheimlichen Alltagswelt liegt. Schöner lässt sich nicht bekräftigen, wozu es des Erzählens bedarf.